Jülich - Von Kaviar bis Hartholz: Jagd auf Schwindler

Von Kaviar bis Hartholz: Jagd auf Schwindler

Von: Volker Uerlings
Letzte Aktualisierung:
6578263.jpg
Gut und teuer: Kaviar ist ein lukratives Geschäft. Für den aus dem Kaspischen Meer gilt das in besonderem Maße, auch wenn er streng geschützt ist. Foto: Imago/Peter Widmann

Jülich. Es muss nicht immer Kaviar sein. Das Team der Agroisolab GmbH ist nicht sehr wählerisch und gibt sich auch mit wesentlich profaneren Produkten zufrieden: Holz, Kartoffeln, Mais, Schweinefleisch. Doch die Eier vom Stör aus dem Kaspischen Meer sind nun einmal das jüngste Beispiel für die erfolgreiche Arbeit der Jülicher Herkunftsdetektive.

Das Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, das beinahe jeglichem Etikettenschwindel bei organischen Produkten auf die Spur kommt. Kölner Zollfahndern und Richtern in Darmstadt half das nun, Kaviarschmuggler zu überführen, die Zoll und Fiskus 150.000 Euro vorenthalten wollten und zu einem Jahr Haft verurteilt worden sind.

Die Verführung ist in doppelter Hinsicht groß: Beluga-Kaviar aus dem Kaspischen Meer gilt als das teuerste Lebensmittel der Welt, ist aber im Bestand gefährdet und daher streng geschützt. Ein Weg, den Schutzanforderungen zu entsprechen und gleichzeitig hohe Einfuhrabgaben zu sparen, ist die Nachzucht – oder wäre es.

Die sieht nach Angaben von Markus Boner, Geschäftsführer der Agroisolab GmbH, so aus: „Man bringt die Störe hierher, mästet sie, um den Kaviar letztlich in Deutschland zu ernten, wie es heißt.“ So sollte das im Falle eines Mannes aus Pfungstadt gewesen sein, der eine Störzuchtanlage betrieben hat. Die „Ernte“ ist aber ein langwieriges Geschäft. So hegten die Zollbeamten Zweifel, weil der inzwischen Verurteilte in einem Jahr die stattliche Menge von mehr als 100 Kilogramm Kaviar an mehrere Spitzenrestaurants verkauft hatte. Das war allerdings kein nachgezüchteter „deutscher“, sondern original Beluga-Kaviar, der geschmuggelt worden war. Käufer und Gourmets wähnten sich mit gutem Gewissen auf der sicheren Seite. Der Verkäufer dachte an den schnellen Profit und keine Sekunde daran, die Schutzzölle zu zahlen.

Den Nachweis liefert das vom Jülicher Unternehmen entwickelte Verfahren mit dem schwierigen Namen „Multielement Stabilisotopenanalyse“. Dahinter verbirgt sich eine recht einfache Erkenntnis: Das Gewicht bestimmter Wasserisotopen ist an jedem Fleck auf dem Globus unterschiedlich. Agroisolab kann diesen „Fingerabdruck der Natur“ bestimmen und mit verfügbaren Daten vergleichen. „Wir haben mit dem Zoll eine Referenzdatenbank aufgebaut“, sagt Markus Boner, um „Kaviarverschiebungen festzustellen“. Im aktuellen Fall waren aber nicht nur die Wasserisotope von Bedeutung, sondern auch Schwefelwerte. Letztlich ließ sich zweifelsfrei feststellen, dass der Kaviar aus dem Kaspischen Meer stammte – und nicht aus deutschen Nachzuchtbecken.

Im Lager des Jülicher Unternehmens, das einmal im Forschungszentrum entstanden ist und im Technologiezentrum Jülich seine Gründerjahre verbracht hat, stehen einige angesägte Holzstühle und -tische. „Wir waren im Auftrag eines Kunden groß einkaufen und haben Bangkirai-Produkte geprüft“, berichtet Markus Boner lächelnd. „Wir haben zehn Proben genommen und nicht einmal Bangkirai gefunden.“ Statt dessen wurden Ersatzhölzer eingesetzt, die laut Agroisolab auch „hochwertig“ gewesen seien. Das tropische Bangkirai-Holz gilt als beinahe unverwüstlich und ist etwa 50 Prozent fester als das einer Eiche. Die Nachfrage ist entsprechend, das Vorkommen aber sehr begrenzt. Der Agroisolab-Geschäftsführer weiß: „Es ist kaum noch möglich, Bangkirai legal zu erwerben.“ Das verdeutlicht die Motive für Falschdeklarationen, denn die echte Ware ist teuer.

Das betrifft bei weitem nicht nur Material aus den Tropen. Eichen aus der russischen Amur-Region würden über die nahe Grenze nach China gebracht und dort verarbeitet und schließlich als „chinesisches Eichenholz“ verkauft, nennt Markus Boner ein weiteres Beispiel für Etikettenschwindel. Die Amur-Eiche aus Russland darf nämlich nicht geschlagen werden.

Boner sieht eine generelle Entwicklung: „Holz hat einen enormen Stellenwert bekommen und wird als Bedarfsgegenstand mehr und mehr gleichgesetzt mit Lebensmitteln.“ Obwohl ein nachwachsender Rohstoff, sei es eigentlich eine „endliche Ressource“, da der Anbau viele Jahre in Anspruch nehme und die Flächen dafür nicht einfach so vergrößert werden können. Das ist in der EU auch ein Thema, denn seit 1. März verlangt die neue Holzhandelsverordnung den Nachweis von Spezies und Herkunft.

Das Geschäftsmodell der Agroisolab GmbH in Jülich dürfte also noch langfristig gefragt sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert