„Willy Brandt war Opfer einer bösartigen Treibjagd“

Von: Joachim Zinsen
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Albrecht Müller: Brandt war ein nachdenklicher, aber kein depressiver Mensch. Foto: dpa

Köln. Für Millionen war er ein Hoffnungsträger. Kein Politiker der Nachkriegszeit hat die Menschen emotional derart stark berührt wie Willy Brandt. Von den einen wurde der erste SPD-Bundeskanzler (1969-1974) verehrt, von anderen regelrecht gehasst. Albrecht Müller war 1972 Wahlkampfmanager von Brandt und anschließend sein Planungschef im Kanzleramt. Anläßlich des anstehenden 100. Geburtstages von Brandt erinnert er sich an den 1992 verstorbenen Sozialdemokraten.

Herr Müller, Willy Brandt war nur viereinhalb Jahre Bundeskanzler. Trotzdem nennen Sie ihn einen Jahrhundertpolitiker. Was hat ihn zu einer derart herausragenden Persönlichkeit gemacht?

Müller: Brandt war anders als die meisten Politiker. Er hatte die Gabe, langfristig und strategisch zu denken. Nur ein Beispiel: Schon in den 50er Jahren hat sich Brandt mit politischen Freunden zusammengesetzt und überlegt, wie die Ost-West-Konfrontation abgebaut werden kann. In dieser Zeit wurden die Grundlagen für die Formel „Wandel durch Annäherung“ gelegt. Sie wurde dann über 10 Jahre später zur Grundidee von Brandts Entspannungspolitik. Erst durch den Abbau der Konfrontation war der Wandel im Osten möglich. Ohne Brandts Entspannungspolitik hätte es den Aufstieg von Michail Gorbatschow und die Deutsche Einheit nicht gegeben.

In seine Kanzlerzeit ist Brandt wegen dieser Politik oft als „Landesverräter“ gebrandmarkt worden.

Müller: Brandt war das genaue Gegenteil. So kurz nach der Nazi-Zeit gab es damals immer noch viele Vorurteile gegen Deutschland. Brandt und Bundespräsident Gustav Heinemann haben sie abgebaut. Wer zu ihrer Zeit als Deutscher in Europa unterwegs war, bekam fast überall zu hören: „Was habt ihr für einen tollen Kanzler.“ Heute ist das anders. Wir sollten doch nicht glauben, dass die abwertenden Äußerungen von Angela Merkel, Wolfgang Schäuble oder der „Bild-Zeitung“ in der Finanzkrise über die „Pleite-Griechen“ ohne negative Folgen bleiben. Solche beleidigenden Töne wären einem Willy Brandt nie über die Lippen gekommen. Er hat immer dafür geworben, dass die Deutschen ein Volk der guten Nachbarn sind.

Trotzdem war Brandt ständig Zielscheibe von heftigen Angriffen.

Müller: Schon vor seiner Kanzlerschaft sah sich Brandt übelsten Pöbeleien ausgesetzt. Von konservativer Seite wurde ihm vorgehalten, dass er ein uneheliches Kind war und dass er in der Nazi-Zeit im Exil gelebt hat. Nach seiner Wahl begann schon bald eine regelrechte Treibjagd auf ihn.

Wie kommen Sie zu dem Bild einer Treibjagd?

Müller: An Treibjagden sind immer mehrere Personen oder Gruppen beteiligt. Im Fall Brandt zählte dazu natürlich die oppositionelle CDU/CSU. Dann gab es die Vertriebenenverbände und Teile der Wirtschaft, für die Brandt das Feindbild schlechthin war. Und schließlich stellten sich viele Medien, allen voran der Springer-Konzern und der Bauer-Verlag, radikal gegen ihn. Sie haben sich zusammengeschlossen, Millionen Mark an Spenden gesammelt und Brandt ab 1971 mit bösartigen und meist anonymen Anzeigenkampagnen verunglimpft. Es war eine gemeinsame Jagd. Brandt hat sich allerdings nicht weggeduckt, sondern seinerseits eine Kampagne gegen das „große Geld“ gestartet. Auf viele Menschen hat das Eindruck gemacht. Endlich war da ein Politiker, der sich gegen den massiven Einfluss des großen Geldes wehrte.

Es waren aber auch „Parteifreunde“, die gegen Brandt schossen.

Müller: Natürlich. Sie waren Teil der Jagdgesellschaft, haben dem politischen Gegner in die Hände gespielt und das gleiche Jägerlatein verkündet. Auch einige Mitglieder der SPD tönten: Brandt sei depressiv, sei ein Zauderer und Zögerer, er verstehe nichts von Ökonomie.

Geschah das nur aus persönlichen Gründen?

