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In Genf schlägt die Stunde der Uhrmacher

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Ein Fingerzeig für die Uhrenbranche: Der Aachener Helmut Crott und sein kleines Haus Urban Jürgensen & SØnner wurden in Genf mit dieser Trophäe für die beste Herrenuhr ausgezeichnet. Foto: Michael Jaspers

Aachen/Genf. Die Zeit mag nicht still gestanden haben, als die große Stunde von Helmut Crotts Uhr schlug. Aber ein besonderer Moment, das war es allemal. Modell Reference 11 C SC aus dem Haus Urban Jürgensen & SØnner wurde beim „Grand Prix d’Horlogerie de Genève“, dem wohl renommiertesten und für die Branche auf jeden Fall wichtigsten Uhrenpreis der Welt, als beste Herrenuhr geadelt.

Die goldene Trophäe zeigt eine Hand aus der Sixtinischen Kapelle. Sie ist ein Fingerzeig für die gesamte Branche: Das traditionsreiche, weil 240 Jahre alte, aber doch recht kleine Haus Urban Jürgensen & SØnner (1773 gegründet) hat bewiesen, dass sich auch ein unabhängiger Hersteller im Konzert der großen Luxus-Firmen positionieren kann. Crott ist der Inhaber des Hauses Urban Jürgensen & SØnner, dessen Ursprünge in Kopenhagen wie auch der Schweizer Gemeinde Le Locle liegen. Er selbst firmiert in Bienne in der Schweiz. Dabei ist Helmut Crott im Herzen weiterhin: Aachener.

Es begann mit Flohmärkten

Seine Geschichte liest sich ganz wundersam prächtig. Es ist bestimmt 40 Jahre her, da hat er auf Flohmärkten gestanden, ehe er in der Aachener Königstraße seinen ersten Antiquitätenladen eröffnete. Damals bot er alles feil: Porzellan, Gläser, Möbel und eben auch Uhren. Er fühlte, dass es diese Uhren waren, die ihm die meiste Freude bereiteten. Er spürte, dass die Zeit des allumfassenden Antiquitätengeschäftes zumindest in einer Stadt wie Aachen schwierig wurde und begann, Auktionen für besondere Uhren zu organisieren. Mit Erfolg. Seine Auktionen im Aachener Spielcasino lockten vermögende Gäste aus aller Welt. Vor 20 Jahren dann verkaufte er sein Auktionshaus. Der Name „Auktionen Dr. Crott“ besteht aber weiterhin, für den 15. November ist in Frankfurt die 90. Auktion angekündigt.

Crott ist weder ausgebildeter Uhrmacher noch Kaufmann, sondern promovierter Mediziner. Aber er hat sich als Sammler und Auktionator in der Welt der Uhren einen Namen gemacht. Er war und ist immer noch als Berater für die ganz großen Namen der Welt tätig: Sotheby‘s und Christie‘s. Auktionshäuser, in denen ganz selbstverständlich Millionen Euro bewegt werden. Er arbeitete mit vielen großen und kleinen Uhrenmanufakturen zusammen, mit den meisten der wohlklingenden Marken – auch mit Peter Baumbergers Urban Jürgensen & SØnner. 2009 war es, da beerbte er diesen Peter Baumberger an der Spitze des Traditionshauses. „Urban Jürgensen & SØnner waren für mich immer besondere Uhren, ein richtiger Aufreger bei den Auktionen“, erzählt Crott.

Auf der ganzen Welt

Er mag nicht mehr wie früher als Auktionator einmal pro Woche die ganze Welt umrunden – Hongkong, Shanghai, dann über die USA zurück nach Europa –, aber der Uhrenmarkt ist ein weltweiter, der Weg von Aachen nach Genf darin eine Kleinigkeit. Die Reference 11 C SC ist mit den anderen ausgezeichneten Uhren auf Welttournee, von Shanghai ging es nach Delhi, in dieser Woche sind sie in London in der bekannten Saatchi Gallery an der King‘s Road zu sehen. Das wird er sich anschauen. Für Aachen bleibt nicht viel Zeit, aber die nimmt er sich. „Mein Herz schlägt immer noch für Aachen“, sagt er.

Viel Zeit verbringt er in der Schweiz, fährt durch das Jura und sucht neue, kreative Uhrmacher, die für eine neue Uhr das vierköpfige Team verstärken. 100 Uhren eines Modells wie der Reference 11 C SC werden im Jahr hergestellt. Es gibt zwei Varianten dieser Uhr, eine in Rotgold, eine in Platin. Die rotgoldene hat in Genf gewonnen. 48 000 Schweizer Franken beträgt der Kaufpreis. Das entspricht etwa 38 800 Euro. Die Platin-Variante kostet 58 000 Schweizer Franken – beides ist der Exportpreis ohne Mehrwertsteuer. Der Gegenwert ist gleichermaßen Uhrmacherkunst wie Kunsthandwerk, beschreibt Crott. „Es ist eine mechanische Uhr mit Anspruch“, erklärt er.

Wesentliche Arbeiten erfolgen immer noch von Hand. Ziffernblatt, Gehäuse, Zeiger – alles muss höchsten Ansprüchen genügen. Jedes Bauteil kommt unter die Lupe.

Doch der besondere Clou der Reference 11 C SC ist ein anderer: Sie hat ein Werk, das direkt bei Urban Jürgensen & SØnner gefertigt wird und die Hemmung der Uhr, also die Verbindung zwischen Räderwerk und Gangregler (etwa dem Pendel) agiert nach dem Prinzip der Marine-Chronometer – und die gelten als die präzisesten Uhren der Welt. Urban Jürgensen & SØnner hat erstmals dieses Prinzip in einer Armbanduhr einsetzen können – und sich dies patentieren lassen. „Mal sehen, wer diesem Beispiel folgt“, sagt Crott. Die Luxusuhrenhersteller haben jedenfalls ganz genau hingeschaut.

700 Bewerber

Diese Technik mag letztlich den Ausschlag gegeben haben, die Reference 11 C SC als beste Herrenuhr des Jahres zu dekorieren – neben Qualität und Ästhetik. 700 Bewerber in diversen Kategorien – die Herrenuhr ist die wohl wichtigste – hatte es gegeben, 72 Uhren kamen in die engere Auswahl. Die neue Apple-Uhr, so faszinierend sie auch für Helmut Crott sein mag, wäre bei dieser Konkurrenz chancenlos. Bekannte Hersteller hatten das Nachsehen. „Wir haben uns gegen den einen oder anderen Goliath behaupten können“, sagt Crott stolz. Denn die Welt der Luxusuhren ist längst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Viele bekannte Namen zählen zu großen Häusern wie Louis Vuitton und Richemont (Cartier, IWC, Lange & Söhne), nur wenige unabhängige Marken können sich hier positionieren – wie Urban Jürgensen & SØnner.

Helmut Crott war vorher abgeraten worden, sich überhaupt für den Genfer Uhrenpreis zu bewerben. Naiv war seine Idee genannt worden. Und dann dieser Erfolg! Crott hat allen Grund zum Feiern, zumal er gerade erst 68 Jahre alt geworden ist. Einen Wunsch darf er an dieser Stelle also äußern: „Ich wünsche mir, dass unsere Uhren auch in 20 Jahren noch als etwas Besonderes empfunden werden.“ Die, die er am Handgelenk trägt, empfindet er jedenfalls als etwas Besonderes.

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