Azubi mit 36 Jahren: Mit Lebenserfahrung punkten

Von: Christina Merkelbach
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Macht mit 36 eine Ausbildung in ihrem Traumjob: Nicole Hickert lernt Einzelhandelskauffrau im Schuhcenter. Foto: C. Merkelbach

Monschau. An ihrem ersten Tag am Berufskolleg ist Nicole Hickert überpünktlich gewesen. Gleich die erste wollte sie sein, um sie sich im Klassenzimmer direkt einen Platz in der letzten Reihe auszusuchen. Auf keinen Fall sollte es so laufen, dass sie in einen vollen Raum kommt und alle denken, dass sie die Lehrerin ist.

Nicole Hickert, 36, macht eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in der Monschauer Filiale eines großen, bundesweit vertretenen Schuhcenters. Die meisten ihrer Mitschüler sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Und noch etwas unterscheidet Nicole Hickert vom Durchschnitts-Azubi: Sie absolviert ihre Ausbildung in Teilzeit, damit auch noch Zeit für ihre zehnjährige Tochter und den 14-jährigen Sohn bleibt.

Teilzeitausbildungen sieht das Gesetz seit 2005 vor. Wer in seinem Alltag Kinder betreuen muss oder Angehörige pflegt, hat Anspruch darauf. Die tägliche oder wöchentliche Arbeitszeit im Unternehmen wird reduziert, Unterricht am Berufskolleg erfolgt im zeitlich üblichen Rahmen. Nicole Hickert geht dienstags und donnerstags von acht bis 13 Uhr ins Berufskolleg. Drei Tage die Woche arbeitet sie: an zwei Tagen von neun bis 16 Uhr und an einem von 11.30 bis 19 Uhr. Samstags hat sie frei, um sich ganz dem Familien-leben widmen zu können.

„Obwohl so viel vom Fachkräftemangel die Rede ist, tun sich viele Arbeitgeber noch schwer damit, Auszubildende einzustellen, die nicht mehr ganz so jung sind”, sagt Marion Großschopf, bei der Regional-agentur Aachen und der Wirtschaftsförderungsagentur Agit zuständig für Wiedereinstieg in den Beruf. Die Erfahrung der Unternehmen, die sich doch darauf eingelassen hätten, sei allerdings durchweg positiv. Andrea Hilger, Beauftragte für Chancengleichheit der Agentur für Arbeit Aachen, bestätigt das. „Unternehmen suchen Persönlichkeiten. Wenn man jemanden von sich überzeugen kann, ist das Alter nicht entscheidend.”

Allerdings müssten Bewerber, die auf den ersten Blick nicht dem typischen Auszubildenden entsprechen, ihre Kompetenzen sichtbar machen. Das hieße auch, Verständnis dafür zu zeigen, dass Ausbildungsbetriebe erst einmal skeptisch sind, wenn man beispielsweise schon Mitte 30 ist. „Man muss dem Arbeitgeber als Bewerber seine Vorteile übersetzen”, sagt Ernst Gerden, Teamleiter beim Jobcenter der Städteregion Aachen. Der Vorteil Lebenserfahrung sei unschlagbar.

Das Programm TEP

Nicole Hickerts erster Weg führte zur Agentur für Arbeit. Dort stellte man den Kontakt zu Karin Wieder her. Sie betreut für das Sozialwerk Aachener Christen das Programm TEP (Teilzeitberufsausbildung - Einstieg begleiten - Perspektiven fördern). Das Land Nordrhein-Westfalen hat TEP 2009 aufgelegt, um Müttern und Vätern den Weg in eine Berufsausbildung zu ermöglichen.

Die meisten, die zu Karin Wieder kommen, wissen, welchen Beruf sie lernen möchten, wollen nicht „irgendeine Ausbildung” machen. Nicole Hickert kam mit dem Wunsch, Verkäuferin zu werden. „Da kommen natürlich viele Unternehmen infrage. Damit vergrößern sich auch die Chancen.” Sie fragte bei verschiedenen Unternehmen an, ob sie einen Azubi in Teilzeit nehmen. „Kleine und Mittelständler zeigen eher Interesse als große”, erklärt sie. Umso mehr freut sie sich, dass mit der Kette, für die Nicole Hickert arbeitet, das zweite große Unternehmen mit von der Partie ist.

Interesse am Programm zeigte auch schon ein großer Baumarkt. „Frau Hickert ist mit ihrem freundlichen Wesen für uns ein Gewinn. Schon als sie sich vor-gestellt hat, war uns klar, dass sie prima ins Team passt”, sagt Gisela Johnen, Leiterin der Monschauer Filiale. „Es ist bestimmt nicht das letzte Mal, dass wir eine Auszubildende einstellen, die über 30 ist.”

Es ist Nicole Hickerts erste Ausbildung überhaupt. Nach dem Hauptschulabschluss hat sie sich erst einmal der Familie gewidmet. Der Wunsch nach einer Ausbildung kam bei ihr eben später. „Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich mehr kann, als Mutter und Hausfrau zu sein. Auch wenn ich beides gerne bin.” Menschen treffen, Kontakte knüpfen, mal etwas anderes sehen als die eigenen vier Wände - auch diese Bedürfnisse spielten eine Rolle. Von einer Perspektive für die Zukunft ganz zu schweigen. Dafür nimmt sie auch gerne in Kauf, mit dem Bus zwischen Monschau und ihrem Wohnort Aachen zu pendeln.

Am Berufskolleg kommt Nicole Hickert bestens klar. Das Lernen fällt ihr nicht schwer, macht sogar Spaß. Daran, dass sie älter ist als der Durchschnitt, haben sich längst alle gewöhnt. Den ersten Tag werde sie aber dennoch nie vergessen, sagt sie lächelnd. Wie geplant stand sie als erste vor der Tür zum Klassenraum. Nach einigen Minuten kamen Mitschüler und musterten sie neugierig. Bis sich einer zu fragen traute: „Sind Sie eigentlich die Lehrerin?”
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