Düren - Heiligendamm: Die Geschichte einer absehbaren Pleite

Heiligendamm: Die Geschichte einer absehbaren Pleite

Von: Marlon Gego und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
Der Dürener Insolvenzverwalte
Der Dürener Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum vor dem Grand Hotel in Heiligendamm, für das er dieser Tage einen Käufer sucht. Noch gehört das Pleite-Hotel an der Ostsee einem Fonds, der vom Aachener Immobilienspekulanten Anno August Jagdfeld verwaltet wird. Foto: Stock/Bildwerk

Düren. Wer immer das Grand Hotel in Heiligendamm kaufen will, muss sich auf Geschäfte mit Anno August Jagdfeld einlassen, dafür hat er früh gesorgt. Dass das Grand Hotel pleite ist und 1850 Anleger, die ihm über die Jahre immer wieder ihr Vertrauen geschenkt haben, mit dem Totalverlust ihrer Investitionen rechnen müssen, kann Jagdfeld zwar kaum recht sein; aber zugrunde gehen wird er daran nicht.

Jagdfeld, 65, geboren in Jülich, gemeldet unter anderem in Aachen, hat schon andere Pleiten überstanden.

Im Februar musste die „Grand Hotel Heiligendamm GmbH” (Vettweiß) mit Anno August Jagdfeld an der Spitze Insolvenz anmelden. Was für die Anleger in Jagdfelds Fundus-Fonds 34 wohl den Totalverlust ihres Geldes bedeutet. Der Dürener Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum hat mittlerweile begonnen, die Kaufangebote für das Fünf-Sterne-Plus-Hotel an der Ostsee zu sichten. Nächste Woche, sagte er am Mittwoch im Gespräch mit unserer Zeitung, gehen Gespräche und Verhandlungen weiter. Am Montag zum Beispiel kommt ein Ehepaar aus Orlando, Florida, nach Heiligendamm.

Die Pleite des Grand Hotels, das bis 1989 der DDR und danach dem Bund gehörte, war vielleicht nicht von Anfang an absehbar, aber für Insider sowohl des Hotel- als auch des Finanzgewerbes kommt sie nicht überraschend. 1996 kaufte der Immobilienspekulant Jagdfeld über seine Firma ECH dem Bund das Grand Hotel inklusive umliegender Gebäude und 520 Hektar (5,2 Millionen Quadratmeter) Land ab. Wie viel oder wie wenig Geld dabei floss, weiß nicht einmal Insolvenzverwalter Zumbaum. Schon bald darauf begab sich Jagdfeld, der zuvor schon das Hotel Adlon in Berlin mittels eines Fonds übernommen und ihm zu neuem Glanz verholfen hatte, auf die Suche nach Investoren. Jagdfeld versprach, mit Hilfe eines Fonds seiner Fundus-Gruppe aus dem Grand Hotel ein Luxushotel zu machen, „wie es in Deutschland kein zweites gibt”.

Im Jahr 2000 hatte Jagdfeld nach zweijähriger Suche, die mühsamer war, als er erwartet hatte, 127 Millionen Euro zusammen. Jagdfelds Firma ECH verkaufte das Grand Hotel dem von ihm selbst aufgelegten Fundus-Fonds 34 und seinen 1850 Investoren. Das Land Mecklenburg-Vorpommern subventionierte die Hotelsanierung mit weiteren 50 Millionen Euro. Jagdfelds Firma ECH behielt bei dem Verkauf 516 von 520 Hektar des Landes, das das Hotel umgibt, Golfplatz und Tennisplätze eingeschlossen. Was durchaus für Kaufinteressenten wichtig ist, denn sie kommen an Jagdfeld im Wortsinn nicht vorbei.

