Seltene Erden: Den Bergbau in die Schublade verlagern

Von: Thorsten Karbach und Jan-Henrik Petermann
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Auf diesen Boden ist der Weltmarkt immer noch angewiesen: In einem Tagebau im chinesischen Ganxian werden Seltene Erden gefördert. Foto: dpa

Aachen. Die Hoffnung auf Ruhe bei den Seltenen Erden haben die Experten der Deutschen Rohstoffagentur längst begraben. Zwischen 2006 und 2011 ist der Preis beispielsweise für Dysprosium von 60 auf 2400 Dollar pro Kilogramm gestiegen. Das ist das Vierzigfache. Der für die Seltenen Erden – das sind spezielle Metalle – Lanthan und Cer sogar um das Sechzigfache.

2012 fielen die Preise zwar, doch 2013 wurde es, so Peter Buchholz, Chef der Rohstoffagentur, dann wieder „sehr turbulent“.

Die Auswertung läuft. Das Problem: Auch wenn neue Lagerstätten in den USA und Australien erschlossen wurden, bleiben die Rohstoffe rar und der Weltmarkt ist vor allem von China abhängig. Der Abbau kann nur schwer mit der Nachfrage Schritt halten. Rasant steigt der Bedarf, denn ohne Seltene Erden kann kein Computerchip, kein Smartphone, keine Windkraftanlage und kein Elektroauto produziert werden.

Guter Rat ist buchstäblich teuer: Er kostet zunächst einmal die Bundesregierung 60 Millionen Euro. Denn mit diesem Volumen wird ein Forschungsprojekt bis 2018 gefördert, das speziell das Recycling der Seltenen Erden voranbringen soll. „Seltene Erden und andere wichtige Rohstoffe sind für die Produktion von Zukunftstechnologien aus Deutschland unersetzlich“, hat Forschungsministerin Johanna Wanka erklärt.

Die Abhängigkeit vom Weltmarktführer China – 2012 bereits von den USA, der EU und Japan wegen Exportbeschränkungen vor der Welthandelsorganisation verklagt – ist ein Unsicherheitsfaktor für die deutsche Industrie. Alternativen werden gesucht. So hat die Technische Universität Clausthal-Zellerfeld (Niedersachsen) beispielsweise die Rückgewinnung von Indium aus LCD-Bildschirmen und Smartphones ins Auge gefasst.

Lagerstätte in der Hosentasche

Der Stolberger Helmut Spoo spricht von „Product Mining – Rohstoffe aus Produkten“. So steht es auf dem Konzept, das der Bergbauingenieur formuliert hat, und für das er Menschen gewinnen will. Spoo sagt: „Die Rohstoffgewinnung der Zukunft findet nicht unter Tage sondern in den Produkten statt.“ Er spricht von Lagerstätten in der Hosentasche, am Ohr und in der Nachtischschublade – alten wie neuen Mobiltelefonen.

„Im Grunde ist es unverantwortlich, die einfach irgendwo liegenzulassen oder sogar in den Restmüll zu werfen“, erklärt er. Der Bayerische Rundfunk vermutet in Deutschland 80 Millionen alte Mobiltelefone in Schubladen und Schränken. Was Spoo fordert ist Ressourceneffizienz – Rohstoffe, erst recht Seltene Erden, müssten bis ins letzte Gramm wiederverwendet werden.

Helmut Spoo ist Chef der Dr. Helmut Spoo Umwelt-Consulting. Er berät seit 1995 bundesweit Unternehmen in Sachen Umweltschutz, Arbeitsschutz und Managementsysteme. Und er ist Bergbauingenieur mit Leib und Seele – aber auch dem Blick in die Zukunft. „Wir müssen die Rohstoffe dort rausholen, wo es sie in hoher Prozentzahl gibt – in den Produkten“, sagt er. Wenn mittels Sammelaktionen alte Handys nach Afrika geschifft werden, sei das zunächst gut und schön, wenn sie dort aber am Ende auf dem Müll landen, werden unnötig wertvolle Metalle vom Markt genommen.

Dabei wurden allein 2011 138 Billionen Euro in die Gewinnung von Rohstoffen investiert, davon 49 Millionen Euro für Metalle und mineralische Rohstoffe. Und entstanden sind als lästiges Nebenprodukt ungezählte Tonnen Abraum. Allein für drei Gramm Gold müssten, so Spoo, in Südafrika eine Tonne Erdreich bewegt werden. „Effizient ist das jedenfalls nicht.“

All diese Probleme sind im Grunde längst erkannt. Es gibt eine Ressourcenschutzstrategie der Europäischen Union, in der novellierten Abfallrahmenrichtlinie von 2012 wird Recycling klarer denn je gefordert. Doch das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz zeigt in einem Bericht von 2012 die Wirklichkeit: Indium (wird im Touchscreen) verwendet, Gallium oder das bereits erwähnte extrem teure Lanthan wurden in Deutschland – obwohl stark nachgefragt – nicht zurückgewonnen.

Null Gramm steht an entsprechender Stelle der Statistik. „Das geht offenbar alles in die Müllverbrennung. Das ist nicht hinnehmbar, das sind Millionenwerte“, findet Spoo der ehrenamtlich im Verein Deutscher Ingenieure eine Richtlinie zur Ressourceneffizienz erarbeitet.

Der launische Markt

Auf der anderen Seite werden Milliarden von der Industrie investiert, um Seltene Erden oder auch Tantal aus dem Kongo einzuführen. Launisch nennt die Deutsche Rohstoffagentur den Markt 2013. Das Ausmaß der Preisschwankungen sei bei den Seltenen Erden – 17 Einzelelemente – einzigartig. „Wir haben in den letzten fünf Jahren zwar auch beim Eisenerz und bei anderen Metallrohstoffen hohe Volatilitäten gesehen. Jedoch waren die Sprünge nirgendwo so ausgeprägt wie bei den Seltenen Erden“, erläutert Peter Buchholz.

Zunehmend werden mit den Preisen spekuliert. Der Hype um Windkraftanlagen und Elektromobilität habe zu einer regelrechten Panikreaktion an den Märkten gesorgt. Der „Club of Rome“, eine weltweite Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik warnt, dass sich die Zivilisation Seltene Erden bald nicht mehr leisten könne. „Jede Tonne, die wieder aufbereitet werden kann, entlastet die Primärmärkte“, sagt Buchholz.

Der Wille der Industrie – die Wirtschaftswoche nennt Unternehmen wie Siemens, Daimler, Osram und BASF – ist vielerorts unverkennbar. Doch um eine Tonne mittels Recycling zu gewinnen, braucht es Smartphone-Berge und LCD-Bildschirmtürme, sind doch meist nur wenige Gramm verbaut. Was für Hindernisse!

Das bisherige Elektroschrottrecycling sei noch nicht effizient genug, beschränke sich zu sehr auf die Materialien wie Gold und Kupfer, die in größeren Menschen verbaut sind – und da zählen die Seltenen Erden eben nicht hinzu.

„Doch bei großen Stückzahlen wird es sich lohnen. Der Rohstoffwert eines elektronischen Produkts – selbst der elektrischen Zahnbürste – ist niemals Null“, betont der Stolberger Spoo und spricht von Up- statt Recycling. „Wir müssen dieses Neuland betreten. Der wichtigste Logistikpartner ist dabei der Mensch, er muss auch einen Anreiz bekommen, entsprechend zurückzugeben.“

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