Eine neue Ära der Aufklärung für den digitalen Menschen

Von: Jan Mönch
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Analoges Podium, digitale Themen: Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, Buchautor Gunter Dueck und Theologe Uwe Becker (v.l.) erörtern, wie das digitale Zeitalter Menschen verändert. Foto: A. Herrmann

Aachen. Betragen, Fleiß, Mitarbeit, Ordnung: Das sind vier Punkte, die seit einigen Jahren als Kopfnoten auf deutschen Grundschulzeugnissen stehen – und über die Gunter Dueck sich regelrecht ereifern kann. „Das sind Eigenschaften, die meine Mutter an mir schätzt“, schimpfte der Buchautor und ehemalige Konzernstratege von IBM im Forum M der Mayerschen Buchhandlung in Aachen.

 Und die Einschätzung des Elternhauses scheint für Dueck kein Maßstab zu sein. „Da steht übersetzt: Du sollst ein Arbeitsesel sein.“

Der Mensch verändert die Welt immer mehr hin zum Digitalen. Doch wie verändert die digitale Welt den Menschen? Dieser Fragen widmeten sich Gunter Dueck und Uwe Becker, Theologischer Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, unter Moderation von Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung. Eingeladen hatte das Aachener IT-Unternehmen Synaix anlässlich seines 20-jährigen Bestehens. Mit der Digitalisierung beschäftigen die Geschäftsführer Stefan Fritz und Michael Benden sich jeden Tag – nun wollten sie andere darüber reden lassen.

Gunter Dueck ist als streitbarer Querdenker bekannt. Und dass es sich vom digitalen Menschen aus in viele Richtungen querdenken lässt, zeigte sich vor dem gut gefüllten Forum schnell. Außer Frage steht für den habilitierten Mathematiker, dass Autos sich schon früher selbstständig durch den Straßenverkehr bewegen werden, als viele annehmen, kritisch sieht er, wie gleichmütig Deutschland das ambitionierte Auftreten aufstrebender Wirtschaftsmächte wie Korea und Singapur zur Kenntnis nehme, anstatt sich ein Beispiel daran zu nehmen.

Duecks grundlegende Position fiel denkbar simpel aus: Die Zukunft kommt ganz sicher, egal, wie wir das im Einzelnen nun finden mögen. Ihn treibt die folgende Frage um: Welche Qualitäten braucht der Mensch, um die Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu meistern? Duecks Forderung: Dem Nachwuchs Kreativität vermitteln statt Gehorsam, Originalität statt Konformität, Sinn für Humor statt sturen Ernst. Die Aufklärung müsse in eine neue Ära übersetzt werden. Frei von Widersprüchen gelang Dueck das Querdenken im Forum M nicht immer: Ob die gepredigten charakterlichen Eigenschaften denn auch in Singapur und Korea eine übergeordnete Rolle in der Erziehung spielen, wollte Bernd Mathieu wissen. Bis zur nächsten Podiumsdiskussion hat Dueck vielleicht auch auf diese Frage eine schlüssige Antwort parat.

Weitestgehend einig war Dueck sich mit dem zweiten Diskussionspartner Uwe Becker über die falschen Prioritätensetzung, derer das deutsche Bildungssystem sich schuldig mache. „Meine Erfahrung zeigt: Der Couragierte wird bestraft“, so der evangelische Pfarrer und dreifache Vater, der auch als Honorarprofessor wirkt. Vom Gang der Dinge profitiere indes, wer „jugendliche Frische und Inspiration“ wider seine Natur am konsequentesten verdrängt.

Sorge bereitet Becker die in immer höherer Frequenz auf den Menschen einprasselnde Informationsfülle. „Ich erlebe eine Kultur der Beschleunigung, die Pausen des Nachdenkens unmöglich macht.“ Während er vor nicht langer Zeit 20 Mails pro Tag erhalten habe, seien es heute 200 oder mehr. „Es reicht, eine bestimmte Information zu haben“ – die Fähigkeit, Informationen zu gewichten, zu bewerten und zu hinterfragen, gehe dem digitalen Menschen jedoch mehr und mehr verloren.

Brockhaus versus Wikipedia

Dueck indes kommt aus der Haut des IT-Visionärs auch nach dem Ausscheiden bei IBM nicht heraus, der ständigen Verfügbarkeit von Wissen steht er weniger konservativ gegenüber. Den Brockhaus, den Dueck einst zur Konfirmation bekam und den er nach wie vor sein eigen nennt, habe er in vielen Jahren vielleicht 100 Mal zurate gezogen. Wikipedia hingegen konsultiere er sicher drei Mal täglich.

Auch begegnet Dueck der Befürchtung, dass alles Zwischenmenschliche irgendwann nur noch auf Facebook stattfindet, mit Gelassenheit. Daran, wie rasch und unkompliziert sein Sohn in digitalen Netzwerken sehr analoge Freundschaften knüpfe und pflege, könne er nichts Schlechtes erkennen. „Sehen Sie sich das Leben einfach mal an. Es ist eigentlich gar nicht so digital.“

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