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„Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung“

Von: Von Joachim Zinsen
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Als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hat Jean Ziegler eines erfahren: Hunger ist die schmerzhafteste Zerstörung eines Menschen. Foto: dpa
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Börsenspekulanten haben die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe getrieben. Auch deshalb leiden weltweit mehr als eine Milliarde Menschen immer noch an Hunger – nicht nur in Afrika. Foto: dpa

Aachen/Genf. Unser Planet produziert Reichtum im Überfluss. Dennoch leiden mehr als eine Milliarde Menschen an Hunger. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler hat die Ursachen und Gründe für diesen Skandal analysiert. Ein Gespräch mit dem langjährigen Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung.

 

Herr Ziegler, weltweit sind mehr als eine Milliarde Menschen schwerstens unterernährt. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. Sie behaupten in ihrem neuen Buch: „Wir lassen sie verhungern.“ Wer sind „wir“?

Ziegler: Das tägliche Massaker durch den Hunger kennt Täter und Komplizen. Jeder von uns ist ein Komplize, solange er zum größten Skandal unserer Zeit schweigt.

Und wer sind die Täter?

Ziegler: Es gibt eine ganze Reihe mörderischer Mechanismen. Erstens: 85 Prozent des Handels mit Grundnahrungsmitteln – also Mais, Getreide und Reis – wird von zehn großen internationalen Konzernen kontrolliert. Die entscheiden jeden Tag, wer essen und wer leben darf oder wer hungern und wer sterben muss. Diese Konzerne stehen außerhalb jeder staatlichen Kontrolle und arbeiten nur nach dem Prinzip der Profitmaximierung. Zweitens: Im Zuge der Finanzkrise sind Banken und Hedgefonds auf die Agrarbörsen umgestiegen. Dort spekulieren sie völlig legal mit Grundnahrungsmitteln und machen damit astronomisch hohe Profite. Als Folge ist im vergangenen Jahr der Mais um 63 Prozent teurer geworden. Der Preis für Weizen hat sich verdoppelt und für philippinischen Reis sogar fast verzehnfacht. Darunter leiden die 1,2 Milliarden extrem armen Menschen, die weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung haben. Sie können sich diese Nahrungsmittel einfach nicht mehr leisten. Ihre Kinder verhungern.

Wird diesen Menschen fahrlässig oder mit Vorsatz die Lebensgrundlage entzogen?

Ziegler: Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, die beherrscht wird von struktureller Gewalt. Lassen Sie es mich an einem Beispiel deutlich machen: Der Präsident des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestle ist ein zivilisierter Mensch. Aber wenn dieser Mann nicht jedes Jahr den Shareholder Value – also die Rendite auf das Kapital von Nestle – um einen gewissen Prozentsatz steigert, ist er seinen Job los. Es geht also nicht um böse Absichten, sondern um strukturelle Gewalt. Das, was wir freie Marktwirtschaft nennen, tötet.

Sie sprechen von Mord?

Ziegler: Von Massenmord. 70 Millionen Menschen sind im vergangenen Jahr gestorben, davon 18,2 Millionen am Hunger oder dessen unmittelbaren Folgen. Hunger ist die weltweit größte Todesursache.

Aber ist die Erde denn überhaupt in der Lage, eine Weltbevölkerung von inzwischen mehr als sieben Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren?

Ziegler: Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen könnten wir derzeit sogar 12 Milliarden Menschen problemlos ernähren. Hunger existiert, weil Menschen der Zugang zur Nahrung versperrt wird und weil ihnen Kaufkraft fehlt. Hunger ist kein Naturphänomen, er ist von Menschen gemacht. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Sie haben eben bereits zwei Hauptursachen für den Hunger genannt. Gibt es weitere?

