Airbus-Chef Tom Enders: „Mit Zögern und Zaudern verliert Europa nur“

Von: Bernd Mathieu
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„Wir sollten weniger über Bankenrettung und Rettungsschirme diskutieren und mehr über die Chancen der kommenden Generation“: Airbus-Chef Tom Enders fordert im Interview mit unserer Zeitung bessere Perspektiven für junge Leute in der EU. Foto: Airbus Group
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„Für unsere Branche sind Asien und Amerika die Wachstumsmärkte“: Tom Enders bei der Luftfahrt-Schau 2013 in Dubai mit Scheich Mohammed bin Rashid al Maktoum. Foto: dpa

Aachen. Gutes Bildungssystem, aber zu wenig Förderung der Technologie. Eine Fülle an Kulturen, zu träge bei Entscheidungen, zum Beispiel beim Thema IT-Industrie. Zahlreiche gemeinsame Interessen, jedoch zu viel „Kleinklein“. Airbus-Chef Tom Enders sieht in der EU Stärken und Schwächen und nennt sie ganz konkret.

In unregelmäßigen Abständen sprechen wir mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft im EU-Wahljahr über Europa. Nach dem Historiker und Bestseller-Autor Christopher Clark im Februar folgt heute der Chef europäischen Luft- und Raumfahrtunternehmens.

Ist Europa ein Kontinent mit guten Perspektiven oder sind die Überflieger auf anderen Kontinenten unterwegs?

Enders: Für unsere Branche sind Asien und Amerika die Wachstumsmärkte, so viel steht fest. Aber Europa muss sich keineswegs verstecken. Die Perspektiven hängen davon ab, was wir daraus machen, und da sehe ich an einigen Stellen Nachholbedarf. Es gibt viele wirtschaftliche Bereiche, in denen wir viel mehr kooperieren und uns gegenseitig von Nutzen sein könnten, etwa im Verteidigungs- oder Energiewesen.

Welche Rolle spielt Deutschland in Europa – vor allem bei Stichwörtern wie Bildung, Chancen, Perspektiven, Technologie?

Enders: Wir sind gut aufgestellt. Unser Bildungssystem ist eines der durchlässigsten in Europa und unsere berufliche Ausbildung gilt als vorbildlich, auch wenn wir an einigen Stellen nachbessern müssen. Das gilt meines Erachtens besonders für die Studierendenquote in den Naturwissenschaften. Was unser technologisches Know-how angeht, so brauchen wir mehr Förderung und auch politische Unterstützung. Deutschlands Ausstieg aus der Gentechnik, Atomindustrie und Fracking kann niemand in der Welt nachvollziehen. Da fragt man sich: Wie kann sich ein Hochtechnologieland wie Deutschland so etwas erlauben?

Was macht Europa trotzdem stark – ökonomisch, politisch, kulturell?

Enders: Unsere Vielfalt, Geschichte und die großen Erfolge der europäischen Integration wie die Schaffung einer einheitlichen Währung. Während Europa früher ein ständiger Krisenherd war, ist es heute weitgehend befriedet. Das ist eine große Errungenschaft, nicht nur für Europa. Zudem profitieren wir von Traditionen und Erfahrungen – gerade in den Wissenschaften und der Industrie. Nicht umsonst ist unser Exportvolumen das weltweit größte. Auch die Fülle an Kulturen kommt uns zugute. Sie macht uns offen für das Andere, zeigt uns andere Sichtweisen und Wege. Da wir unterschiedlich sind, können wir so viel voneinander lernen.

Was ist dagegen ausgesprochen schwach in Europa?

Enders: Wir sind träge, was Entscheidungen und deren Umsetzung angeht. Wir sehen das etwa in der IT-Industrie: Während in den USA ein Unternehmen nach dem anderen aus dem Boden sprießt, haben wir noch nicht einmal einen flächendeckenden Breitbandanschluss. Unser Mangel an Ambitionen und Wagemut hindert uns bisweilen daran, vorwärts zu kommen. Das müssen wir schleunigst ändern, denn wenn ich beispielsweise in Asien unterwegs bin, begegne ich fast überall Menschen, die in dem, was sie tun, vor allem die Chancen sehen und nicht nur Risiken. Dort entstehen in immer rascherer Abfolge Wettbewerber, mit denen wir uns messen müssen. Mit Zögern und Zaudern kann Europa dauerhaft auf der globalen Wirtschaftsbühne nur verlieren.

Warum werden am 25. Mai wieder relativ wenig Europäer zur Wahl des EU-Parlaments gehen?

Enders: Das warten wir mal ab. Ich jedenfalls werde wählen gehen. Die Wahlbeteiligung bei der letzten Europawahl lag bei nur etwa 40 Prozent. Europa darf kein Lippenbekenntnis in Sonntagsreden sein; etwas, worüber nur die Eliten reden. Für viele sind die Errungenschaften der EU Selbstverständlichkeit. In den Blick kommen allzu oft nur die Irrungen und Wirrungen der EU-Bürokratie, die sich mitunter in bizarren Regulierungen verlaufen. Europa darf sein Dasein nicht einfach nur postulieren, sondern muss sich immer wieder beweisen. Es muss greif- und spürbar werden für jeden einzelnen Bürger und sich auf das konzentrieren, wozu es gebraucht wird: Freiheit, Wachstum, Beschäftigung und Sicherheit. Viele Menschen wissen auch gar nicht, wie zentral wichtig das EU-Parlament und die europäische Gesetzgebung mittlerweile sind, weil die Politiker, die nationalen Mandatsträger ihnen das schlichtweg gar nicht erzählen!

Welche gemeinsamen Interessen hat Europa überhaupt?

Enders: Wir Europäer haben weit mehr gemeinsame Interessen, als uns bewusst ist! Und die erschöpfen sich keineswegs im Binnenmarkt. Es geht um globale Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit, aber auch um unseren Beitrag zu einer friedlichen Welt. Wir müssen bereit sein, unsere Interessen notfalls auch militärisch zu verteidigen. Auf diesem Gebiet ist Europa noch völlig unterbelichtet. Und wenn auch viele in Deutschland dies nicht glauben wollen: Militärische Macht ist und bleibt eine bestimmende Größe in den internationalen Beziehungen!

Wie nimmt Europa seine Interessen wahr?

Enders: Naja, wie gesagt, halbherzig. Wir verlieren uns zu oft im Detail, in nationalen „Bataillen“ und Kleinklein, als dass wir etwas Länderübergreifendes schaffen, das andere überzeugt und zum Mitmachen einlädt. Europa hat seine Vision verloren!

Was kann Europa angesichts sozialer Probleme wie der riesigen Jugendarbeitslosigkeit im Süden dennoch zusammenhalten?

Enders: Vor allem das Gefühl, am Ende doch zusammen zu gehören. Und allein als Nationalstaaten sind wir Zwerge zwischen China, Russland und den USA. Auch die wirtschaftlichen Probleme in der gesamten EU können nur gemeinsam gelöst werden. Dabei muss ebenfalls allen klar sein, dass die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa eine gewaltige Sprengkraft hat. Sie kann das europäische Fundament zerstören. Denn eine komplette Generation ohne wirtschaftliche Perspektive verliert das Vertrauen in die Gesellschaft und damit in Europa. Wir – Politik wie Wirtschaft – müssen alles daran setzen, diesen jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Wir sollten weniger über Bankenrettung und Rettungsschirme diskutieren und mehr über die Chancen der kommenden Generationen.

Wie groß ist das Misstrauen der Europäer gegenüber den USA, Stichwort NSA?

Enders: Die NSA ist sicher eine Behörde, die ein wenig außer Kontrolle geraten war. Aber wir sollten uns vor Naivität und simpler Romantik bewahren. Wir müssen begreifen, dass Staaten – auch demokratische – die ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um ihre Interessen zu verfolgen. Das Jammern über die NSA bringt uns nichts. Respekt erfährt nur der, der über eigene effektive Mittel zur Spionage und Gegenspionage, über eigene Machtmittel verfügt. Aber wir sollten mit Amerika jetzt über Wichtigeres diskutieren: das Transatlantische Freihandelsabkommen etwa! Das wäre Zukunfts- und Wachstumsvorsorge.

