Zwischen Familie und Kaserne: Wenn Papa dient

Von: Christina Handschuhmacher
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Drei Väter, drei Soldaten, drei verschiedene Erwartungen an die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen: Die beiden Söhne von Oberstabsfeldwebel Wolfgang Jahn sind schon fast erwachsen, dennoch wünscht er sich Planungssicherheit. Foto: Handschuhmacher
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Zeitsoldat Markus Faßbender ist nahe an seinem Zuhause stationiert und fährt nach Feierabend zu Frau und Tochter. Foto: Handschuhmacher
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Hauptfeldwebel Björn Ruhe pendelt zwischen Kaserne und Zuhause und sieht seine Familie nur am Wochenende. Foto: Handschuhmacher

Aachen. Das Leben von Björn Ruhe spielt sich in zwei komplett unterschiedlichen Welten ab. In der einen Welt ist Björn Ruhe Familienvater. Elf und acht Jahre alt sind seine beiden Kinder. Mit ihnen und seiner Frau lebt der 35-Jährige im Münsterland. Doch das Familienleben findet ausschließlich am Wochenende statt. Denn von Montagmorgen bis Freitagnachmittag wird aus dem Familienvater Ruhe der Hauptfeldwebel Ruhe.

Dann ist Ruhe in seiner anderen Welt, in der Lützowkaserne an der Trierer Straße im Aachener Osten. An der dortigen Technischen Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik ist er als Ausbilder tätig.

Drei Versetzungen in neun Jahren

Rund 230 Kilometer liegen dann zwischen ihm und seiner Familie. Und das, sagt Ruhe, sei verglichen mit den Strecken, die viele seiner Kameraden jedes Wochenende zurücklegen, ja noch verhältnismäßig wenig. „Ich habe wenigstens das ganze Wochenende mit meiner Familie. Bei vielen anderen beschränkt sich das Familienleben auf den Samstag, weil sie freitagsabends spät ankommen und der Sonntag schon wieder im Zeichen des Aufbruchs steht.“

Seit neun Jahren pendelt Björn Ruhe zwischen Kaserne und dem Wohnort seiner Familie. Drei Mal ist er in dieser Zeit bereits versetzt worden; zwischendrin war er für ein halbes Jahr in Afghanistan – ausgerechnet in den zwei Jahren in denen Ruhe eigentlich „heimatnah“, wie es im Jargon der Bundeswehr heißt, stationiert war. Während seines Afghanistan-Einsatzes bekam er dann auch die Information über die nächste anstehende Versetzung.

Björn Ruhe und seine Frau haben sich dafür entschieden, dass die Familie die versetzungsbedingten Umzüge nicht mitmacht. „Es ist ja nicht nur so, dass ich die Kinder jedes Mal aus der Schule und aus ihrem gewohnten Umfeld reißen müsste“, sagt Ruhe. „Die Frage ist doch auch: Findet meine Frau an meinem neuen Standort wieder einen Arbeitsplatz?“

Miteinander vereinbaren lassen sich die beiden Welten von Björn Ruhe nur schwer. Während bei vielen anderen Arbeitgebern Familienfreundlichkeit groß geschrieben wird, ist bei der Bundeswehr in diesem Bereich noch deutlich Luft nach oben. Über 50 Prozent der derzeit 186 000 Soldaten pendeln zwischen Wohn- und Einsatzort. Das hat der Truppe den Zusatznamen „Pendlerarmee“ eingebracht.

Für Ehefrau und Kinder bleibt dann meist nur wenig Zeit. Viele Fernpendler sehen die Familie nur an jedem zweiten oder dritten Wochenende. Dementsprechend liegt auch die Scheidungsquote bei Soldatinnen und Soldaten deutlich über dem Durchschnitt. Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht. Laut dem Jahresbericht 2011 des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) werden jedoch in „einzelnen Verbänden Trennungsquoten bis zu 75 Prozent, in einem Fall sogar von 90 Prozent genannt“. Familienfreundlichkeit? Fehlanzeige!

Und überhaupt: Die Stimmung in der Truppe ist mies. Bis zum 23. Dezember 2013 gingen 5061 Beschwerden beim Wehrbeauftragen ein. 17 Prozent mehr als im Vorjahr und damit ein neuer Negativ-Rekord – gemessen an der Zahl der Soldaten waren es nie mehr als im zurückliegenden Jahr. Ein Grund für viele Beschwerden: die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf.

Daran soll sich etwas ändern und zwar schnell. Dafür will die neue Verteidigungsministerin sorgen. Es sind anspruchsvolle Ziele, die Ursula von der Leyen (CDU) kürzlich für ihre Truppe ausgegeben hat. Geht es nach ihrem Willen soll die Bundeswehr „zu einem der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland“ werden. „Wir haben keine Wehrpflicht mehr. Niemand muss zur Bundeswehr, sondern alle kommen freiwillig. Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber sein, wie bei anderen Berufen auch“, stellt von der Leyen klar.

Den ständigen Versetzungen und der „Pendlerarmee“ hat die erste deutsche Verteidigungsministerin den Kampf angesagt. Ganz oben auf ihrer Agenda steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nachdem von der Leyen als Familienministerin dafür gesorgt hat, dass Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz bekommen, nimmt sie nun die Familienfreundlichkeit bei der Bundeswehr ins Visier. Sie will, dass Teilzeitarbeit auch für Soldatinnen und Soldaten, die eine Familie gründen, möglich wird, und plant die Einführung eines Lebensarbeitszeitkontos für Überstunden. In den Kasernen soll die Kinderbetreuung ausgebaut werden, für Randzeiten will sie flexible Tagesmütter engagieren. Und die Finanzierung von Leyens Plänen? „Wir müssen das innerhalb des bestehenden Etatansatzes schaffen“, sagt ihr Sprecher.

Ein realistisches Vorhaben? „Wenn sie das alles wirklich so hinbekommt, fände ich das natürlich gut“, sagt Oberstabsfeldwebel Wolfgang Jahn. Doch es klingt eine gehörige Portion Skepsis aus seinen Worten. Unterm Strich, glaubt Jahn, der an der Technischen Schule Ausbilder für Kraftfahrzeugtechnik ist, würden von der Leyens Pläne zu viel kosten, um sie aus einem Etat zu finanzieren, der sowieso kaum Spielraum zulässt.

Phänomen in allen Dienstgraden

Dem 46-Jährigen ist vor allen Dingen wichtig, dass die Vorhaben für eine familienfreundliche Bundeswehr nicht zu Lasten der Soldaten gehen, die gerade im Ausland sind. „Es darf nicht sein, dass dann etwa kein Geld mehr für eine vernünftige Ausrüstung da ist“, sagt er. Für ihn persönlich kommen die Pläne zur Kinderbetreuung ohnehin zu spät – seine Söhne sind bereits 16 und 20 Jahre alt. Dennoch: „Mein jüngster Sohn fängt bald die Ausbildung an. Es wäre schon gut, wenn ich die Planungssicherheit hätte, dass ich zumindest die nächsten drei Jahre noch hier in der Kaserne bleiben kann.“

Spricht man länger mit den Soldaten in der Lützowkaserne, hat man das Gefühl, dass die vielen Versetzungen und die damit verbundene Unsicherheit ein großes, ja vielleicht sogar das größte Pro-blem der Soldaten darstellen. „Das ist ein Thema, das fast jeden Soldaten betrifft“, sagt Major Wolfgang Reusch, Presseoffizier der Kaserne. In 19 Jahren bei der Bundeswehr ist er berufsbedingt 13 Mal umgezogen. Oberstleutnant Stephan Blumenthal, Inspektionschef und Vorgesetzter von Jahn und Ruhe, war lediglich in drei von bislang 26 Dienstjahren weniger als 100 Kilometer von seinem Wohnort entfernt stationiert. Die ständigen Versetzungen sind ein Phänomen, das sich durch alle Dienstgrade zieht.

Distanz zum Lebensmittelpunkt

Doch womit hängt es zusammen, dass ein Großteil der Soldaten im Rhythmus von zwei bis vier Jahren den Standort wechseln muss? „In der Offizierslaufbahn etwa ist es angedacht, dass die Offiziere in bestimmten Bereichen der Bundeswehr einmal Dienst leisten“, erklärt Major Reusch. „Sie sollen möglichst einmal im Ministerium gewesen sein, mal an einer der Schulen, mal als Kompaniechef eine Truppe geführt haben.“ Fast jede Versetzung ist gleichzeitig auch ein Schritt nach oben auf der Karriereleiter. So funktioniert das System Bundeswehr.

Aber Reusch sagt auch: „Mittlerweile sind von den Versetzungen fast alle Soldaten betroffen. Es muss sicherlich überprüft werden, ob die Versetzungen in einer so engen Taktung stattfinden müssen.“ Denn: „Unter den vielen Versetzungen leiden die Familien. Dabei tragen gerade in unserem Beruf die Familien einen enormen Teil dessen, was wir persönlich an Belastungen erleben, mit.“ Und auch für die Soldaten ist die ständige Zeit ohne stabiles Umfeld nicht unproblematisch. Oberstleutnant Blumenthal fasst es so zusammen: „Das Kernproblem für viele Soldaten ist die Distanz zum Lebensmittelpunkt.“

Dass es bei der Bundeswehr auch anders geht, zeigt das Beispiel von Oberfeldwebel Markus Faßbender. Bis 2010 war der Zeitsoldat, der aus Jülich stammt, in Wesel stationiert. Seit 2010 ist er in der Lützowkaserne im Aachener Osten beschäftigt. „Ich bin der Glückliche, der jeden Feierabend nach Hause fahren kann“, sagt Faßbender. „Und ich freue mich auch jeden Abend darüber, dass ich meine kleine Tochter sehen kann und nicht aufs Wochenende warten muss.“

Auch der 30-Jährige musste vorher zwischen Kaserne und Wohnort seiner Familie pendeln; nun ist er froh, die wichtigen Schritte im Leben seiner Tochter hautnah miterleben zu können – und nicht nur aus der Distanz. „Wenn die Kleine krank ist und meine Frau sich nicht kümmern kann, kann ich auch mal früher nach Hause fahren“, sagt Faßbender. Sein Vorgesetzter Oberstleutnant Blumenthal macht es möglich, andere Kameraden springen dann helfend ein. „Es ist die Verantwortung eines Vorgesetzten, seine Soldaten zeitgemäß zu führen“, sagt Blumenthal. „Und dazu gehört auch, die Belange der Familie zu sehen. Wenn das durch die Verteidigungsministerin noch in einen festen geregelten Rahmen gegossen wird, umso besser.“

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