Sporter des Jahres Freisteller Sportlerwahl Sportlergala Freisteller

Hiobsbotschaft für Alsdorf: Cinram verliert Großkunden

Von: Berthold Strauch
Letzte Aktualisierung:
cinram
Der Verpackungsbereich bei Cinram in Alsdorf.

Alsdorf. Cappi Frenger spricht von einem „Paukenschlag: Das ist der dickste Brocken, den wir bislang je verdauen mussten”, macht der Verkaufsdirektor der Alsdorfer Cinram-Niederlassung deutlich.

Die Tochtergesellschaft des kanadischen Medienkonzerns Cinram International Inc. mit Sitz in Toronto muss ab Sommer auf gut ein Drittel ihres bisherigen Umsatzvolumens von rund 300 Millionen Euro in der ehemaligen Bergbaustadt verzichten.

Denn der US-Konzern Warner Home Video (WHV), einer der wichtigsten und größten Kunden des DVD- und Blu-ray-Herstellers, zieht seine Produktions- und Distributionsaufträge ab. Die Amerikaner wollen den Vertrag wie verabredet zum 31. Juli auslaufen lassen und damit nicht mehr verlängern. Dieser Verlust hat unmittelbaren Einfluss auf die operativen Geschäfte in Nordamerika und die europäischen Märkte Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien.

Cinram hatte die damalige Konzerntochter des US-Medienriesen AOL Time Warner im Oktober 2003 übernommen. Mit der aktuellen Entscheidung werden demnach auch die alten Geschäftsverbindungen der Alsdorfer, die bis dahin als Warner Music Manufacturing Europe firmierten, zu ihrer früheren Konzernmutter endgültig gekappt.

Der Alsdorfer Cinram-Standort ist der größte in Europa. Nach dem Weihnachtsgeschäft in dem Unternehmen, das die Belegschaft auf den bisher absoluten Spitzenwert von 2600 Mitarbeitern hochgetrieben hatte, zählt das Unternehmen derzeit noch rund 1900 Beschäftigte. Davon gehören etwa 1100 Kollegen zur Stammbelegschaft. Cinram-Sprecher Frenger ließ erkennen, dass diese Mitarbeiter von den unausweichlichen personellen Einschnitten wohl auch betroffen sein würden. Über konkrete Zahlen zu reden sei in diesem frühen Stadium der Entwicklung noch nicht möglich.

Erst am Montag, so Frenger weiter, sei Geschäftsführer Frank Hartwig mit der Hiobsbotschaft konfrontiert worden. Hartwig reiste am Dienstag unmittelbar nach einer Betriebsversammlung, in der er die bitteren Nachrichten persönlich überbracht hatte, direkt nach London zur Europazentrale, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Wie Frenger anfügte, werde das Unternehmen versuchen, so vielen Beschäftigten wie möglich eine andere Aufgabe in Alsdorf zu geben.

Schlechte Karten in diesem bevorstehenden Personalpoker dürften naturgemäß die rund 450 befristet Beschäftigten sowie die knapp 400 Leiharbeitnehmer haben. In diesem Zusammenhang versicherte Frenger indes, dass es keinesfalls alle Kollegen treffen werde, die keinen festen Arbeitsvertrag haben, da man sich eine gewisse Flexibilität zur Erledigung von Auftragsspitzen erhalten wolle. Cinram produzierte für Warner rund 150 Millionen Bild-Speicherplatten - bei insgesamt etwa 400 Millionen Scheiben.

Das Tonträger-Geschäft mit Warner Music, das den Namen zwar behalten hat, aber nicht mehr zum Warner-Konzern gehört, ist von den Kürzungen nicht betroffen, bekräftigte Frenger.

Wie unsere Zeitung erfahren hat, ist zeitgleich mit der Kündigung der WHV-Aufträge publik geworden, dass sich der baldige Ex-Kunde bereits mit dem US-Filmkonzern Technicolor verbündet hat. Die DVDs und Blu-ray, die bislang in Alsdorf gefertigt wurden, werden künftig wohl von den beiden Technicolor-Werken in Polen übernommen - was auf günstigere Produktionskosten schließen lässt.

Die entsprechende „strategische Partnerschaft” mit der Mutter Warner Bros. sei auf Langfristigkeit angelegt, hieß es. Diese Gesellschaft gilt als „weltweit führend bei Medienprodukten”. Technicolor, das in Aachen ein kleines Vertriebsbüro für die Benelux-Staaten und Deutschland betreibt, bezeichnet sich als Spitzenreiter in der Fertigung der Silberscheiben.

Alsdorfs Bürgermeister Alfred Sonders (SPD) warnte gegenüber unserer Zeitung vor „Panikmache”. Auch ohne das Warner-Geschäft werde sich Alsdorfs mit Abstand größter Arbeitgeber am Standort positiv weiterentwickeln, habe ihm Cinram-Chef Hartwig optimistisch versichert. „Beruhigend” sei zudem, dass der Konzern im Gegensatz zu den anderen europäischen Standorten in Alsdorf über Eigentum verfüge.

Manfred Maresch von der IGBCE in Alsdorf unterstrich, dass es derzeit „keinen Druck” bei der Suche nach Alternativen für die Beschäftigten gebe, da die Produktion noch fünf Monate voll weiterlaufen werde. Wie es weitergehen könne, sei derzeit allerdings noch „reine Spekulation”, allerdings eine „große Herausforderung”.

Der Gewerkschafter verwies zudem auf die bevorstehenden Tarifverhandlungen - Cinram habe einen Haustarifvertrag. Dabei sei auch darüber zu diskutieren, wie bei der „verlängerten Arbeitszeit reagiert” werden könne - konkret, ob die Beschäftigung „auf mehr Schultern verteilt” werden könne. Mit dem Verlust des Großkunden gebe es für die Tarifverhandlungen „eine völlig andere Situation”. Die Kollegen seien jedenfalls „kalt erwischt worden”, so Maresch: „Das lässt sich nicht so einfach wegstecken!”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert