„Life Sciences”: Hauptrolle für eine kleine weiße Matrix

Von: Christina Merkelbach
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Matricel-Experten am Werk: Hans Leemhuis (l.) und Leon Olde Damink stellen eine Mischung aus Kollagenfasern her. Foto: Stefan Schaum

Herzogenrath. Ingo Heschel glaubt fest an die Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers. Man müsse nur ein wenig nachhelfen. Das sagt er und zeigt dabei auf einen winzigen weißen Schwamm, der vor ihm auf dem Tisch liegt.

Verwirrung bei der Besucherin: Was hat dieses unscheinbare Schwämmchen mit den Selbstheilungskräften des Körpers zu tun? Der Biomedizintechniker lächelt. Die Frage hat er erwartet. Und einiges zur Erklärung vorbereitet. Fotos von einer Knieoperation zum Beispiel. Da muss sein Besuch jetzt durch.

Ingo Heschel, 48, ist Geschäftsführer der Matricel GmbH mit Sitz im Technologiepark in Herzogenrath-Kohlscheid. 2001 gegründet, beschäftigte sie zunächst vier Mitarbeiter. Inzwischen sind es 18. „Tissue Engineering” lautet der internationale Begriff für den Forschungszweig der Biotechnologie, auf den Matricel spezialisiert ist. Übersetzen kann man das sinngemäß mit „gesteuerte Geweberegeneration”. Dabei spielt das, was vor Ingo Heschel auf dem Tisch liegt, eine wesentliche Rolle. Der Mini-Schwamm ist eine Matrix aus Kollagen. Sie ist Trägersubstanz für die Zellen, mit deren Hilfe neues Gewebe entsteht.

Dazu werden Zellen des betreffenden Patienten oder Stammzellen aus Nabelschnurblut verwendet. „Es ist möglich, aus 10.000 Zellen zehn Millionen zu züchten”, erklärt Heschel. Bei der Operation eines Knorpelschadens im Kniegelenk beispielsweise, platziert der Chirurg die mit Knorpelzellen besiedelte Matrix an die Stelle, wo der körpereigene Knorpel zerstört ist oder ganz fehlt.

Dort sorgen die Zellen dafür, dass sich neues Knorpelgewebe bildet. „Seit 2002 ist dieses Verfahren bei mehreren tausend Patienten in Europa und Australien erfolgreich klinisch eingesetzt worden.” Für den Vertrieb ist der Biotechnologie-Riese Genzyme zuständig. Auch bei anderen Produkten kooperiert Matricel mit dem US-amerikanischen Großkonzern.

Ingo Heschel reicht seiner Besucherin eine der kleinen weißen Matrizen, die vor ihm liegen. Weich ist sie und gibt beim Drücken zwischen Daumen und Zeigefinger nach wie extrem weiches Gummi. Matricel verwendet Kollagen vom Schwein. Dessen Kollagen-Struktur, sagt Heschel, sei der Menschlichen äußerst ähnlich. In den Produktionsreinräumen wird es so gesäubert und aufgearbeitet, dass es für den Körper nicht schädlich ist. Während die Zellen das neue Gewebe produzieren, baut der Körper das Kollagengerüst komplett ab, ohne das Giftstoffe entstehen.

Untersuchungen, wie man die Matricel-Technologie bei Rückenmarksverletzungen einsetzen kann, sind im Anfangsstadium. Wesentlich weiter ist man mit einem Produkt, dass für die Regeneration der Haut nach schweren Verbrennungen sorgt. Bei den meisten Projekten arbeitet Matricel mit klinischen Partnern.

Bei diesem kooperiert das Unternehmen mit der Freien Universität Amsterdam, dem dort nahe gelegenen Brandwundenzentrum und dem Fraunhofer-Institut für Lasertechnik in Aachen. Das Innovative an dem Produkt: Mit ihm kann sich nach Verbrennungen nicht nur die Oberhaut, sondern auch die sogenannte Lederhaut oder Dermis regenerieren. „Dazu braucht man eine Matrix mit spezieller Struktur”, erklärt Heschel. Bisher hat es genau diese nicht gegeben.

Vor einige Tagen ist Matricel mit einem Produkt auf den Markt gegangen - der dritte sogenannte „Product Launch”. Diesmal geht es um eine zahnmedizinische Neuerung. Mit ihr können Kieferknochen regeneriert werden, die sich zurückgebildet haben. Das kann bei Parodontose passieren, vor allem aber, wenn verlorene Zähne über viele Jahre durch Prothesen überbrückt wurden. Damit nach entfernter Brücke ein besser verträgliches Implantat eingesetzt werden kann, muss zuvor ein neuer Knochen gezüchtet werden. „Im schlimmsten Fall kann es sonst sein, dass der Kiefer bricht”, erklärt Heschel. Auf Fotos verzichtet er diesmal.

Über 250 regionale Unternehmen, eines der ersten Technologiefelder

Lebenswissenschaften sind ein tragender Wirtschaftsfaktor in der Region Aachen: Laut IHK gibt es dort über 250 Unternehmen mit diesem Schwerpunkt. Eines von ihnen ist Matricel mit seinem Geschäftsführer Ingo Heschel.

RWTH, FH, Forschungszentrum Jülich und die Fraunhofer Institute beschäftigen sich mit Lebenswissenschaften, hinzu kommen private Forschungseinrichtungen. Von den 13 Technologie- und Gründerzentren haben das Medizintechnische Zentrum, der Technologiepark Herzogenrath und das Forschungszentrum Jülich einen erklärten Schwerpunkt in den Lebenswissenschaften.

„Außerdem sind sie eines der ersten Technologiefelder, in denen die Region grenzüberschreitend tätig war und es Kooperationen mit den Niederlanden und Belgien gibt”, sagt Verena Kienzle von der Agit.
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