Angebot und Nachfrage nähern sich an

Von: Christina Merkelbach
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Stolberg. Wenn Unternehmen Auszubildende suchen, beklagen sie zuweilen, dass es den Jugendlichen an gutem Benehmen mangele.

Dass sie zu Beginn eines Vorstellungsgespräch noch nicht einmal „Guten Tag” sagen und ihrem Gegenüber nicht die Hand schütteln würden.

Carolin Benkert, 20, mit Abitur, hat diese mangelnde Höflichkeit von der anderen Seite erfahren. Auf ein gutes Dutzend ihrer Bewerbungen erhielt sie zwar die Nachricht, dass ihre Unterlagen eingegangen seien, man diese prüfen und sich dann bei ihr melden werde. Dabei blieb es dann aber auch. „Gehört habe ich leider nie wieder etwas”, sagt sie.

Inzwischen macht Carolin Benkert am Bethlehem Gesundheitszentrum in Stolberg eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen. Das Krankenhaus beschäftigt derzeit 114 Azubis in vier Berufen und gehört zu den größeren Ausbildungsbetrieben in der Region. „Wir bekommen Bewerbungen von Schulabsolventen aus ganz Deutschland”, sagt Personalleiter Helmut Drummen. Auch andere Betriebe hätten Carolin Benkert einen Ausbildungsplatz gegeben. Einstellungstests und Vorstellungsgespräche hat sie einige erfolgreich hinter sich gebracht. Die Stelle in Stolberg habe ihr am besten gefallen, sagt sie.

Die 20-Jährige konnte damit eine Tendenz für sich nutzen, die sich für Heinz Gehlen von der Industrie- und Handelskammer auf dem Lehrstellenmarkt abzeichnet. „Vorteil Azubi” nennt er seine Erfahrung, dass viele - wenn natürlich auch nicht alle - Bewerber sich einen Ausbildungsplatz aussuchen können. „Für das Ausbildungsjahr 2010/ 11 sieht es aber auch für die Betriebe gut aus. Zum größten Teil konnten sie ihre Stellen besetzen”, sagt Gehlen.

Bis Ende Oktober verzeichnete die IHK 4576 abgeschlossene Ausbildungsverträge - ein Plus von 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gehlen: „Das ist der beste Wert seit 20 Jahren.” Zum offiziellen Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September lag der Zuwachs im Jahresvergleich sogar bei sieben Prozent. „Der Rückgang auf die jetzigen 6,5 Prozent erklärt sich dadurch, dass im Laufe des Septembers üblicherweise noch bereits abgeschlossene Verträge wieder aufgelöst werden”, erklärt Gehlen. Sei es, weil Jugendliche mehrere Verträge abgeschlossen haben und sich für einen entscheiden mussten. Oder, weil sie lieber ein Studium beginnen wollten.

Massiven Zuwachs bei abgeschlossenen Verträgen gibt es in diesem Ausbildungsjahr laut IHK vor allem in den Metallberufen (16 Prozent) und bei den Elektroberufen (20 Prozent).

Bei der Handwerkskammer (HWK) Aachen bleibt das Niveau der abgeschlossenen Ausbildungsverträge in etwa gleich zum Vorjahr. „Zum Stichtag 31. Oktober haben wir 2506 Verträge verzeichnet. Das ist ein knappes Prozent mehr als im Vorjahr”, erklärt Richard Graf von der HWK. Dabei handele es sich zwar nicht um einen bemerkenswerten Zuwachs, doch liege die Kammer über dem NRW-Trend. Im Handwerk, sagt Graf, mache sich der vielzitierte Fachkräftemangel längst bemerkbar, weswegen die Betriebe sich frühzeitig darum bemühten, Ausbildungsverträge abzuschließen. Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen gehörten nach wie vor KFZ-Mechatroniker und Friseur. Vor allem das Lebensmittelhandwerk suche noch Azubis.

Die Agentur für Arbeit Aachen verzeichnete bis Ende September 4374 Ausbildungsstellen. Das sind 177 (4,2 Prozent) mehr als im Vorjahr. Zudem registrierte die Agentur 530 (12,2 Prozent) mehr Bewerber und damit insgesamt 4867. „Nach vier Jahren sinkender Bewerberzahlen ist die Zahl damit wieder auf das Niveau des Jahres 2008 gestiegen”, sagt Birgit Jung, operative Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Aachen. 2008 waren zum gleichen Zeitpunkt 4857 Verträge abgeschlossen. Als Grund für den rasanten Anstieg bei den Bewerbern nennt Birgit Jung die Tatsache, dass sich das Verhalten der Jugendlichen mit Blick auf die Berufswahl verändere. Zahlreiche befassten sich immer früher mit Berufsorientierung und gingen in diesem Zusammenhang auf die Arbeitsagentur zu.

Ein „Vorteil Azubi” ist im Bezirk der Aachener Agentur allerdings nicht zu erkennen: Rein rechnerisch kommen auf einen Bewerber 0,9 Ausbildungsstellen. Zum 30. September waren von den gemeldeten Ausbildungsstellen noch 174 (Vorjahr 101) unbesetzt und 60 Bewerber (Vorjahr 25) unversorgt. Inzwischen sind bei der Agentur noch 36 Jugendliche registriert, die nach einer Ausbildungsstelle suchen.

Der Agentur für Arbeit Düren wurden bis Ende September insgesamt 1564 Ausbildungsplätze gemeldet, das sind 45 (drei Prozent) mehr als im Vorjahr. Damit habe sich der Trend des Vorjahres fortgesetzt, dass mehr Arbeitgeber Plätze anbieten, sagt Claudia Steinhardt, Leiterin der Dürener Agentur. Die Zahl der Bewerber ist hingegen um 107 (fünf Prozent) auf 2007 zurückgegangen. Zum Stichtag 30. September waren noch 109 von ihnen ohne Stelle (Vorjahr: 111) und 106 Ausbildungsplätze (Vorjahr: 64) nicht besetzt.

In Nordrhein-Westfalen verzeichnen die Agenturen für Arbeit bis Ende September insgesamt 105 854 gemeldete Ausbildungsstellen - 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Gemeldet hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt 131 323 Bewerber, was einen Zuwachs von 4,2 Prozent bedeutet. „Angebot und Nachfrage haben sich damit weiter angenähert”, sagt Christiane Schönefeld, Leiterin der NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Die Jahresbilanz des Ausbildungsmarktes zeige aber auch, dass es unverändert strukturelle Probleme gibt. Nicht allen Schulabgängern könnten passende Stellen angeboten werden.

DGB: Arbeitgeber bieten zu wenig Plätze

Nach Meinung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) bilden Arbeitgeber nach wie vor nur unzureichend aus. Das sei auch in der Region der Fall, sagt der Vorsitzende der DGB Region NRW Süd-West, Ralf Woelk.

„Das Gejammer der Arbeitgeber über Fachkräftemangel ist unglaubwürdig, wenn das Angebot an Ausbildungsplätzen gleichzeitig nur geringfügig erhöht oder gar gesenkt wird. Wenn es in ein paar Jahren tatsächlich einen Fachkräftemangel zu beklagen gibt, dann ist er in erster Linie selbst verschuldet durch mangelnde Ausbildungsbereitschaft vieler Arbeitgeber.”

Im Zuge der demografischen Entwicklung werde stets von rückgängigen Bewerberzahlen gesprochen. Tatsächlich sei die Zahl der ausbildungswilligen Jugendlichen um 12,2 Prozent gestiegen. Diese Jugendlichen dürfen nun nicht mit Warteschleifen vertröstet werden.

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