Kreativ, mutig und ein wenig abgehoben

Von: Jenny Schmetz
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Hoch hinaus? Michael Toepffer,
Hoch hinaus? Michael Toepffer, Jana Walliser und Marco Iannicelli (v. l.) von c/o 5 mit ihrem „Kreativpiloten”-Koffer. Das Team komplettieren Julia Errens und Kai Hennes. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die einen verteilen Eierbecher aus Filz, die anderen verkaufen Gutscheinkarten aus Pappe. Hört sich simpel an, ist aber so ungewöhnlich wie innovativ - und bietet Marktpotenzial. Das meint immerhin die Bundesregierung. Sie hat die Jungunternehmer nun ausgezeichnet. Die einen sind die fünf Gründer der Unternehmensberatung c/o 5. Die anderen die drei Gründer des Epidu-Verlags.

Die beiden Start-ups aus Aachen dürfen sich mit dem Titel „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland 2011” schmücken. Mehr als 600 Kreative und Kulturschaffende aus ganz Deutschland hatten sich darum beworben. Dass von 32 prämierten Geschäftsideen gleich zwei aus seiner Stadt kommen, ist für Aachens Kulturdezernenten Wolfgang Rombey natürlich „kein Zufall”. „Wir sind nicht nur eine Stadt der Maschinenbauer”, betont er, „sondern bieten ein breites kreatives Spektrum.” Und - ob Filmemacher, Musiker oder Architekt - in der Gründerregion Aachen finden Kreative beim Sprung in die Selbstständigkeit viel Unterstützung.

Frische Ideen

So hat Johannes Tomm vom Gründerzentrum Kulturwirtschaft „ein bisschen Bohlen gespielt”. Für sein EU-Projekt „Creative Drive” hat er gecastet. Gefunden haben sich zwei Produktdesigner, ein Künstler, eine Grafikerin, ein musizierender Philosoph - und mit den Fünfen ihre Geschäftsidee: c/o 5 will „Knoten in Betrieben lösen”. Und zwar „praktisch, direkt und emotional”, sagt Michael Toepffer, mit 53 der Erfahrenste im Team. Anders als BWLer jonglieren die Praktiker verschiedener Fachrichtungen nicht mit Zahlen. Sie wagen fremde Sichtweisen und frische Ideen, um mehr Lebensqualität in Unternehmen zu bringen.

Fremd und frisch - das darf auch verrückt bedeuten: Einer Software-Firma aus Alsdorf wollten die kreativen Berater zum Beispiel einen Hühnerstall mitten ins Büro setzen. Die IT-Experten sollten mal abschalten, Hühner füttern, Eier sammeln - also: neue Energien schöpfen, Mitgefühl entwickeln, beobachten lernen, sich um die Tiere kümmern wie um ihre Kunden. Da wären dann auch die Eierbecher aus Filz ins Spiel gekommen. Die sollen irritieren und zur Kommunikation anregen. Der Software-Firma ging das Ganze dann doch etwas zu weit, aber c/o 5 arbeitet weiter für sie - und zudem für einen Fischzuchtbetrieb in der Eifel.

Und das Ei begleitet die fünf weiter. Mit dem Symbol für Erneuerung werben sie jetzt für sich selbst. Zusammen mit dem Namen, der für „care of” (zu Händen von) steht, erklärt sich ihr Anliegen: „Wir nehmen die Probleme der Unternehmen in unsere Hände und behandeln sie behutsam”, sagt Jana Walliser (28). Behutsam wie ein rohes Ei eben.

Der Name der anderen „Kreativpiloten” verrät ebenfalls schon einiges: „Epidu” verquickt „episch” und „du”. Denn die drei Verlagsgründer bieten erzählende Literatur an - und sprechen Autor und Leser übers Internet direkt an. Einen „Web-2.0-Verlag” haben die beiden Brüder und Wirtschaftswissenschaftler Cao Hung Nguyen (34) und Cao Thanh Nguyen (30) mit dem Informatiker Andreas Hudzieczek (34) gegründet. Einen Verlag, der „richtige” Bücher produziert und auf die Macht der Social Media setzt.

„Der Kunde entscheidet”, sagt Cao Hung Nguyen. Denn die Autoren stellen ihre Werke ins Netz, und die Leser stimmen ab, welche Bücher Epidu drucken lässt. Allerdings trifft das Lektorat eine Vorauswahl, um etwa rechtsextreme Inhalte auszuschließen. Seit März hat der Verlag nach diesem demokratischen Modell sechs Bücher herausgebracht, von der Vampirgeschichte bis zum Fantasy-Roman reicht der belletristische Mix. Mehr als 2000 Leser und Autoren zählen sie in ihrer Community.

E-Book zum Verschenken

Die Epidu-Macher haben „einige Ideen, die das Verlagswesen in Deutschland alt aussehen lassen”, meint die Jury. Vor allem ihre E-Book-Cards könnten aber auch dem klassischen Buchhändler gefallen. „Es ist das erste E-Book zum Anfassen und Verschenken”, sagt Cao Thanh Nguyen. Bisher war es höchstens möglich, einen Download-Link zu verschenken. „Aber das ist unsexy.” Die Brüder wollten etwas Greifbares: Wie ein Buchcover im Grußkartenformat steckt ihre E-Book-Card bald im Ständer der Buchhandlung. Der Kunde zahlt sie wie einen Gutschein bar an der Kasse, muss also keine Daten preisgeben. Der Beschenkte kann dann im Internet den Code von der Karte eingeben und den digitalen Inhalt auf alle elektronischen Lesegeräte runterladen.

Anfang 2012 soll die Pilotphase starten. Davon versprechen sich die Brüder viel: In Deutschland liegt der Marktanteil von E-Books am Buchhandelsumsatz zwar noch unter einem Prozent. „Aber in den USA geht es schon richtig ab!”, sagt Cao Hung Nguyen. Ein Zukunftsgeschäft.

Und noch eine Idee haben die Drei entwickelt: Auf ihrer Online-Plattform „Blogg dein Buch” können Verlage Marketing machen: mit Freiexemplaren, für die sich Blogger bewerben können. Im Gegenzug schreiben diese Rezensionen und verbreiten sie über ihre Netzwerke - für viele Leser eine Kaufmotivation. Schon rund 60 Verlage und 1600 Blogger sollen mitmachen.

Die „Kreativpiloten” wollen abheben, aber alle streben nicht in die Metropolen, sondern wollen in Aachen bleiben - vor allem wegen der Exzellenz-Uni. „Wir wollen ab kommendem Jahr von unserem Verlag leben können”, sagen die Drei von Epidu. c/o 5 gibt sich etwas mehr Zeit: „Wir haben jetzt einen Oscar gewonnen”, sagt Mitgründer Marco Iannicelli (28), „aber einen Film müssen wir noch machen.” Der Preis verschaffe Renommee. In Berlin haben sie allerdings keine goldene Statue in die Hand gedrückt bekommen, sondern einen orangenen Pilotenkoffer. Darin finden sich ein Kaffeewärmer mit USB-Anschluss und grüne Glückssträhnen aus Weingummi. Die einjährige Begleitung mit Workshops und individueller Hilfe dürfte wohl noch etwas mehr Auftrieb geben.
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