Erdbeer-Popcorn und Möhrenschokolade: Messe zeigt Süßwarentrends

Von: Johannes Schmitt-Tegge, dpa
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Köln. Knuspern, knabbern, lutschen: Gut 30 Kilo Süßigkeiten verspeist jeder Deutsche statistisch gesehen pro Jahr. Exotisches Naschzeug kauft er selten. Um das Geschäft zu beleben, tüfteln Hersteller weiter an gesunder Schokolade.

Salzige Oliven in Bitterschokolade, Erdbeer-Popcorn und Käsehappen mit Schoko-Stückchen: Zu immer neuen Zutaten greifen Hersteller, um Süßwaren-Fans zu locken. Amerikanische Produzenten hantieren mit Olivenöl, Speck oder Curry.

Doch die Deutschen naschen am liebsten klassisch. „Deutschland ist ein Milchschokoladen-Land”, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI), Klaus Reingen. Bei der weltweit größten Süßwaren-Fachmesse ISM in Köln zeigen von diesem Sonntag an mehr als 1400 Aussteller aus 65 Ländern ihre neuen Leckereien.

Auch Steckrüben, Möhren und Aloe Vera sind als Aromen dieses Jahr im Spiel. Bei aller Exotik: „Es gibt einen Hang zur Natürlichkeit, zur Schokolade als hochwertiges Gut”, sagt Christine Hackmann von der Kölner Messegesellschaft. Auch Bonbons mit Bratapfel-Geschmack und Nüsse mit Currywurst-Geschmack seien nette Hingucker, entscheidend für das Geschäft seien sie aber nicht. Wichtig sei auch der Eindruck: „Es geht um Ästhetik und darum, dass die Sachen schön aussehen.” Während jüngere Verbraucher gern zu milchhaltigen und auch weißen Schoko-Artikeln griffen, sei Zartbitterschokolade eher bei Älteren beliebt, sagt Reingen.

Einer Studie zufolge sind Süßigkeiten im europaweiten Vergleich nirgendwo so günstig wie in Deutschland. Ein typischer Einkaufskorb mit 14 Süßwaren aus zehn Produktgruppen kostete im vergangenen Jahr 18,48 Euro, fand das Marktforschungsunternehmen Nielsen heraus. In Belgien, das als Gastland auf der ISM vertreten ist, kostete derselbe Korb mit 22,29 Euro fast 18 Prozent mehr. Mit 39,60 Euro mussten die Norweger am tiefsten für ihr Naschzeug in die Tasche greifen.

Über Tankstellen, Kioske und Bäckereien finden derweil immer weniger Riegel, Bonbons und Knabbereien den Weg zum Verbraucher. Wie schon 2010 ging der Umsatz durch diese sogenannten Impulskäufe auch im vergangenen Jahr zurück und sank um 7,3 Prozent auf 551 Millionen Euro. Trotzdem vernaschte jeder Bürger 2011 statistisch gesehen gut 30 Kilo Süßigkeiten mit einem Verkaufswert von 113,50 Euro, fast genauso viel wie im Vorjahr. Der Verkauf von Süßem belief sich auf 13,8 Milliarden Euro und damit auf neun Prozent des Umsatzes im Lebensmittel-Einzelhandel. Insgesamt produzierte die Branche knapp 3,8 Millionen Tonnen Süßwaren im Wert von 12,8 Milliarden Euro (plus 2,1 Prozent).

Um das Geschäft weiter zu beleben, tüfteln Produzenten seit Jahren auch an gesunden Süßwaren. Kalorienfrei und gut für die Zähne: Stevia könnte das neueste Zauberwort der Branche heißen. Das in Paraguay, Brasilien und Argentinien wachsende Süßkraut soll frei von Kalorien sein, kein Zahnkaries verursachen und zudem 300-Mal süßer sein als Zucker. Erst im Dezember hatte die Europäischen Union den Stoff als Lebensmittel zugelassen. „Wichtige Impulse kommen aus Japan und den USA”, sagte BDSI-Hauptgeschäftsführer Reingen. Dort hat Stevia herkömmlichen Zucker bereits abgelöst, etwa in Softdrinks.

Den „Hype 2012” will ein Aussteller in Stevia-haltigen Naschwaren erkannt haben. „Kalorienarm ist immer ein Trend”, erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Süßwarenhandelsverbands Sweets Global Network, Uwe Lebens. Stevia könne Zucker aber nicht einfach ersetzen, weil es viel süßer sei. „Die Rezeptur muss wegen der Füllstoffe verändert werden”, sagte Lebens. Etwa mit geschmacksneutralen Ballaststoffen. Reingen bestätigt: „Den Produkten würde das Volumen fehlen. Die Industrie wird sich jetzt erst mit dieser technischen Möglichkeit befassen und schauen, wie sich Stevia verarbeiten lässt.”

Ein ISM-Aussteller suggeriert bereits, dass man Schokolade dank Stevia endlich mit ruhigem Gewissen genießen könne. In seiner Produktbeschreibung heißt es: „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen oder sich nachher schuldig zu fühlen.” Nicht nur Gesundheit, sondern auch Fragen zu Herkunftsländern und Anbaugebieten spielen nach Einschätzung der Messe-Veranstalter eine größere Rolle als bisher. „Ethische Fragen treten durchaus in den Vordergrund”, sagt Koelnmesse-Sprecherin Hackmann.

Die jungen Nascher sollen beim Verzehr dagegen vor allem unterhalten werden: Saure Bonbons zeigen die Gesichter von Computerspiel-Helden und Kaugummis erinnern an Controller von Spielkonsolen. Besonders saure und scharfe Riesen-Lutscher hinterlassen nicht nur dunkle Spuren auf Kinderzungen. Sie fordern auch dieses Jahr die Geschmacksnerven der Kids heraus und lassen unschuldig wirkende Naschorgien auf dem Schulhof zum Kräftemessen werden. Ein Klassiker aus früheren Tagen ist dabei fast vollständig aus dem Handel verschwunden: die Schoko-Zigarette. Das einst coole Kinder-Accessoire verleitet Kritikern zufolge zum Rauchen und hängt heute kaum noch im Mundwinkel von Jungen und Mädchen.
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