Aachen - Sprechen mit Gebärden, arbeiten wie alle

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Sprechen mit Gebärden, arbeiten wie alle

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
Das Weihnachtsgeschäft im Mö
Das Weihnachtsgeschäft im Möbelhaus läuft auf Hochtouren, auch im Lager ist viel zu tun. Wer dort arbeitet, braucht einen Blick fürs Wesentliche. Den hat Claudia Freh, sagt ihr Arbeitgeber. Foto: Harald Krömer

Aachen. Im Lager des großen Möbelhauses türmen sich Kartons. Das Weihnachtsgeschäft läuft auf Hochtouren, täglich kommt neue Ware herein, noch mehr als sonst. Es gibt viel zu tun für Claudia Freh, die gerade eine Lieferung mit Bilderrahmen auspackt. Neben ihr unterhalten sich zwei Kollegen.

Wollen sie die junge Frau auf sich aufmerksam machen, müssen sie sie antippen, gestikulieren oder etwas aufschreiben. Umgekehrt ist das genauso.

Claudia Freh, 25, blonde kurze Haare, sportlich und mit gewinnendem Lächeln, ist gehörlos. Ein Schicksal, das sie nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bundes deutschlandweit mit etwa 80.000 Menschen teilt. Mit zwei Jahren erkrankte sie an Hirnhautentzündung und verlor ihre Fähigkeit zu hören. Seit Februar arbeitet sie als Fachkraft für Lagerlogistik bei Porta in Aachen.

Einmal im Monat kommt Gebärdensprache-Dolmetscher Wolfgang Knott ins Haus. Dann setzen er, Claudia Freh und Thomas Reimnitz, Verwaltungsleiter bei Porta, sich zusammen, um mögliche Missverständnisse zu klären. Oder Probleme, die sich nur im ausführlichen Gespräch lösen lassen. Knott ist Sozialarbeiter beim Bildungsträger Salo in Köln, der Ausbildungen für gehörlose Menschen anbietet. Den Kontakt hatte die Aachener Agentur für Arbeit der jungen Frau hergestellt. Um ihre Ausbildung machen zu können, brauchte sie einen Praktikumsplatz. Den haben Salo und die Agentur gemeinsam gesucht und bei Porta gefunden.

Heute ist so ein Tag, an dem Wolfgang Knott zum Dolmetschen vorbeischaut. Er und Claudia Freh kennen sich gut. Sie begrüßen sich herzlich und scherzen miteinander. „Claudia ist sehr selbstbewusst und kann für sich kämpfen”, sagt Knott. Das habe ihn schon beeindruckt, als er sie das erste Mal getroffen hat.

Eine völlig Unbekannte war die Aachenerin für Salo und alle, die sich mit dem Arbeitsmarkt für gehörlose Menschen beschäftigen, ohnehin nicht. Vor einigen Jahren sorgte Claudia Freh bundesweit für Aufsehen, weil sie das Essener Berufskolleg für Hörgeschädigte und Gehörlose verklagt hatte. Nach der Mittleren Reife an der Dortmunder Gehörlosenschule hatte sie am Berufskolleg in Essen eine Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen. Dem Unterricht konnte sie aber nur schwer folgen, weil die Lehrer, anders als man das an solch einer Schule erwarten könnte, nicht alle ausreichend Gebärdensprache beherrschten. Kein großes Problem für die Mitschüler, deren Gehör nur ein wenig eingeschränkt war. Aber eines für Claudia Freh.

Das Ganze ging vors Essener Landessozialgericht und endete nicht im Sinne der Klägerin. Statt eines Dolmetschers bot man ihr Nachhilfe an. „Zu aufwendig, zu kompliziert”, sagt sie. Zweimal bestand sie die schriftliche Abschlussprüfung nicht und brach die Ausbildung schließlich ab. Den mündlichen Prüfungsteil hatte sie beide Male bestanden.

„Nach der Erfahrung in Essen wusste ich erstmal nicht, was ich machen sollte und war für kurze Zeit arbeitslos”, sagt sie. Ohne Ausbildung wollte sie auf keinen Fall dastehen, so viel war sicher. Sie besorgte sich einen Dolmetscher und einen Termin bei der Agentur für Arbeit. Dort wollte man sie zunächst mit ihrer bisher erworbenen Qualifikation vermitteln und keine neue Ausbildung finanzieren. Viele Gespräche und Qualifikationstests folgten, aber irgendwann lief es. Bei Salo stand ihr eine Psychologin zur Seite. Gemeinsam überlegten sie, welcher Beruf infrage käme. Industriekauffrau sollte es nicht mehr sein. In der ersten Ausbildung hatte es ihr aber gefallen, im Lager zu arbeiten - die Fachkraft für Lagerlogistik lag nahe. Zwei Jahre dauerte die Ausbildung, die Arbeitsagentur hat sie, wie auch die erste, finanziert.

Ein Pager für den Notfall

Damit Claudia Freh sich mit ihren Kollegen besser verständigen kann, hat die Agentur auch die Kosten für einen Laptop und eine CD-Rom mit Gebärden übernommen. „Jetzt lernen wir auch ein paar Grundbegriffe”, sagt Verwaltungsleiter Thomas Reimnitz. Für den Notfall trägt die junge Frau immer einen Pager bei sich. Damit kann sie Alarm schlagen, falls sie sich im Lager verletzt oder stürzt und niemand in Sichtweite ist.

„Frau Freh hat den nötigen Blick fürs Wesentliche und eine schnelle Auffassungsgabe”, sagt Reimnitz. Dass Unternehmen ab einer bestimmten Größe verpflichtet sind, Menschen mit Behinderung einzustellen und dadurch auch bei den Sozialabgaben sparen, habe bei der Entscheidung für die Mitarbeiterin eine untergeordnete Rolle gespielt. „Kompetenz und Leistung stimmen, das ist das Wichtigste.” Hinzu komme allerdings die Besonderheit, dass die gehörlose Mitarbeiterin sich nicht so schnell ablenken lasse und dadurch kaum Fehler mache.

Knott übersetzt das Lob. Claudia Freh freut sich, widerspricht aber in einem Punkt deutlich. Fehler mache sie auch, sagt sie. Wie jeder Mensch.
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