Müller: Bei einem seiner großen innerparteilichen Rivalen, dem damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt, war die Motivation klar. Er hielt sich für den besseren Kanzler. Mag sein, dass diese Haltung legitim ist. Nicht legitim ist es aber, schon ein Jahr, nachdem ein Parteifreund Regierungschef geworden ist, selbst mit den Füßen zu scharren. Schmidt, der SPD-Fraktionschef im Bundestag Herbert Wehner und einige andere haben permanent gegen Brandt gestänkert. Brandt war darüber entsetzt, hat das Verhalten als ebenso kindisch empfunden wie die ständigen Streiterei am Kabinettstisch zwischen Schmidt, Wirtschaftsminister Karl Schiller und Finanzminister Alex Möller. Brandt ist bei solchen Auseinandersetzungen manchmal aufgestanden und gegangen. Das wurde ihm als Führungsschwäche ausgelegt. Ich aber konnte sein Verhalten gut verstehen. Brandt war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte mit nicht einmal 20 Jahren unter Lebensgefahr vor den Nazis fliehen müssen. Und nun erlebte er, wie sich Männer aus purer Eitelkeit wegen kleinster Kleinigkeiten in die Haare gerieten. Nein, das war nicht seine Welt.

Was war dran an den Vorwürfen gegen Brandt? Handelte es sich bei ihm tatsächlich um einen Träumer?

Müller: Ich habe Brandt intensiv erlebt und kann nur sagen: Die Vorwürfe sind haltlos. Wehner und Schmidt wollten beispielsweise 1969 die große Koalition mit der CDU/CSU fortsetzen. Brandt aber hat noch in der Wahlnacht mit FDP-Chef Walter Scheel die sozialliberale Koalition verabredet. So handelt kein Zauderer.

War er denn depressiv?

Müller: Brandt war ein nachdenklicher Mensch. Er wäre sicherlich nicht im Aachener Karneval aufgetreten. Aber deshalb muss man nicht gleich als depressiv gelten. Brandt hat sich mehrmals im Jahr für ein paar Tage zurückgezogen, um zum Beispiel größere Reden vorzubereiten. Dies als Indiz für Depressionen anzuführen, war eine der hinterhältigsten politischen Gemeinheiten, mit denen er sich konfrontiert sah. Denn damit wurde seine Regierungsfähigkeit angezweifelt.

Das Bild vom depressiven Brandt ist in die Geschichtsschreibung eingegangen. Woran liegt das?

Müller: Historiker neigen dazu, das nachzuplappern, was zeitgenössische Medien und Politiker verkündet haben. Auch Brandts angebliche Frauengeschichten sind maßlos übertrieben, denke ich. Im übrigen ist es unanständig, in solchen persönlichen Angelegenheiten öffentlich herumzuwühlen. Wenn inzwischen in Büchern und Filmen behauptet wird, ihm seien im Wahlsonderzug von Günter Guillaume Frauen zugeführt worden, dann ist das einfach nur ekelhaft. Brandt war nicht der große Draufgänger. Er hat interessante Frauen bewundert und hofiert. Welcher Mann tut das nicht? Was soll daran schlimm sein? Und von öffentlichem Interesse? Wo leben wir denn!

Damals hieß es, Brandt sei wegen seiner Frauengeschichten möglicherweise erpressbar.

Müller: Vielleicht haben sich miese Figuren wie Herbert Wehner und der damalige Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau so die Welt vorgestellt. Aber selbst wenn Brandt eine Affäre gehabt hätte, er wäre deshalb politisch nicht erpressbar gewesen.

Brandt gilt heute als Friedenskanzler. Sein Kniefall vor dem Denkmal für die Opfer im Warschauer Getto ist legendär. War Brandt nur ein großer Außenpolitiker?

Müller: Brandt hatte nicht nur Interesse an der Außenpolitik. Auch seine innenpolitische Bilanz kann sich sehen lassen. In Brandts Amtszeit war die Arbeitslosigkeit gering, hat sich die Einkommensverteilung zu Gunsten der Arbeitnehmer verbessert, ist die Staatsverschuldung niedrig geblieben. Was jedoch immer übersehen wird: Brandt hat auch mit dem Umweltschutz begonnen. „Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden“, dies war eine Idee, die er seit 1961 verfolgte. In seiner Zeit als SPD-Vorsitzender gab es 1971 unter Erhard Eppler eine Reformkommission der Partei, die für eine Steuer auf umweltfeindliche Produkte plädierte. Das war damals ein unglaublich innovativer Vorschlag.

Wirtschaftspolitisch wurde Brandt von Parteifreunden gerne als inkompetent dargestellt.

Müller: Natürlich hatte Brandt von Konjunkturpolitik weniger Ahnung als Karl Schiller. Aber ein Kanzler muss nicht alle Details kennen. Es reicht, wenn er für jedes Politikfeld einen guten Minister am Kabinettstisch sitzen hat, deren Vorschläge beurteilen kann und offen ist für die richtige Linie. Brandt war das.

