Radarfallen Blitzen Freisteller

Grünenthal: Auf vier Säulen hin zu mehr Wachstum

Letzte Aktualisierung:
„Wir tragen die Risiken nie a
„Wir tragen die Risiken nie allein”: Grünenthal-Vorstandschef Harald F. Stock. Foto: Harald Krömer

Aachen. Da ist wohl heftig nachverhandelt worden hinter den Kulissen. Am Donnerstagabend konnte das Aachener Pharmaunternehmen Grünenthal doch noch den Verkauf seines Mitteleuropa-Geschäfts vermelden - genau an jene Stada Arzneimittel AG, die Anfang des Jahres noch von dem eigentlich schon fast perfekten Geschäft zurückgetreten war.

Stada zahlt nun 160 Millionen Euro, 48 Millionen weniger als ursprünglich vorgesehen. Das Unternehmen aus Bad Vilbel hatte zuvor schon das Grünenthal-Geschäft für Osteuropa und den Nahen Osten gekauft - Teil der Bemühungen des Aachener Familienunternehmens, sich neu aufzustellen.

Das Schmerzgeschäft soll im Mittelpunkt stehen. Im Fokus: Palexia, das Schmerzmittel, das Grünenthal entwickelt und im Herbst 2010 in Deutschland auf den Markt gebracht hatte. Unser Redakteur Hermann-Josef Delonge sprach mit Grünenthal-Vorstandschef Harald F. Stock.

Herr Stock, der Verkauf des Mitteleuropa-Geschäfts an Stada ist doch noch geglückt. Sie müssen sehr zufrieden sein.

Stock: Das bin ich. Wir hätten allerdings auch ohne diesen Verkauf die notwendige Liquidität erreicht, die wir brauchen, um in Wachstum durch Akquisition zu investieren. Das ist einer der Schwerpunkte für 2012.

Was bedeutet das konkret: „Wachstum durch Akquisition”? Wollen Sie weiter in Lateinamerika zukaufen?

Stock: Wir sind seit langem in Lateinamerika, also in Märkten, die sich extrem schnell entwickeln, gut vertreten. Und wir haben Anfang 2011 eine erste Akquisition in Brasilien getätigt, um auch dort den Markteinstieg vorzubereiten. Wir werden in den nächsten Monaten dort die ersten Umsätze realisieren. Lateinamerika trägt derzeit in der Summe 20 Prozent zum weltweiten Umsatz bei, in den kommenden drei bis vier Jahren wollen wir das auf 40 Prozent steigern. Da spielen Zukäufe natürlich eine Rolle.

Welche Zahlen erwarten Sie für 2011?

Stock: Wir rechnen mit Umsatzerlösen von rund 915 Millionen Euro. 2010 waren es 910 Millionen. Das hört sich nicht spektakulär an. Wenn man allerdings die Geschäfte, die verkauft worden sind, herausrechnet, ergibt sich für das Kerngeschäft in Europa ein Wachstum von 18 Prozent und in Lateinamerika auf Eurobasis um zwölf Prozent, ohne Wechselkurseffekte sogar um 20 Prozent. Das ist das Ergebnis unseres konsequenten Kurses der Fokussierung.

Die Gewinnmarge lag 2010 allerdings bei nur neun Prozent vom Umsatz. Ist das Grund zur Sorge?

Stock: Wir haben massiv in Forschung und Entwicklung investiert und tun dies weiter. Der Branchenschnitt investiert etwa 15 Prozent der Umsatzerlöse, wir nähern uns der 30-Prozent-Marke. Alle Effizienzgewinne haben wir in diesen Bereich gesteckt. Wir müssen nicht dem Kapitalmarkt dienen und nicht jedes Jahr bessere Nettoergebnisse liefern, sondern können als Familienunternehmen langfristig investieren und eine bewusste Reduktion der Nettomarge in Kauf nehmen.

Die Eigentümer sehen das auch so?

Stock: Absolut. Wir haben eine gemeinsame Zukunftsstrategie, die die langfristige Unabhängigkeit von Grünenthal sicherstellt - mit dem Bekenntnis zur Innovation im Bereich Schmerz, zu neuen Technologien, zum Wachstum unseres Schmerzgeschäftes in Europa und - auch durch Firmenzukäufe - in Lateinamerika sowie durch Partnerschaften in den USA.

Grünenthal will sich auf das Kerngeschäft Schmerz konzentrieren. Sie haben es da mit der Konkurrenz von großen Konzernen zu tun. Ist das Risiko für ein mittelständisches Unternehmen nicht zu hoch?

