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„Von Baesweiler lernen heißt siegen lernen“

Von: Berthold Strauch
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Beste Stimmung beim Industriedialog: Moderator Helmut Rehmsen (von links) im Gespräch mit Baesweilers Bürgermeister Willi Linkens und dem Dürener Unternehmer Eberhard Hess. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die Hoffnung auf eine gute Zukunft liegt bereits im gewählten Namen: Der „erste Aachener Industriedialog“ soll also keine Eintagsfliege sein, sondern fortgesetzt werden. Mehr als 200 Gäste aus Unternehmen, Wirtschaftsförderungseinrichtungen, Kommunen, Politik und Hochschulen aus dem gesamten Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen kamen zur Premiere am Montagabend an einem Vorzeigeort für industriellen Fortschritt – wo es aber auch Rückschläge gab: ins Philips-Entwicklungszentrum für hochmoderne Lichtelemente.

Das Philips-Areal in Rothe Erde stehe für einen permanenten Strukturwandel, betonte Gastgeber Karl Spekl, der Aachener Standortleiter. Hier werden jährlich über 150 Millionen Halogen-Xenon-Leuchten für Autos, gut 100 Millionen Haushaltslampen hergestellt. Mit 1600 Mitarbeitern sei Philips einer der größten privaten Arbeitgeber in der Stadt. Und im LED-Entwicklungs- und Forschungszentrum werde an künftigen Lichtlösungen gearbeitet, wobei in der Variante OLED besonderes Potenzial stecke.

„Zu kurz gekommen“

Es sei „höchste Zeit, dass wir mit der Industrie ins Gespräch kommen“, bekräftigte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Dies sei bislang „zu kurz gekommen“. Wie wichtig dieser Bereich sei, werde erst dann wieder schmerzlich bewusst, wenn es Entlassungen gebe. Die Industrie sei einem immensen Strukturwandel unterworfen. Und Philips, so der OB weiter, sei „ein Paradebeispiel, dass er bei großen Anstrengungen gelingen kann“. Es gelte, sich intensiv vorzubereiten, bevor es neue Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft gebe.

Trotz aller Einschnitte, die es in der Region gerade im vergangenen Herbst gegeben habe, könne der industrielle Sektor Zuwachsraten vermelden, erläuterte der neue IHK-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer: Seit 2010 gebe es 2500 industrielle Arbeitsplätze zusätzlich im Kammerbezirk.

Professor Klaus Kost (siehe Infobox) empfahl den Verantwortlichen der Region Aachen auch, nicht nur theoretisch zu diskutieren, wie die Industrie vorangebracht werden könne, sondern auch „ein Leitprojekt“, einen „Leuchtturm“ zu entwickeln, damit man sich Konkretes vorstellen könne. Gefragt seien „Dinge zum Anfassen, mit denen sich alle identifizieren könne“.

Wie der Prototyp des von Kost vorgeschlagenen „Mister Industriepolitik“ – einer „Lokomotive“, eines „Powerplayers“ für die Region – sein könnte, dazu lieferte der Baesweiler Bürgermeister Willi Linkens ein exzellentes Beispiel. Im Gespräch mit Moderator Helmut Rehmsen beschrieb der promovierte Jurist aus dem Norden der Städteregion, wie er es geschafft hat, aus dem Baesweiler Gewerbegebiet eine blühende Wirtschaftslandschaft zu formen. So erzählte Linkens zum Beispiel, wie er „jeder auch nur einfachen Chance hinterherrennt“ – in der Hoffnung, dass sich ein neuer Betrieb ansiedelt. Dass er dabei oft genug erfolgreich war, zeigen die erreichten Jobzahlen: Stolze 3600 sind es inzwischen geworden.

So etwas könne nur gelingen, sagte Linkens, wenn es einen „Kümmerer“ gebe, an den sich die Firmen bei Fragen oder Problemen wenden könnten. Man dürfe nicht warten, „bis die Unternehmen kommen“, sondern konkrete Akquise betreiben und „den Standort vermarkten“. Linkens‘ Credo: Man dürfe sich nicht nur um die Firmen kümmern, „bis die Tinte unter dem Vertrag trocken ist, sondern muss rund um die Uhr ansprechbar sein“. Rehmsens Fazit: „Von Baesweiler lernen heißt siegen lernen.“

Wo es weniger gut klappt mit der Unternehmensbetreuung, beschrieb Eberhard Hess von der Dürener Carl Krafft & Söhne GmbH & Co. KG. Beispielhaft verwies er auf Expansionspläne für „normale Fertigung, keinen Schmitzbetrieb“, die einfach „zügiger umgesetzt“ werden müssten. Es störe ihn, dass er „von Pontius zu Pilatus“ laufen müsse, bis er eine Genehmigung habe.

In Workshops vertiefen

Neben weiteren Gesprächsrunden (siehe Zitatleiste) war es Städteregionsrat Helmut Etschenberg, der kurz beschrieb, wie es nach dem „ersten Aufschlag“ mit dem Industriedialog weitergehen soll. Die von der Vorbereitungsgruppe benannten vier Handlungsfelder – Rahmenbedingungen, Innovationen und Technologietransfer, Fachkräfte sowie Standortmarketing – sollen nun in Workshops konkret vertieft werden. Man müsse, fügte Etschenberg an, „den Ehrgeiz haben, etwas Fassbares daraus zu machen“. Spätestens im kommenden Herbst soll es einen zweiten Industriedialog geben, bei dem denn auch ein abgestimmtes „Konzept für die Industrie 2020“ präsentiert werden soll.

An diesem Diskussionsprozess, bekräftigte der Aachener DGB-Chef Ralf Woelk, sollten auch die Arbeitnehmer eingebunden werden. Als Sozialpartner seien sie ja bereits in einem intensiven Kontakt mit Unternehmen und Politik, fügte der Gewerkschafter an. Dies verhindere auch, dass sich mancher „wie bei der Campusbahn über den Tisch gezogen fühlt“. Im einem Pressegespräch vorab hatte Woelk darauf verwiesen, dass er sich ebenso gut vorstellen könne, dass in diesen Prozess auch die Sozialverbände, Kirchen und andere Interessenverbände eingebunden werden.

Schirmherr Günther Horsetzky, Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium, fasste in seinem Schlusswort zusammen: „Wir müssen die Pflanze Industrie richtig pflegen. Sie braucht belastbare Rahmenbedingungen.“

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