Ziegler: Verantwortlich für den Hunger ist auch das Agrardumping der EU. Auf jedem afrikanischen Markt können Sie inzwischen subventionierte Lebensmittel aus Europa zu einem Drittel des Preises entsprechender Inlandsprodukte kaufen. Dadurch werden die heimischen Erzeuger systematisch kaputt gemacht. Die Verlogenheit der Europäischen Kommissare in Brüssel ist abgrundtief. Einerseits ruinieren sie durch die Billigexporte die afrikanische Subsistenzlandwirtschaft und sorgen in vielen Ländern des Kontinents für Hunger. Andererseits lassen sie die Hungerflüchtlinge, die zu Zehntausenden in kleinen Booten nach Europa kommen wollen, ins Meer zurückwerfen.

Verschärft auch das Tanken von Biosprit den weltweiten Hunger?

Ziegler: Selbstverständlich. Allein in den USA sind im vergangenen Jahr 138 Millionen Tonnen Mais und Hunderte Millionen Tonnen Getreide verbrannt worden. Angesichts des Hungers in der Welt ist das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Natürlich müssen wir wegen der drohenden Klimakatastrophe weg von fossilen Brennstoffen. Aber wir sollten auf Windenergie, Sonnenenergie oder hydraulische Energie setzen und nicht auf das Verbrennen von Lebensmitteln.

Sind das die Gründe, weshalb das von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 verkündete Millenniumsziel, nämlich die Zahl der weltweit Hungernden bis 2015 zu halbieren, offensichtlich scheitern wird?

Ziegler: Natürlich. Hinzugekommen ist in jüngerer Vergangenheit ein weiteres mörderisches Phänomen. Das sogenannte Landgrabbing, der Landraub. Im vergangenen Jahr haben Großkonzerne, Banken und Hedgefonds allein in Afrika 41 Millionen Hektar Land übernommen. Sie produzieren dort Nahrungsmittel oder Schnittblumen für Westeuropa und die USA. Die Bauern, die bisher auf dem Land gelebt und gewirtschaftet haben, werden vertrieben. Sie verarmen und hungern.

Es hat in der Vergangenheit mehrfach Gipfeltreffen der G20-Staaten gegeben, die mit feierlichen Erklärungen geendet sind, man wolle den Hunger nun endlich ernsthaft bekämpfen. Als eine Maßnahme war häufig die Rede davon, den ärmsten Ländern der Welt ihre Schulden zu erlassen, damit sie beispielsweise in die Landwirtschaft investieren können.

Ziegler: Aber geschehen ist anschließend so gut wie nichts. Die Auslandsschulden der 122 Entwicklungsländer betrugen Ende vergangenen Jahres 2200 Milliarden Dollar. Alle Einnahmen dieser Staaten gehen als Schuldendienst direkt an die Banken in Frankfurt, London, Zürich oder New York. Wie wichtig es wäre, das Geld stattdessen in die Landwirtschaft investieren zu können, zeigt ein Vergleich der Produktivität. In normalen Zeiten – also beispielsweise außerhalb extremer Dürre- oder Kriegszeiten – werden auf einem Hektar Land in der Sahel-Zone 600 bis 700 Kilo Getreide produziert. In Baden-Württemberg sind es auf der gleichen Fläche 10000 Kilo. Das liegt nicht daran, dass der deutsche Bauer so viel fleißiger und kompetenter ist als der afrikanische. Nein, der Grund ist: Die meisten afrikanischen Bauern verfügen weder über Dünger, noch über Zugtiere geschweige denn Zugmaschinen, noch über Bewässerungssysteme für ihr Land.

Waren demnach alle politischen Versprechen, den Hunger zu bekämpfen, nur Sonntagsdeklamationen, die das Weltgewissen beruhigen sollten?

Ziegler: Es ist noch komplizierter. Nehmen wir den G20-Gipfel in Cannes im vergangenen Oktober. In dessen Vorfeld hatte Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy angekündigt, bei dem Treffen das Verbot von Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel durchsetzen zu wollen. Auf dem Gipfel selbst war davon plötzlich keine Rede mehr. Warum? Weil nach Sarkozys Ankündigung die Großkonzerne und Hedgefonds tätig geworden sind und in Paris, Washington und Berlin ihre gesamte politische Macht mobilisiert haben. Die G20-Staaten sind daraufhin eingeknickt.

Also eine Kapitulation der Politik vor den Interessen der Wirtschaft?

Ziegler: Eine totale Kapitulation.

Wenn schon die Politik versagt, was kann denn jeder einzelne Verbraucher zur Bekämpfung des weltweiten Hungers tun?

Ziegler: Die allermeisten Herrschaftsländer sind Demokratien. Deutschlands ist die lebendigste Demokratie unseres Kontinentes und die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Deshalb können alle mörderischen Mechanismen gestoppt werden. Politiker können jederzeit für eine Totalentschuldung der Entwicklungsländer stimmen. Ebenso können sie Börsenspekulationen auf Lebensmittel oder die Importe von Agrartreibstoffen jederzeit verbieten. Wir brauchen deshalb einen Aufstand des Gewissens, müssen auf die Politiker genügend Druck ausüben, damit sie nicht länger die Interessen der Finanzoligarchien verfolgen, sondern die Interessen der vom Hungertod bedrohten Kinder.

Wie kann der Verbraucher durch sein Konsumverhalten einen Beitrag zum Kampf gegen den Hunger leisten?

Ziegler: Indem er zum Beispiel möglichst wenig Fleisch isst, damit nicht länger ein Viertel der Weltgetreideproduktion an Schlachtvieh verfüttert wird. Dann sollte der Verbraucher entweder Produkte kaufen, die aus seiner Region stammen oder die das Fair-Trade-Siegel besitzen. Und schließlich sollte er keine gentechnisch veränderten Lebensmittel kaufen. Diese Lebensmittel zwingen die Bauern in der Dritten Welt nämlich in die Finanzsklaverei.

Das müssen Sie erklären.

Ziegler: Wenn Bauern gentechnisch veränderter Samen aussähen, müssen sie dauerhaft Lizenzgebühren an die Lebensmittelkonzerne zahlen, die darauf ein Patent halten.

Sich von Bio-Produkten zu ernähren, die möglichst auch noch von einem ortsnahen Produzenten stammen, ist vielen Verbrauchern finanziell kaum möglich. Was raten Sie diesen Menschen?

Ziegler: Sie sollten die europäische Landwirtschaftspolitik bekämpfen, damit Brüssel endlich den Bio-Anbau privilegiert.

Wir reden die ganze Zeit vom Hunger als einem Phänomen, das ausschließlich Länder der „Dritten Welt“ betrifft. Ist das korrekt?

Ziegler: Nein, der Unicef-Bericht für Spanien vom Mai 2012 spricht von rund 2,2 Millionen Kindern, die in dem Land permanent schwerst unterernährt sind. Die konservative Regierung von Mariano Rajoy hat in Spanien alle Schulspeisungen gestrichen und etwa 90 Prozent der Sozialleistungen für arme Familien gekürzt.

Hunger also als Folge der europäischen Finanzkrise?

Ziegler: Ja. Und auch als Folge der absolut verwüstenden Austeritätspolitik der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie waren acht Jahre lang Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Waren die Erfahrungen, die Sie in der Zeit machen mussten, deprimierend?

Ziegler: Sicher war vieles sehr deprimierend. Aber ich habe zwei Dinge gelernt. Zum einen: Hunger ist keine Naturkatastrophe, sondern eine von Menschen gemachte Tragödie und kann deshalb von Menschen eliminiert werden. Und ich habe gesehen, dass der Hungertod kein langsames friedliche Verlöschen ist. Nein, Hunger ist die schmerzhafteste Zerstörung eines Menschen.

Was lässt Sie denn weitermachen?

Ziegler: Mein Glaube an die einforderbare Gerechtigkeit. Che Guevara hat gesagt: „Die stärksten Mauern fallen durch Risse.“ Ich sehe diese Risse, denn das Problembewusstsein in der europäischen Zivilgesellschaft steigt. Dann gibt es noch den Satz des französischen Schriftstellers George Bernanos: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ Wenn also wir nicht die kannibalische Weltordnung ändern, tut es niemand.

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