Undurchsichtiges Geflecht

Die Sanierung und die Ausstattung des Grand Hotels übertrug Jagdfeld, der sich selbst als Geschäftsführer des Fonds einsetzte, verschiedenen Unternehmen aus seiner Firmengruppe, eine Ausschreibung gab es offenbar nicht. Alles blieb im Firmengewirr Jagdfelds. Das macht die Analyse des Falls auch für den Insolvenzverwalter nicht gerade einfach. 2003 wurde das Hotel wiedereröffnet, aber die Gäste kamen nicht wie erwünscht. Auch der Weltwirtschaftsgipfel, der in Heiligendamm stattfand und dem Grand Hotel viel Öffentlichkeit bescherte, nutzte dem Geschäft nichts. Zwischen 2003 und 2009 machte das Hotel, wie Insolvenzverwalter Zumbaum errechnete, 62 Millionen Euro Verlust. Die Verbindlichkeiten des Fonds liegen nach Informationen unserer Zeitung bei bis zu 26 Millionen Euro.

Jagdfelds Versuch, nach einer Anlegerversammlung 2011 in Aachen neue Investoren zu finden, scheiterte kläglich, obwohl die Anleger ihrer weitgehenden Enteignung als Anreiz für neue Investoren zugestimmt hatten. Die investierten 127 Millionen Euro sind heute noch 12,7 Millionen wert - am Ende wird von ihnen wohl nichts übrig bleiben, kein Cent. Ein Anlegeranwalt aus Berlin sagte gegenüber unserer Zeitung: „Es gibt nicht viele Immobilienprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik, bei denen derart viel Geld verbrannt worden ist wie in Heiligendamm.”

Viel zu spät fingen viel zu wenige Anleger an, sich für Jagdfelds Geschäftsmodell zu interessieren, das auch in Heiligendamm darin bestand, als Geschäftsführer des Fonds überwiegend seinen eigenen Firmen Aufträge zu erteilen. Am Grand Hotel verdiente möglicherweise im Wesentlichen einer: Jagdfeld. Am Hotel Adlon in Berlin, das Jagdfeld nach einem ähnlichen Geschäftsmodell wie in Heiligendamm auf Vordermann brachte, soll er laut Aussage eines Anlegeranwaltes mit seiner Firmengruppe bis zu 100 Millionen Euro verdient haben. Die Adlon-Investoren erhielten bislang fast nichts, die des Grand Hotels überhaupt nichts, wie Zumbaum am Mittwoch bestätigte. Verdient hat vor allem einer: Jagdfeld selbst.

Allerdings wundert sich Zumbaum darüber, dass die Anleger Jagdfelds „Entscheidungen immer wieder einfach durchgewunken” hätten, ohne sich näher mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen. Auch dann nicht, als die Insolvenz schon absehbar war. Und: Von den 1850 Anlegern habe sich trotz des möglichen Millionenverlustes bislang kaum einer bei ihm gemeldet, sagt Zumbaum.

Ein Problem des Grand Hotels ist seine Abgeschiedenheit. Potenzielle Betreiber des klassizistischen Prachtbaus äußerten im Gespräch mit unserer Zeitung wiederholt, dass das Grand Hotel als Luxushotel eigentlich nicht zu betreiben wäre, eher als Drei- oder Vier-Sterne-Hotel. Zu diesem Schluss kam auch die Schweizer Kempinski-Gruppe, die weltweit 66 Luxushotels betreibt. 1999 hatte ein Kempinski-Gutachten noch das Gegenteil angenommen. Das-Kempinski-Engagement in Heiligendamm endete 2009.

Immer wieder gab es Gerüchte, Jagdfeld habe der Insolvenz des Grand Hotels allenfalls halbherzig entgegengewirkt, um es aus der Insolvenzmasse günstig zurückzukaufen. Jagdfelds Sprecher wies dies am Mittwoch abermals zurück. Aber auch, dass Jagdfeld „weiterhin in der Region aktiv sein wird”. Schon weil ein Käufer des Grand Hotels mit Jagdfeld über Wegenutzungsrechte verhandeln müsste.

Dass Jagdfeld das Grand Hotel kauft, glaubt auch Jörg Zumbaum nicht. „Sein Ruf”, sagte Zumbaum, „ist in Heiligendammm mittlerweile so schlecht, dass ich ein weiteres Engagement im Grand Hotel im Moment für ausgeschlossen halte.” Für generell ausgeschlossen hält er es aber nicht.
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