Was trauen Sie der Politik zu? Sie sind vor einigen Jahren aus der CSU ausgetreten, frustriert?

Enders: Ich war enttäuscht über die Libyenpolitik und die kopflose Anti-Atompolitik der konservativ-liberalen Bundesregierung. Damit konnte ich mich nicht identifizieren und habe daraus meine Konsequenzen gezogen. So einfach war das. Übrigens ist es ja bei uns gottlob so, dass man nicht Parteimitglied sein muss, um etwa in der Wirtschaft eine wichtige Funktion auszuüben.

Zitat Tom Enders in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17. November 2013: „Wirtschaftliche Erfahrung wäre sicher hilfreich für den Politikbetrieb.“ Wann kandidieren Sie?

Enders: (lacht) Als junger Mann hätte ich mir das gut vorstellen können, aber jetzt strebe ich gewiss keine Kariere in der Politik mehr an. Mein jetziger Job ist spannend und verantwortungsvoll genug. Aber Ihre Frage ist berechtigt: Wir müssen uns für die Zukunft überlegen, wie wir Wirtschaftseliten auch die Übernahme eines politischen Mandats schmackhaft machen können. Davon kann der Politikbetrieb nur profitieren. Nach meiner Erfahrung ist die Kluft zwischen Wirtschaft und Politik in den letzten zehn Jahren immer größer geworden. Diese Entwicklung erfüllt mich mit Sorge.

Wie sähe Ihre ganz persönliche Europa-Kampagne aus?

Enders: Ich würde den Menschen vor Augen führen, dass unser kleines Europa sich angesichts der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen aus anderen Teilen der Welt, angesichts der zunehmenden Konflikte an seiner Peripherie nur gemeinsam behaupten kann. Dabei muss es vor allem um Integration in den großen Wirtschafts- und Währungsfragen, aber auch in der Außen- und Verteidigungspolitik gehen. Hier müssen nationale Interessen hintangestellt werden, weil nationale Lösungen keine Perspektive mehr bilden.

Airbus, ein europäisches Unternehmen par excellence, bekommt von den Regierungen verschiedener europäischer Länder immer wieder Anschubfinanzierungen für die Entwicklung neuer Maschinen. Beim A350 gibt es schon lange Ärger mit Deutschland. Wie sehr nervt Sie das?

Enders: Das Thema ist für uns erledigt. Wir haben uns mit der Bundesregierung schlicht nicht einigen können. Das ist das erste Mal in 40 Jahren! Das Darlehen hatten wir beantragt als Ausgleich für die massiven Subventionen, die Boeing in den USA erhält: fünf Milliarden Dollar für die 787 und acht Milliarden Dollar für die 777X! Trotzdem kommt das A350-Programm gut voran. Derzeit befinden sich vier Testflugzeuge in der Luft, das fünfte folgt bald. Dieses Jahr möchten wir den Flieger zertifiziert bekommen und die erste Maschine an Qatar Airways ausliefern.

Zum guten Schluss: Sind Sie eher Deutscher, Europäer, Bayer oder doch Westerwälder?

Enders: Ich fühle mich in erster Linie als Europäer; einer, der seinen Dienstsitz in Südfrankreich hat und seinen Familiensitz in Oberbayern. Darüber hinaus ist es mir ein besonderes Anliegen, die internationale Präsenz unserer Gruppe weiter auszubauen, vor allem in Asien und Amerika. Es macht mir einen Riesenspaß, mit jungen Mitarbeitern dort über Airbus und die Zukunft unseres Unternehmens zu diskutieren. Airbus wird nur dann weiter erfolgreich sein, wenn wir uns zu einem wirklich global tätigen Unternehmen weiterentwickeln!

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