Aachen - Schuh: „Erfolg des Campus ist kaum noch aufzuhalten“

Schuh: „Erfolg des Campus ist kaum noch aufzuhalten“

Von: Thorsten Karbach
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Jetzt ist die Begeisterung endlich greifbar: Günther Schuh, Geschäftsführer der RWTH Aachen Campus GmbH sagt, dass der Erfolg des Campus nun nicht mehr aufzuhalten ist. Foto: Andreas Steindl
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Musste viele Hürden nehmen, die die Öffentlichkeit nicht wahrgenommen hat: Hermann Brandstetter, Geschäftsführer der Campus GmbH.

Aachen. Günther Schuh nennt es eine Schnapsidee, die damals – vor zehn Jahren – entwickelt wurde. Eine Hochschulerweiterung, wie es sie in Deutschland bis dato noch nicht gab. Eine neuartige Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft in sogenannten Cluster. Eine Investition von zwei Milliarden Euro in Aachen. Langsam aber sicher kann Schuh mit Hermann Brandstetter den Sekt kalt stellen.

Die beiden Geschäftsführer der RWTH Aachen Campus GmbH erleben die Fortschritte vor und hinter den Kulissen. Der Campus wächst.

Was empfinden Sie, wenn Sie jetzt aus dem Fenster auf die Baustelle schauen?

Schuh: Das ist schon Begeisterung. Wobei bei mir die größte Begeisterung darüber aufkommt, dass jetzt fremde Dritte begeistert sind. Es ist für uns schön zu sehen, wie sich dieses Gebiet jetzt entwickelt. Es überrascht uns natürlich nicht, weil wir jeden Schritt planerisch gestaltet haben.

Brandstetter: Ich finde klasse, die Hochbauten zu sehen. Keiner kann mehr sagen: Hier passiert nichts. Es geht jetzt nach und nach weiter, vertraglich ist das fixiert. Das ist ein schönes Gefühl.

Diese lange Planphase wurde Ihnen auch schon als Stillstand ausgelegt, und es gab und gibt auch immer wieder skeptische Stimmen…

Schuh: Was ich persönlich unterschätzt habe, und was ich mir viel früher gewünscht hätte, ist, dass unsere Fortschritte, wenn wichtige Verträge unterzeichnet waren, auch als solche wahrgenommen wurden. Wenn wir „Hurra“ gerufen haben, weil wir Durchbrüche gefeiert haben, dann ist es uns sehr schwer gefallen, die der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Aber es ist wohl menschlich, dass erst Gebäude, gerade schöne Gebäude, wirken. Und dass der Fortschritt jetzt auf so viele Menschen wirkt, ist für mich das emotionale Momentum.

Spüren Sie eine Art Grundskepsis der Menschen gegen Großprojekte?

Schuh: Es gab Phasen, in denen wir darum kämpfen mussten, dass uns so ein Großprojekt geglaubt wurde. Das Schönste ist jetzt das stille Genießen, dass dieses Projekt sich so entwickelt hat. Die Menschen sind so. Wenn es real und physisch ist, dann lassen sie sich überzeugen. Wenn wir das Cluster Logistik nehmen: Es gibt viele Menschen, die es von der ersten Zeichnung an begleitet haben. Aber wenn man jetzt vor der Fassade steht, dann ist das ein ganz anderes Gefühl. Da muss auch ich sagen: Wow, das ist ein imposantes Gebäude geworden.

Sie hätten sich den Weg dahin aber leichter vorgestellt?

Schuh: Ja, definitiv.

Was für Hürden gab es, die so vielleicht nie sichtbar waren?

Schuh: Ich habe selber nicht geglaubt, dass das Campus-Konzept für alle notwendigen Beteiligten – das fängt bei der Hochschule an, geht über den Bau- und Liegenschaftsbetrieb und die Stadt Aachen bis zur Politik in Düsseldorf, eine so anspruchsvolle Nummer ist, dass wir alle mit dieser Campus-Idee erstmal überfordert haben. Das habe ich unterschätzt.

Überfordert?

Schuh: Mein Vorgänger Professor Eversheim hätte vielleicht schöner formuliert: Alle mussten sich bis zur Decke strecken, um Erfolg zu haben. Und müssen das jetzt auch noch.