Stock: Nein. Der Schmerz-Sektor ist ein riesiger Markt, gerade für Unternehmen wie Grünenthal, die auf Innovationen setzen. Allein bei den ganz starken Schmerzmitteln gibt es weltweit ein jährliches Marktvolumen von 70 Milliarden Dollar. Da ist noch ganz viel Platz für uns. Und wir tragen die Risiken nie allein. Wir bestreiten unsere gesamte Wertschöpfungskette mit Partnern, von der frühen Forschung über die Entwicklung bis zur Vermarktung. Zudem gibt es insbesondere im Bereich der Behandlung von chronischen Schmerzen noch etliche ungedeckte Patientenbedarfe.

Wie läuft Palexia?

Stock: Palexia ist unsere erfolgreichste Schmerzmittel-Einführung aller Zeiten. Als letzter großer Markt in Europa steht jetzt noch Frankreich aus. Wir rechnen mit der Zulassung bis spätestens Anfang kommenden Jahres.

Mit welchem Umsatz rechnen Sie?

Stock: Wir erwarten aus unserem direkten Palexia-Geschäft in Europa mittelfristig einen Umsatz von 500 Millionen Euro pro Jahr. Dazu kommt das Lizenzgeschäft in den außereuropäischen Märkten. Insgesamt hat der Wirkstoff Tapentadol für uns und unseren Lizenzpartner zusammen ein weltweites Marktpotenzial von deutlich mehr als einer Milliarde Euro jährlich.

Bis wann soll das erreicht werden?

Stock: In der Regel wird in den ersten fünf bis sechs Jahren nach Einführung eines Mittels die Umsatzspitze erreicht.

Sie haben einmal ein Gesamtumsatziel für Grünenthal von 1,5 Milliarden Euro für 2015 genannt. Gilt das noch?

Stock: Ja, das steht noch.

Steht und fällt dieses Ziel mit dem Erfolg von Palexia?

Stock: Nicht unbedingt. Palexia spielt in Lateinamerika zum Beispiel nur eine untergeordnete Rolle. Und unser Produkt Versatis, ein Lidocain-Pflaster zur Behandlung neuropathischer Schmerzen nach einer Herpes-Zoster-Infektion, hat sich extrem gut entwickelt. Es ist zwei Jahre hintereinander um deutlich mehr als 50 Prozent zum Vorjahr gewachsen. Diese beiden Produkte werden in den kommenden Jahren unser Wachstum treiben. Hinzu kommt der Markt in Lateinamerika. Vierter Erfolgsfaktor ist unsere Technologie gegen den Schmerzmittelmissbrauch, der vornehmlich in den USA ein großes volkswirtschaftliches Problem darstellt: die nahezu „unkaputtbare Pille”, die man auch mit 50 Hammerschlägen nicht zerkleinern kann.

Warum braucht das der Markt in Amerika?

Stock: Starke Schmerzmittel werden dort als Partydroge missbraucht. Es gibt Studien, die belegen, dass der Missbrauch um 60 Prozent zurückgeht, wenn man die Pille nicht zerstören kann. Mittlerweile sind alle patentgeschützten Schmerzmittel in den USA mit unserer Technologie versehen. Das ist ein riesiger Erfolg. Wir würden uns wundern, wenn nicht auch die generischen Schmerzmittel in den USA bald diese Barriere bekämen.

In Europa ist das kein Thema?

Stock: Hier ist die Kontrolle entlang der Kette Arzt-Rezept-Apotheke-Patient deutlich schärfer. In den USA haben Patienten außerdem die Möglichkeit, sich ein Medikament bis zu fünf Mal hintereinander verschreiben zu lassen - unabhängig davon, ob sich der Schmerz gelindert hat. Diese TRF-Technologie ist aber nur ein Ausgangspunkt. Der Idealfall wäre, wenn ein Mittel so wirkt, dass es den Schmerz sehr gut lindert, das Missbrauchspotenzial aber, also dieses euphorische High-Gefühl, nicht hervorruft. Wir haben Produkte in der Pipeline, die nur noch peripher wirken. Das sind immer noch Opium-Derivate, aber alles, was das Molekül am Opiat-Rezeptor im Hirn andocken lässt, ist ausgeschaltet. Man kann diese Mittel in so geringen Dosen anwenden, dass auch die anderen Nebenwirkungen dramatisch gesenkt werden. In diese Richtung sind wir auch schon bei Tapentadol, dem Palexia-Wirkstoff, gegangen.

Was Sie Fokussierung nennen, beinhaltete gravierende Maßnahmen. Sie haben Geschäftszweige verkauft und Stellen abgebaut. Ist der Prozess abgeschlossen?

Stock: Jawohl. Der Prozess ist vollständig abgeschlossen.

Die Entlassungen haben für böses Blut gesorgt. Das ist vom Tisch?

Stock: Ich glaube, die Erfolge sprechen für sich. Wenn eine Mannschaft frustriert wäre, dann hätten wir nicht das zustande gebracht, was wir in den vergangenen Jahren geschafft haben.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert