Gute Ideen brauchen nicht viel Platz

Von: Sebastian Maassen und Thorsten Karbach
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Raum für Ideen: Hanno Heeskens und... Foto: Steindl
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... Andera Gadeib (Dritte von links) haben Coworking-Büros geschaffen. Foto: Steindl

Aachen. Wenn Hanno Heeskens Feierabend macht, dann brennt nebenan noch die Deckenleuchte. Wer weiß, wem dort so spät noch ein Licht aufgegangen ist, in diesen Büroräumen. Heeskens ist Geschäftsführer der Cubos Internet GmbH und mit der hat er die Tür, hinter der noch das Licht brennt, erst geöffnet.

Von einem Kunden inspiriert, hat Cubos leerstehende Büroräume im Aachener Krantzcenter zu einem sogenannten Coworking-Raum gemacht. Hinter diesem englischen Wort verbirgt sich eine Art großes Gemeinschaftsbüro für Freiberufler, Existenzgründer oder andere Beschäftigte, denen ein Tisch, ein Stuhl und ein Internetanschluss reichen. Sie arbeiten oft in unterschiedlichen Branchen, schätzen aber die kreative Mischung.

Sie brauchen kein Firmenschild an der Tür, kein Vorzimmer, oftmals nicht mal einen festen Schreibtisch. Nur ein Dach überm Kopf, unter dem sie auch zu später Stunde noch an ihren Ideen arbeiten können. Weltweit soll es mehr als 2500 solcher Coworking-Räume geben, allein in Berlin mehr als 80, in Aachen und der Region mag es eine Handvoll sein. „Nunzig“ an der Wilhelmstraße hat sich bereits einen Namen gemacht, neue Anbieter kommen wie im Krantzcenter oder in den Karmeliterhöfen hinzu. Und einige gehen bereits einen Schritt weiter und verstehen sich nicht nur als offener Raum, sondern auch als eine Art Business-Inkubator, der gute Geschäftsideen fördert.

Es liegt nahe, es hip oder chic zu finden, in einem solch offenen Büroraum unter all den anderen Kreativen das Laptop aufzuklappen – insbesondere an einer dieser mythenumgebenen Coworking-Stätten wie dem großen Betahaus oder den Räumen über dem Café Oberholz am Rosenthaler Platz –beides in Berlin.

Es gibt eine ganze Reihe von Legenden, die geschrieben werden, von Start-ups, die genau vor so einer Kulisse ihren Erfolg begründet haben – im Silicon Valley, in Berlin, in Hamburg, vielleicht auch in Köln. Doch auch in einer Stadt wie Aachen – voller Studenten und mit wachsender Start-up-Szene – gewinnt die Idee Freunde.

In den Karmeliterhöfen hat Andera Gadeib, die Gründerin von Dialego, nun Räume für Coworking eingerichtet. Der erste ist bezogen. Es gibt sechs Schreibtische, Drucker, Kopierer, ein paar moderne Leuchten, kostenloses WiFi und bereits jede Menge Ideen. Ein gelernter Maschinenbauer, ein DJ und die Entwickler eine Online-Plattform einer großen Buchhandlung haben sich hier einquartiert. „Da ist richtig Leben drin“, sagt Andera Gadeib.

Es ist nicht zu leugnen, dass der Branchenmix und dieses tägliche Aufeinandertreffen von Kreativen aus unterschiedlichen Metiers bereichernd ist. Aber es gibt eben auch ganz praktische Gründe, sich in einem Coworking-Raum einzumieten, statt zu Hause oder in einem separaten Büro zu arbeiten. „Zu Hause gibt es viel zu viele Nebenschauplätze. Familie, Hobbys: Alles lenkt einen ab“, sagt Coworker Harald Jumpertz, der sich bei Cubos an der Krantzstraße ein paar Quadratmeter gesichert hat. „Hier kann ich mich einfach besser konzentrieren“, sagt Thomas van Aken, der nur wenige Meter weiter sitzt. Wer sich für Coworking entscheidet, findet die Ruhe eines eigenen Büros und spart doch dessen deutlich höhere Miete – je nach Angebot kann er sich tage- oder wochenweise einmieten. Oft werden Monatsverträge abgeschlossen. Es hat auch schon Studenten gegeben, die sich für die Dauer ihrer Abschlussarbeit bei Cubos eingemietet haben. Ob sie auch noch eine gute Geschäftsidee mitgenommen haben, ist nicht bekannt.

In den Karmeliterhöfen schaut Gadeib immer wieder bei den Coworkern vorbei. Sie war von Anfang an von der Idee überzeugt – die sie bei einem Besuch im Silicon Valley kennengelernt hatte. In ihrem Glauben an das Prinzip Coworking stand sie in den Karmeliterhöfen zunächst alleine da. Doch aufgeben? Nein, das wollte sie auf keinen Fall. Ein Jahr trug sie die Idee mit sich herum, seit Oktober gibt es den ersten Raum für die freien Kreativen, weitere werden im Haus erschlossen, auch im Gefängnistrakt der ehemaligen Wache.

Kaum gab es eine Website für Coworking in den Karmeliterhöfen, da meldeten sich auch schon die ersten Interessenten. Mit Pedro Nkanga fanden sie bei Gadeibs Dialego einen Ansprechpartner, es ging ganz schnell und sie gehörten irgendwie zum Haus, trinken mit den Dialego-Mitarbeitern Kaffee und tauschen sich aus. „Das ist ein richtiger Schmelzpunkt für kreative Ideen“, erzählt Gadeib. „Aachen ist natürlich klein, aber das Potenzial ist riesig.“

Die Cubos Internet GmbH brauchte kaum zwei Monate, da war ihr Coworking-Bereich ausgebucht. Die neuen Anbieter haben keine Probleme, Interessenten zu finden. Ein bisschen Werbung auf Facebook, ein paar Nachrichten in den gängigen Netzwerken. So läuft das heute. Der Bedarf nach einer derartigen Bürostruktur scheint groß zu sein. Im Haus an der Krantzstraße ist können die Coworker auf das Know-how der Cubos GmbH aufbauen. Es gibt eben nicht nur Strom, Telefon, schnelles Internet und einen Drucker, sondern auch IT-Support und einen Testserver.

Auch Coworker brauchen Rückzugsflächen. Es gibt nicht nur weiße und blaue Wände sondern auch mal ein persönliches Foto an der Wand. Das mag anders aussehen, als in einem dieser durchdesignten Berliner Pendants, aber die Abläufe sind doch überall gleich. Auf bunten Klappstühlen sitzen Jumpertz und van Aken, wenn sie sich in der kleinen Küche einen Tee oder Kaffee gekocht haben, sie sprechen über dieses und jenes. Der eine betreibt eine Online-Kfz-Vermittlung, der andere ist Coach für Softwareentwicklung. „Synergien ergeben sich so oder so. Man kann den Austausch nicht erzwingen. Er wächst von ganz allein“, sagt Heeskens.

In den Karmeliterhöfen können die Coworker sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag ein- und ausgehen. Und auch hier brennt spät Abends noch oft Licht. Gerade Gründer haben oft beeindruckende Arbeitszeiten. „Wir brauchen in dieser Stadt mehr Gründergeist. Coworking ist dabei ein guter Einstieg“, sagt Gadeib.

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