Legendär ist die „Willy-Wahl“ 1972, Monate nachdem das Misstrauensvotum gegen Brandt im Bundestag gescheitert war. Mehr als 91 Prozent der Bevölkerung gaben damals die Stimme ab. Wie kam es zu dieser überragenden Wahlbeteiligung?

Müller: Viele haben damals erkannt, dass mit Brandt ein Mann an der Spitze stand, der weit voraus dachte und gleichzeitig die Interessen der normalen Menschen vertrat. Er hat nicht nur die egoistische Grundanlage der Leute angesprochen, sondern auch ihre solidarischen Empfindungen. Brandt konnte Menschen überzeugen, die nichts mehr von der Politik erwarteten. Heute gibt es davon Millionen. Deshalb ist auch die Wahlbeteiligung inzwischen so gering. Damals aber waren die Menschen dank Brandt politisiert. Sie sind zu Tausenden in die Parteien eingetreten. Die SPD hat in Brandts Kanzlerschaft die Zahl ihrer Mitglieder von rund 700 000 auf 990 000 steigern können. Auch die CDU verzeichnete einen, wenn auch deutlich geringeren, Zuwachs. In beide Parteien sind nicht nur Karrieristen, sondern viele helle Köpfe eingetreten. Das war gut für die Demokratie.

Die Abstimmung selbst haben die Sozialdemokraten mit einem Rekordergebnis von 45,8 Prozent gewonnen. Was kann die heutige SPD aus diesem Wahlkampf lernen?

Müller: Die SPD hatte damals ein starkes Profil. Heute fehlt es ihr. Gemeinsam mit der Union ist sie für die Agenda 2010, gemeinsam zerstören beide Parteien die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente und der Arbeitslosenversicherung, gemeinsam plädieren sie für Privatisierungen. Die Unterschiede der SPD zur Union sind viel zu gering geworden. Außerdem: Die SPD muss wieder lernen, dass eine Volkspartei nur dann Erfolg hat, wenn sie breit auftritt und in der Partei die verschiedensten Gruppierungen gedeihen können. In der Ära Brandt war das noch so. Doch schon zu Helmut Schmidts Zeiten hat sich der rechte Flügel in der SPD durchgesetzt und alles Linke an den Rand gedrückt. Mit Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat ist die Partei deshalb bei 23 Prozent gelandet. Was Pluralität für eine Partei bedeutet, versteht Angela Merkel viel besser als die derzeitige SPD-Führung. Sie lässt von sich behaupten, sie sei sozialdemokratisiert, bedient mit ihrer Politik aber den Wirtschaftsflügel der CDU.

Die zweite Amtszeit Brandts gilt heute als weit weniger glanzvoll als seine erste. Was sind die Gründe?

Müller: Brandt war nach dem anstrengenden Wahlkampf 1972 krank. Er hätte damals darauf bestehen müssen, dass die Koalitionsverhandlungen mit der FDP nicht ohne ihn stattfinden. Er hat das nicht getan, sondern arglos darauf vertraut, dass Schmidt und Wehner die Gespräche auch in seinem Sinne führen. Das war ein großer Fehler.

Warum?

Müller: Weil die beiden der FDP zusätzlich zu den bisherigen Ministerien auch das Wirtschaftsressort überlassen haben. Vor allem aber fand sich von der starken Betonung des Solidarischen und des Sozialen während des SPD-Wahlkampfes kaum mehr etwas in den Koalitionsvereinbarungen wieder. Brandt waren durch den Vertrag die Hände gebunden. Er war – wie die Amerikaner sagen – plötzlich eine „lame duck“, eine lahme Ente. Niemand im SPD-Bundesvorstand hat das verhindert. Ich halte das für einen ungeheuerlichen Vorgang.

Sehen Sie derzeit SPD-Spitzenleute, die das Potenzial besitzen, in Brandts Fußstapfen zu treten?

Müller: Tut mir leid: Nein.

Was fehlt ihnen, was Brandt hatte?

Müller: Es mag abgedroschen klingen: Aber ich vermisse bei ihnen die Absicht, die Welt verbessern zu wollen. Wenn Sozialdemokraten diesen Willen aufgeben, machen sie sich überflüssig. Dann werden sie so wie die anderen. Vielen in der SPD-Spitze fehlt aber auch die Intelligenz und der strategische Weitblick von Willy Brandt. Ein Frank-Walter Steinmeier ist heute noch stolz darauf, dass unter Gerhard Schröder die Lohnnebenkosten gesenkt worden sind. Dadurch sind die solidarischen Sicherungssysteme wie beispielsweise die Rentenkassen, massiv geschwächt worden. Das hat verheerende Auswirkungen für Millionen Menschen. Will oder kann der Fraktionsvorsitzende die daraus folgende Altersarmut nicht sehen?

Sie sind aber trotz all ihrer Kritik weiterhin in der SPD. Warum?

Müller: Weil ich will, dass die Menschen bald wieder eine Alternative zu Angela Merkel haben. Die wird ohne die SPD nicht organisiert werden können.

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