alemannia logo frei Teaser Freisteller

„Belohnt wird, wer mehr verbraucht“

Von: Heike Freimann
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Die Biegeöfen bei Saint-Gobain Sekurit Deutschland in Herzogenrath sehen aus wie verlängerte Pizzaöfen. Hier wird Flachglas für künftige Heck- und Seitenscheiben in Fahrzeugen auf 700 Grad erhitzt, gebogen und danach mit Kälte abgeschreckt.

Es wird auf diesem Wege bruchfester, aus dem Glas wird Sicherheitsglas. „Das sind bei uns die Prozesse, die sehr viel Energie verbrauchen“, sagt Bernhard Reichel, Leiter der Zentralabteilung Environment, Health, Safety, Risk bei Saint-Gobain Sekurit. 16 Millionen Euro hat das Unternehmen 2011 für Energie ausgegeben.

Im internationalen Vergleich zahlen Unternehmen in Deutschland für Energie hohe Steuern und Abgaben. Zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit bietet der Staat verschiedene Möglichkeiten der steuerlichen Entlastung. Ein wichtiges Instrument, das breiten Teilen des produzierenden Gewerbes zugute- kommt, ist der sogenannte Spitzenausgleich. Dabei wird die Mehrbelastung durch die Stromsteuer in einer speziellen Formel mit der Entlastung durch die Verringerung der Beitragssätze zu den Rentenversicherungen gegengerechnet. 2012 wurde der Spitzenausgleich neu geregelt. Unternehmen, die hier profitieren wollen, müssen nun ein Energiemanagementsystem aufbauen und ihren Energieverbrauch systematisch erfassen.

Das Thema im Blick halten

„Eine gute Entscheidung“, findet Isabel Kuperjans, Professorin für Energietechnik und Wärmeübertragung an der FH Aachen und Leiterin des Instituts Nowum-Energy, das zu Energiefragen forscht und berät. Sie weiß: „Viele Unternehmen haben noch kaum einen Überblick über ihren Verbrauch und ihre Möglichkeiten zum Energiesparen.“

SG Sekurit hat schon 2006 ein Energiemanagementsystem implementiert und sich, damals als erstes Unternehmen in Deutschland, vom TÜV Rheinland zertifizieren lassen. „Wir haben eine Energiekarte mit allen Verbräuchen des Unternehmens erstellt“, sagt Reichel. Dadurch sei etwa aufgefallen, dass an den im Prinzip identischen Fertigungslinien der Biegeöfen unterschiedlich viel Energie verbraucht wurde. Heute arbeiten alle Linien gleichermaßen effizient. Auf internen „Energiegipfeln“ behalten Verantwortliche bis hin zur Geschäftsführung das Thema im Blick. „Bei einem Energiekostenanstieg von zehn bis zwölf Prozent in den letzten Jahren konnten wir etwa sechs bis acht Prozent durch Energiemanagement-Maßnahmen ausgleichen“, schätzt Reichel.

Neben dem Spitzenausgleich kann SG Sekurit die Härtefallregelung für EEG-Umlage in Anspruch nehmen und sich so einen Teil seiner Kosten vom Staat zurückholen. Vor dem Hintergrund weiter steigender Energiepreise und mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit in Europa sei das aber nicht ausreichend, meint Reichel. Spielraum für die Politik sieht er vor allem bei der EEG-Umlage.

Aktuell können sich nur Unternehmen des produzierenden Gewerbes, die mehr als eine Gigawattstunde Strom im Jahr verbrauchen und deren Energiekosten einen Anteil von mindestens 14 Prozent an der Bruttowertschöpfung des Unternehmens ausmachen, von dieser Ökostromumlage befreien lassen. Sie ist gerade von 3,6 auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Reichel: „Die 14 Prozent Bruttowertschöpfung schaffen wir aber nicht, dazu sind wir zu erfolgreich.“ Sein Vorschlag: „Es wäre sinnvoll, wenn die Befreiung allen energieintensiven Unternehmen zugutekäme.“

Professorin Kuperjans hält dagegen die Berücksichtigung beider Größen, Bruttowertschöpfung und Verbrauch, prinzipiell für angemessen. „Was aus meiner Sicht nicht sinnvoll ist, sind die festen Werte“, sagt die Expertin. Das führe teils dazu, dass Unternehmen im Dezember mit Absicht mehr Energie verbrauchten, um die 14 Prozent zu erreichen. Sie plädiert für eine Flexibilisierung der Regelung: „Hier wäre eine prozentuale Entlastung sinnvoll.“

Das würde auch Manfred Crefeld, General Manager für den Bereich Papiermaschinen bei der Dürener Heimbach-Gruppe, sehr begrüßen. Das Unternehmen ist einer der führenden Hersteller von Bespannungen für Papiermaschinen, die bei der Produktion von Papier weltweit zum Einsatz kommen. Der Anteil der Energiekosten an den Produktionskosten liegt bei etwa zehn Prozent. 2011 muss Heimbach fast 800 000 Euro für die EEG-Umlage berappen. „Das ist für uns ein dicker Brocken“, sagt Crefeld.

Elmar Westhoff, Geschäftsführer der Edelstahlgießerei von Otto Junker, sieht hier die Politik in der Pflicht: „Sie muss erkennen, dass Deutschland nicht nur von Dienstleistung, sondern vom produzierenden Gewerbe lebt.“ Das Unternehmen aus Simmerath verbraucht neun Gigawattstunden Strom pro Jahr. Von den 1,9 Millionen Euro Energiekosten jährlich entfallen rund 1,4 Millionen auf Strom.

Die sechs Induktionsschmelzöfen der Edelstahlgießerei verwandeln rund 1700 Tonnen Metalllegierungen pro Jahr in 1500 bis 1700 Grad heiße Schmelzen. In unterschiedliche Formen gegossen, entstehen daraus Bauteile für Armaturen, Pumpen, Zentrifugen oder Anlagen der Lebensmitteltechnik. Vor drei Jahren hat das Unternehmen ein „Lastabwurfsystem“ installiert, ein Steuerungssystem, das den Strombedarf zwischen diesen Öfen effizient reguliert. „Wir konnten den Energieverbrauch hier um rund acht Prozent reduzieren“, sagt Westhoff. Das Unternehmen hat bereits ein Energiemanagement installiert, das jetzt zertifiziert werden soll. „Wir haben in den vergangenen Jahren schon viel in Energieeffizienz investiert und ein ziemlich hohes Niveau erreicht“, resümiert der Geschäftsführer. Weitere 1,3 Prozent Energie müssen die Unternehmen laut einer neuen Vereinbarung von Wirtschaft und Bundesregierung ab 2015 einsparen. „Für uns ein anspruchsvolles Ziel“, urteilt Westhoff.

Auch bei Otto Junker liegt der Energiekostenanteil von zehn bis 13 Prozent der Bruttowertschöpfung unterhalb der Bemessungsgrenze. Damit wird das Unternehmen wie Saint-Gobain Securit und Heimbach nicht von der EEG-Umlage befreit. „Belohnt wird, wer mehr verbraucht“, erklärt Westhoff. Dennoch ist er ebenso wie seine beiden Kollegen überzeugt: „Die Entscheidung für die Energiewende ist richtig.“ In ein paar Jahren werde Deutschland bei den regenerativen Energien führend sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert