Aachen - Kaffee als Lebensstil: Klein, stark, schwarz - und edel

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Kaffee als Lebensstil: Klein, stark, schwarz - und edel

Von: Udo Foerster
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Kaffeegenuss für den gehobene
Kaffeegenuss für den gehobenen Anspruch: Drei Existenzgründer aus der Region haben ihre Passion zum Beruf gemacht. Foto: Imago/Südraumfoto

Aachen. Sicco Kopka ist ein Magier. Voller Hingabe zaubert der 41-Jährige seine Kaffeekreationen. Seit vielen Jahren schon lebt der Existenzgründer im Bann der Bohne, experimentierte zu Hause mit verschiedenen Sorten und improvisierten Röstverfahren - anfangs in der Pfanne auf dem eigenen Herd.

Dann beschloss der ehemalige Innovationsmanager aus der Energiewirtschaft, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Im Oktober gründete er im Aachener Pontviertel die Firma „Maqii” - eine Rösterei mit eigenen Spezialitäten und Probierstube für Freunde erlesener Varianten des beliebten Heißgetränks.

Kopkas Kreationen tragen allesamt fantasievolle Namen: „Halleluja” beispielsweise, einen Kaffee mit Sorten aus Brasilien, Indien und Äthiopien, umschreibt er mit den Worten „Die himmlische Geschmeidigkeit”. Und weiter heißt es in der Kurz-Charakteristik: „Eine Reise durch eine Vielzahl fein abgestimmter Aromen: Geschmeidig gleiten die Glukosenoten vorbei an intensiv-duftenden Kakao-Bäumen.” Poesie - in Anlehnung an die großen Weinführer. Fast gerät man ins Träumen.



Kopkas Gründung passt in den Trend. „Der Wunsch nach hochwertigen individuellen Nahrungsmitteln ist nicht erst seit dem Kochshow-Boom im Fernsehen erkennbar”, diagnostiziert er. Der Röstmeister, der auf Bio-Kaffee setzt, hält noch einen anderen Aspekt für bedeutsam: Genuss mit gutem Gewissen. Denn sowohl Anbau, Ernte als auch Weiterverarbeitung sollen ökologisch einwandfrei und zu fairen Bedingungen für die Arbeitskräfte auf den Kaffeeplantagen der Herkunftsländer in Südamerika, Asien, Afrika und Asien stattfinden.

Mit seiner Geschäftsidee hat der aus Darmstadt stammende Unternehmer beim regionalen Gründerwettbewerb AC² teilgenommen und landete im Rahmen der Zwischenprämierung unter den zehn Bestplatzierten. Überhaupt: Der Ex-Manager, der in Berlin Politische Wissenschaft, Psychologie und Medienwissenschaft studiert hat, entwickelte eine besondere Affinität zum Thema Existenzgründung. Passend zum Sujet schuf er mit dem „Starter-Coffee” ein eigenes Produkt.

Wie der Aachener Gründer nahm auch Christina Hofmann am Geschäftsplanwettbewerb AC² teil. Zwei Jahre lang hatte sie sich intensiv auf die Gründung ihres Unternehmens vorbereitet. Im März 2011 fiel endlich der Startschuss. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Roland eröffnete sie in Jülich ihre Kaffeerösterei. „Beans & Friends - Kaffeerösterei und mehr” lautet ihr Slogan.

Denn nicht nur frisch gerösteten Kaffee bietet sie ihren Kunden. Daneben setzt sie auf den Verkauf hochwertiger Produkte regionaler Herkunft - darunter Jülicher Fruchtaufstriche und Honig der Jülicher Zitadellen-Imkerei. Im Geschäft lassen sich in gemütlicher Atmosphäre Kaffeespezialitäten aus Süd- und Mittelamerika sowie Afrika genießen.

Beim Einkauf der Ware legt Christina Hofmann - wie Kollege Kopka - ebenfalls größten Wert darauf, dass der Kaffee umweltschonend angebaut und zu gerechten Konditionen für die Produzenten und Arbeiter in den Herkunftsländern geerntet wird. „Mein Wunsch ist es, selbst einmal bei einer Ernte mitzuarbeiten, um noch mehr Gefühl für das wundervoll aromatische Getränk zu entwickeln”, berichtet sie.

Den Entschluss zur Gründung ihres Unternehmens fasste Christina Hofmann, die mit ihrem Mann in Gangelt lebt, bereits 2009. „Nachdem wir lange nach einem geeigneten Ladenlokal gesucht haben, sind wir in Jülich schließlich fündig geworden”, sagt sie. Dennoch: Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Obwohl die Gründung erfolgreich über die Bühne ging, „haben unsere Kunden anfangs gedacht, wir hätten nur ein Café eröffnet”, sagt sie. Auch Aufbau und Pflege von Netzwerken spielt für Christina Hofmann bei der Entwicklung ihres Geschäftes eine große Rolle. Sei es, um Kooperationspartner für den Ausbau des Warensortiments, basierend auf Produkten heimischer Herkunft, zu gewinnen, oder um neue Vertriebskanäle zu erschließen.

„Mit der Produktion einer eigenen selbst gerösteten Mischung wie dem von uns kreierten ?Hexenturm-Kaffee möchten wir vor allem das Jülicher Publikum ansprechen und die Verbundenheit mit unserem Standort unterstreichen”, sagt die Unternehmerin.

Was aber fasziniert Existenzgründer in der Wirtschaftsregion Aachen an der Idee, rund um das Thema Kaffee Unternehmen zu gründen? Michael F. Bayer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen sowie Geschäftsführer der Gründerregion Aachen, sieht es so: „Kaffee avanciert zunehmend zu einem Lifestyle-Produkt. Variantenreichtum und Qualitätsansprüche steigen stark an. Diese neuen Bedürfnisse wollen mit neuen Produkten und Dienstleistungen befriedigt werden - eben ein neues Gründungsthema.”

Für Andreas Heitkamp war dieses Motiv ebenfalls mit ausschlaggebend. Vor vier Jahren gründete der gelernte Physiotherapeut unter dem Namen „Baristinho” in Aachen eine mobile Espressobar. Das Kunstwort setzt sich aus dem italienischen Begriff „Barista” für den Beruf des Kaffeezubereiters sowie „inho”, der Verkleinerungsform aus dem Portugiesischen, zusammen.

Als „kleiner Kaffeezubereiter” also begeistert Heitkamp, unterstützt von seiner Frau Kirsten Heintz, seine wachsende Stammkundschaft. Unter der Woche ist das „Baristinho”-Team auf den Aachener Märkten anzutreffen. Highlight neben dem Kaffee sind die eigens komponierten und frisch hergestellten Küchlein und Backwaren, die nicht nur die eingeschworene Fangemeinde begeistern.

Heitkamp weiß viel über den Kaffee und das wechselhafte Image des schwarzen Traditionsgetränks. „Bedauerlicherweise verfügen wir in Deutschland nicht über eine eigene Kaffeekultur wie in Italien und Österreich”, sagt er.

Denn: Über Jahrzehnte hinweg dominierte der triste Kaffeepott deutschlandweit das Geschehen an Arbeitsplatz oder Frühstückstisch. „Und weil das Zeug darin meistens nicht schmeckte, kippte man in rauen Mengen Milch und Zucker hinein.” Dann trat Werbe-Ikone „Frau Sommer” auf den Plan, um mit ihrer „Jacobs Krönung” das ins ultimative Stimmungstief driftende Damenkränzchen vor dem Zerfall zu bewahren.

Um der Heldin der Kaffeestunde ein gastronomisches Denkmal zu setzen, wollte Heitkamp zunächst ein Café gleichen Namens eröffnen. „Frau Sommer”, sollte es heißen. „Ich fand den Namen lustig und wollte wie sie das Kaffeekränzchen retten”, erinnert er sich mit leichter Ironie.

Die Italo-Welle

In den vergangenen Jahrzehnten musste das Massenkonsumprodukt vor allem einem Kriterium entsprechen: Preiswert sollte es sein. Das gilt auch heute teilweise noch. Qualitätsbewusstsein? Geschmacksvarianten? Fehlanzeige. „Unser Kaffee soll jederzeit gleich schmecken - das hat oberste Priorität”, zitiert Andreas Heitkamp die gängige Geschäftsphilosophie, die die Chefverkosterin einer deutschen Großrösterei einst formulierte. Grottiger Geschmack, aber immerhin konstant, ätzt da der Kaffeegourmet von heute.

Doch dann kam die Italo-Welle. Silbrig glänzende Espressomaschinen fanden ihren Weg über die Alpen. Cappuccinoströme folgten, auch Wellen aus Latte-macchiato-Schaum trafen uns mit voller Kraft. Das ließ sogar den Café au lait aus Frankreich, kredenzt in suppentassenähnlichem Geschirr, kalt werden. Und vielleicht setzen demnächst - habe die Ehre - auch die österreichischen Nachbarn in der Tradition von großem Braunen, kleinem Schwarzen und Melange zum Sprung auf die teutonische Kaffeetafel an - und inspirieren damit Existenzgründer.
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