Brandstetter: Wir hatten eine Vision, eine Idee. Aber es ist immer eine andere Sache, die dann auch zum Leben zu erwecken. Da kommt man zwangsläufig an eine Reihe von Stolpersteinen, die man am Anfang so gar nicht im Kopf haben konnte. Unser Projekt hatte immer zwei Dimensionen: Auf der einen Seite die inhaltliche Geschichte, die Cluster mit der Kooperation mit der Industrie, auf der anderen Seite die Geschichte, wie wir diese in ein attraktives Leistungsangebot für Investoren einpacken, damit wir auch die entsprechenden Gebäude bekommen. Und das alles aufzusetzen, auch mit besonderen vertraglichen Konstruktionen, da müssen wir fairerweise sagen: Da haben wir schon viel Zeit für gebraucht. Aber es gab dieses Campus-Konzept in dieser Form eben noch nicht.

Das heißt: Wie lange müssen wir uns den Vorlauf vor dem ersten Spatenstich für so ein Cluster vorstellen?

Schuh: Mit der inhaltlichen Gestaltung, der Frage, was die spannenden Themen für Forschung und Industrie sind, und diese Fragen mit Forschungspartnern auch schon einmal vorab zu besprechen, drei bis fünf Jahre. Weit bevor wir mit den Investoren überhaupt über ein Gebäude gesprochen haben, haben wir – so wie ein Einkaufszentrum auch seine Ankermieter wie H&M hat – mit Partnern aus der Industrie Kontakt aufgebaut und die Inhalte der Cluster diskutiert. Da ergeben sich zwangsläufig Zusammenarbeiten. Wenn wir jetzt ein Cluster Schwerlastantrieb mit einem Schwerpunkt Windkraftanlagen bauen, dann geht das nicht ohne die großen, weltweit agierenden Player wie Bosch/Rexroth oder Siemens Winergy. Die sind quasi unsere Ankermieter. Wenn wir vorher keine Signale von denen hätten, dann wäre die Entscheidung im Rektorat über die Zulassung eines solchen Clusters anders ausgefallen.

Welche Reaktionen haben Sie in der Industrie ob der Campus-Idee erfahren?

Schuh: Fasziniert sind unsere Partner sofort. Aber das Konstrukt ist schon innovativ und damit noch ungewöhnlich. Das muss man erst mal beliebt machen. Zum Beispiel brauchen wir, damit Privatinvestoren auf eigenes Risiko bauen, langfristige Mietverträge. Die Firmen wollen sich aber nicht immer 10 bis 15 Jahre binden. Da müssen dann Kompromisse gefunden werden. Wenn wir uns mit den Fachabteilungen für Forschung und Entwicklung schnell einig waren, was das im Cluster für eine tolle Zusammenarbeit werden würde, sind wir zum Beispiel beim Facility Management oder den Real-Estate-Leuten im ersten Versuch schon mal leicht auf Grund gelaufen. Dort ist die Vorsicht größer. Im Ausland übrigens noch größer, so dass es aktuell noch vor allem deutsche Unternehmen sind, die sich in einem Cluster immatrikulieren. Wir wollen natürlich auf längere Sicht einen internationalen Campus. Aber man muss am Anfang ja nicht direkt mit dem Kopf durch jede Wand.

Wenn wir das ganze Projekt mit einem Marathonlauf vergleichen. An welchem Kilometer sind Sie?

Schuh: Über den Punkt, den an dem sich der Läufer wirklich überwinden muss, sind wir hinaus. Insofern denke ich, wir sind hinter Kilometer 30. Es ist zwar immer noch mühsam, und wir müssen uns auch noch anstrengen. Aber das Ziel rückt näher.

Brandstetter: Der Vergleich hinkt allerdings. Der Marathon ist am Anfang einfacher und wird später schwieriger. Bei uns war und ist es genau anders herum.

Das klingt zuversichtlich...

Schuh: Wir wurden anfangs latent des Ankündigungstourismus‘ bezichtigt und wurden dann zurückhaltender und haben gewartet, bis wir etwas zeigen konnten. Jetzt kann ich sagen: Der Erfolg des Campus ist kaum noch aufzuhalten. Es ist einzigartig, dass wir für diese Hochschulerweiterung, für diese Cluster, private Mittel in diesem Maße anwerben konnten. Das hat uns kaum einer zugetraut. Es ist ja eigentlich Aufgabe des Landes, Hochschule auszubauen. Doch das hier wäre dann nicht möglich gewesen. Und für den internationalen Vergleich ist dieser Campus von großem Wert. Dass renommierte Investoren auf ihre Kappe ein zig Millionen Risiko eingehen, und international angesehene Architekten gewinnen, das ist der Beweis, dass das Campus-Konzept etwas Besonderes ist. Viele glauben uns gar nicht, dass wir das hier nicht mit öffentlichen Mitteln auf die Beine stellen. Diese Hochschulentwicklung ist ein Geschäftsmodell, das ich mir für die gesamte Hochschullandschaft in Deutschland wünsche. Da können wir in Anspruch nehmen, dass wir etwas hinbekommen haben, was in Deutschland bisher noch keiner so hinbekommen hat.

Nachahmung ist also erwünscht?

Schuh: Der Rektor und ich werden oft gefragt, warum wir unsere Idee so offen erzählen. Ob wir keine Angst haben, dass uns das abgeguckt und nachgemacht wird. Dann sagen wir immer: Erstens haben wir das nicht allein als gutes Konzept für uns ausgemacht, sondern glauben wirklich, dass dies als ein gutes Konzept für die Ergänzung der öffentlichen Hände bundesweit geeignet ist. Wir wollen, dass es Nachahmer gibt. In der gesamten Breite der Gesellschaft und der Industrie würde das die Akzeptanz solcher Modelle erhöhen. Und auf der anderen Seite haben wir einen kleinen Vorsprung und ich mache mir keine Sorgen, dass wir von einem Nachahmer mal schnell überholt werden könnten.

Was steht nun in Ihrer Planung an?

Schuh: Wir haben den Drei-Phasen-Plan. Wir sind über den Zenit von Phase 1 klar hinaus. Die Verträge für das Cluster Optische Technologien werden wir noch in diesem Jahr beurkunden, so dass die ersten sechs Cluster zur Realisierung kommen. Das meinte ich mit: Den Erfolg des Campus kann man nicht mehr verhindern. Diese sechs Startcluster gibt es, sie funktionieren schon, arbeiten zum Teil, auch wenn noch nicht gebaut wurde, schon in Übergangsräumen als Cluster. Die nächsten großen Herausforderungen der Phase 2 liegen in der Ausdetaillierung der nächsten vier oder fünf Cluster und in der Verabschiedung eines Bebauungsplans für den Campus West. Die nächsten Cluster sind ab Sommer 2014 geplant, wobei wir jetzt schon in der Vorbereitung sind. Da brauchen wir wieder diese Helden in Gestalt von Cluster-Leitern und deren Teams. Gute Themen haben wir an dieser Hochschule genug. Aber das alleine reicht nicht aus.

Ich gehe davon aus, dass wir am Ende sechs, sieben oder acht echte Bewerber für die nächsten Cluster haben. Die größte Herausforderung stellt der Bebauungsplan für den Westbahnhof dar, wo der Bau- und Liegenschaftsbetrieb noch Pionierarbeit leisten muss. Da drängen wir auch sehr, ich bin mir aber auch sicher, dass auch dieses Vorhaben am Ende ein Erfolg wird. Nach wie vor sind wir von der Idee beseelt, dass das alles einmal ein großer zusammenhängender Campus wird. Mit vereinten Kräften von Stadt, Land und Hochschule werden wir auch den Campus West nach und nach bebauen und damit einen neuen und hoffentlich attraktiven Stadtteil schaffen. In der abschließenden Phase 3 werden wir dann weitere Forschungscluster auf beiden Arealen etablieren und die bestehenden Cluster in weiteren Bauabschnitten verdichten.

Wann werden wir demnach vom Westbahnhof über den Campus bis nach Melaten spazieren?

Schuh: Die Frage nach einem Zeitpunkt musste ja kommen. (lacht) Also, ich bestätige, dass wir diesen Spaziergang machen werden. Mit dem Zeitpunkt habe ich es nicht so. Planmäßig wäre das erste Wandeln über eine Brücke zwischen den beiden dann verbundenen Gebieten 2017 möglich. Das kann aber auch ein, zwei Jahre später werden. Wir haben entgegen unserer ursprünglichen Planung schon etwas mehr als zwei Jahre verloren. Dafür sind wir auch kritisiert worden. Aber wichtiger ist, dass das positive Momentum bei allen Beteiligten erhalten worden ist. Wir haben uns am Anfang erhofft, Magnetismus zu erzeugen. Und das Schöne ist: Wir können jetzt das magnetische Feld erleben. Das macht die Arbeit leichter. Und vor allem macht es riesige Freude!

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