Aldenhoven - Die „Armfreiheit“ der Zukunft: Werden selbstfahrende Autos akzeptiert?

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Die „Armfreiheit“ der Zukunft: Werden selbstfahrende Autos akzeptiert?

Von: Christoph Pauli
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Wenn der Wagen alleine fährt: Ingenieur Sebastian Klaudt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kraftfahrzeuge, demonstriert die „Armfreiheit“ der Zukunft. Foto: Christoph Pauli
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TÜV-Mann Matthias Schubert: „Wir müssen die Vorteile von mehr Technik besser vermitteln.“ Foto: Christoph Pauli

Aldenhoven. „Hände hoch!“ Die Aufforderung hört Sebastian Klaudt immer wieder an diesem Morgen. Der junge Mann arbeitet nicht bei einer Bank, sondern ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kraftfahrzeuge (IKA) der RWTH Aachen, und die Fotografen bitten ihn regelmäßig, dass er die Hände vom Lenkrad nimmt.

Der Ingenieur sitzt in einem etwa zehn Jahren alten Fahrzeug, das rein äußerlich ein Passat ist. Schon der Rundumscanner auf dem Dach lässt erahnen, dass „Mika“ trotz seines vorangeschrittenen Alters eher ein Hightech-Gerät ist. Das Auto ist hochgerüstet mit sechs Radarsensoren, einem Laserscanner im Frontbereich, einer Monokamera mit integrierter Spur- und Objekterkennung, GPS-Systemen und und und. Das alte Forschungsfahrzeug ist etwa eine halbe Million Euro wert. Im Kofferraum sind so viele Rechner untergebracht, dass kein Kasten Wasser mehr Platz hätte. Die implementierten Software-Algorithmen sind ausnahmslos vom IKA selbst entwickelt.

Klaudt hebt seine Hände am „Aldenhoven Testing Center für Mobilität“, ein Joint Venture des Kreises Düren und der RWTH Aachen auf dem ehemaligen Zechengelände Emil Mayrisch. Die Kunden können dort für ihre Tests eine langes Oval mit Steilkurven, einen Hügel mit Steigungen oder einem vierspurigen Autobahnelement nutzen. „Mika“ ist an diesem Morgen nur auf ein paar Metern unterwegs, die Technik muckt, ein zweiter Mitarbeiter muss auf dem Beifahrersitz am Laptop Platz nehmen. „Das ist der Vorführeffekt“, sagt Klaudt, und fährt dann langsam los, besser: Er lässt dann langsam losfahren. Der Passat orientiert sich an den Fahrbahnmarkierungen, erkennt Ampeln, so dass Klaudt vertrauensvoll die Hände in den Schoss legen kann.

Hier im Industriepark ist ein Tüftellabor für das autonome Fahren entstanden. Zeitnah schon werden Shuttle-Busse auf festgelegten Strecken unterwegs sein, sagt Matthias Schubert voraus. Das ist schon jetzt Stand der Möglichkeiten. Selbstständig fahrende Autos für die Endverbraucher seien etwa ab dem Jahr 2025 auf dem Markt. Schubert ist „Executive Vice President“ Mobilität des Tüv Rheinland. Der „Leitende Vizepräsident“ des Technischen Überwachungsvereins steht am Rande der Teststrecke an diesem nasskaltem Morgen. Schubert stellt passend zur Praxisvorforführung eine repräsentative Studie vor.

Der TÜV Rheinland hat in China, Deutschland und den USA ermitteln lassen: Wie schätzen Autofahrer die Sicherheit autonomer Fahrzeuge ein? Die Ergebnisse sind durchaus unterschiedlich. Die Chinesen zum Beispiel beurteilen ihren Wissensstand über die Autos der Zukunft deutlich höher als in den beiden Industrienationen. 63 Prozent der Befragten in China glauben, dass durch fahrerlose Autos die Verkehrssicherheit steigt, in den USA und Deutschland sind es nur 34 Prozent, trägt Schubert vor.

Noch eine Erkenntnis: Mit fortschreitendem Automatisierungsgrad des Fahrzeugs steigen die Zweifel, und das Vertrauen in die Technik sinkt. „Wir müssen noch viel stärker informieren und die Vorteile von mehr Technik besser vermitteln“, sagt Schubert. Das abgefragte subjektive Empfinden deckt sich nicht mit der Realität und der Statistik. Bei den Unfällen mit Personenschäden im Jahr 2016 waren technische Mängel nur in 3586 Fällen die Ursache, während bei den übrigen 369.242 Kollisionen die Wagenlenker Fehler machten.

Angst vor mehr Kriminalität

Die heraufziehende neue Mobilität wird mit großer Mehrheit begrüßt, aber im Land der Autobauer möchten 78 Prozent aller Befragten im Notfall lieber selbst das Steuer wieder in die Hand nehmen. Das Vertrauen in die Rechner ist bislang kaum ausgeprägt. Weit verbreitet – so die Studie – ist die Angst vor Cyber-Kriminalität. Vor allem in Deutschland grassiert die Sorge, dass persönliche Daten in unbefugte Hände geraten könnten. In allen drei Ländern befürchten die Befragten, dass die Fahrzeugkriminalität durch den Zugriff auf den Wagen von außen und durch Datendiebstahl zunehmen könnte. In allen Ländern kündigen die Autofahrer schon mal mehrheitlich und vorsorglich an, die Automarke im Fall von bekannt gewordenen Hackangriffen wechseln zu wollen.

Die finale Frage an die Verbraucher in der Erhebung: Welche Rahmenbedingungen müssten Industrie und Politik aus Ihrer Sicht schaffen, damit Sie sich ein autonomes Fahrzeug kaufen würden? In Deutschland hat die Option Priorität, das Auto der Zukunft bei Bedarf auch selbst fahren zu können. Daneben ist die Klärung der Recht- bzw Haftungsfrage relevant und der Datenschutz. Der überwältigenden Mehrheit ist „sehr wichtig“, dass eine unabhängige Institution autonome Fahrzeuge testet und die Datensicherheit überwacht, was Schubert vom TÜV Rheinland natürlich freut.

Draußen auf der Teststrecke ist Sebastian Klaudt mit seinem Prototyp weiter unterwegs. Er lässt die „Hände hoch“ auf der kurzen Strecke. „Es ist für mich im Laufe der Zeit selbstverständlich geworden.“ Jenseits der Teststrecke muss die Skepsis noch besiegt werden.

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