FIR-Experte: „IT könnte die Effizienz deutlich steigern“

Von: Thorsten Karbach
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Richtungsweisend: Matthias Deindl vom Forschungsinstitut für Rationalisierung an der RWTH Aachen kennt die Probleme des Mittelstands in IT-Fragen. Aber er weiß auch um die Chancen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Im Cluster Logistik auf dem RWTH Aachen Campus hat Matthias Deindl mit dem Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) eine neue Heimat gefunden. Hier ist allgegenwärtig, dass die Logistik der Zukunft auf ganz viel IT aufbaut.

In einem sogenannten Demonstrator kann der Fachmann Deindl zeigen, wie mittels IT Unternehmen effizienter arbeiten, wie Maschinen konsequenter ausgelastet werden und alle Abläufe von Auftragsannahme bis Auslieferung ablaufen können. Im Interview erklärt er, warum mittelständische Betriebe dennoch häufig einen Bogen um den Ausbau ihrer IT machen. Und er sagt: Zielgerichtete Investitionen in IT zahlen sich in aller Regel aus.

Wird IT dabei als Chance verstanden oder ist IT bloß das, was irgendwie laufen muss?

Deindl: Das hängt von der Branche ab. Was man in der Versicherungsbranche und im Bereich der Banken schon verstanden hat und auch seit Jahren umsetzt, ist, dass die Information ein Produkt oder eine Dienstleistung ist, die man auch verkaufen kann. Deswegen ist dort IT deutlich etablierter als in anderen Branchen.

Da haben dann auch die IT-Leiter ein viel höheres Budget zur Verfügung als beispielsweise bei einem mittelständischen Maschinen- und Anlagenbauer, der sehr produktorientiert arbeitet und denkt und sich fragt: Wofür brauche ich eigentlich so viel IT? Das bekomme ich auch so hin.

Und dann passiert es im Datenmanagement, dass zwei Mitarbeiter eine Schraube unterschiedlich benennen, sie deswegen zweifach in den Beständen auftaucht, aber nur einmal vorrätig ist. Oder die Schrauben alle anders benannt werden, so dass der Eindruck entsteht, dass es nur noch eine einer bestimmten Art gibt und nachbestellt wird, obwohl das halbe Lager voll ist.

Was übersehen solche mittelständischen Betriebe?

Deindl: Was heißt übersehen? Da muss ein Wandel angestoßen werden. Die Anforderungen steigen. Die Infrastruktur muss ständig angepasst werden, die Dynamik innerhalb der Unternehmen wird immer größer. Da muss IT dazu zählen. Deswegen haben wir das Thema strategische IT als Erfolgsposition. Die Unternehmen denken: Unsere Kernkompetenz liegt in guten Maschinen. Und erst im zweiten Schritt sagen sie: In Ordnung, dafür brauchen wir ein bisschen IT. Was aber verkannt wird, ist, dass mittels IT die Effizienz in einem Unternehmen noch deutlich gesteigert werden könnte.

Das wird verkannt?

Deindl: In vielen Unternehmen ist es so, dass das IT-Budget gerade ausreicht, um den Betrieb am Laufen zu halten und Flickschusterei zu betreiben. Das SAP-System, das eingeführt wurde, wird hier ein bisschen angepasst, da gibt es dann noch eine Datenbank und dort ein paar Excel-Tabellen und bei einem Release-Wechsel des SAP-Systems scheut man sich davor, weil alle Schnittstellen angepasst werden müssten. Das ist die Wirklichkeit, mit der der Mittelstand zu kämpfen hat.

Mit welchen Folgen?

Deindl: Wir sind mit Unternehmen im Gespräch die sagen, dass es ganz klar darum geht, billige IT-Lösungen einzusetzen, für die das aber auch völlig ausreichend sein kann. Das heißt aber auch, dass es kaum Handlungsspielraum für diese Unternehmen gibt. Der Kostenaspekt ist im Vordergrund. Dabei gibt es spannende Möglichkeiten, IT zu nutzen, um flexibler und damit besser zu werden.

Um nur eines von unzähligen Beispielen zu nennen: IT kann beispielsweise eine sprachbasierte Kommissionierung ermöglichen. Der TÜV in der Schweiz nutzt bereits eine Checklösung in der Wartung. Da gibt es kein Klemmbrett mehr sondern eine Verbindung von einem Rechner zum Headset, so dass der TÜV-Mitarbeiter unter ein Auto kriechen kann, hört was er prüfen muss und sagt, was okay ist und was nicht. Das ist das Prinzip „Hände frei“. Unternehmen benötigen eine IT-Strategie, damit IT dabei helfen kann, das Unternehmen konsequent weiterzuentwickeln.

Es geht aber nicht darum, Menschen zu ersetzen?

Deindl: Nein, es geht darum Fachkräften die Arbeit zu erleichtern. Das ist Informationsmanagement pur: es muss gelingen, den Fachkräften die entscheidenden Informationen automatisch zur Verfügung zu stellen. Das klingt erstmal trivial, ist es aber nicht. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter über sein iPad die Auftragslage überblickt und ein dringender Auftrag eingeschoben werden muss, dann muss es möglich sein, dass die Auswirkungen für alle Folgeaufträge direkt ersichtlich sind.

Das sind entscheidende Informationen über die Wirtschaftlichkeit eines dringenden Sofortauftrags. Anhand dieser Informationen ließen sich dann auch unterschiedliche Szenarien für den weiteren Durchlauf der Aufträge durchspielen. Der Mitarbeiter mit seiner Fachexpertise bekommt auf diese Weise wichtige Informationen, um die nächsten Entscheidungen zu treffen. Je mehr relevante Informationen letztlich vorliegen, umso einfacher fällt die nächste Entscheidung. Am Ende zählt natürlich der Anwender.

Warum gehen so viele Unternehmen diesen Weg nicht?

Deindl: Für den Maschinenbau bedeutet die Sicherung von Zukunftsfähigkeit und Wachstum in erster Linie die Weiterentwicklung der eigenen Produkte – also der Maschinen. Das Herz schlägt dabei nicht für die IT, die eben ein notwendiges Muss darstellt. Aber wenn Unternehmen wachsen, dann muss dieses Wachstum auch auf IT-Ebene stattfinden.

Welche Rolle spielen da – denken wir an die NSA-Abhöraffäre – Sicherheitsbedenken?

Deindl: Auf jeden Fall eine sehr große Rolle. Gerade der Mittelstand schreckt davor zurück, wenn er mit Cloud-Lösungen konfrontiert wird und nicht mehr klar ist, wo der Server, auf dem die eigenen Daten gespeichert werden, dann am Ende steht – etwa in den USA. Wenn man bedenkt, dass die NSA möglicherweise auch Wirtschaftsspionage betreibt, ist diese Angst definitiv ein großes Thema. Und auch mit diesem müssen wir uns in Zukunft mehr denn je beschäftigen.

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