Kleve - Westerwelle hält sich immer noch für unverzichtbar

Westerwelle hält sich immer noch für unverzichtbar

Von: Johannes Nitschmann
Letzte Aktualisierung:
6231993.jpg
Ist die Bundestagswahl für die FDP schon gegessen? In NRW, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, wird sich wohl entscheiden, ob die Liberalen weiter im Bundestag vertreten sein werden. Landes-Spitzenkandidat Guido Westerwelle macht hier seinen eigenen Wahlkampf. Foto: dpa
6233761.jpg
Derweil starteten CDU und FDP mit Plakat-Aktionen in den Endspurt. Merkel warb für – Merkel. Foto: dpa
6233764.jpg
Die FDP von Spitzenkandidat Rainer Brüderle geht mit einer Zweitstimmenkampagne auf‘s Ganze. Foto: dpa
6233753.jpg
Die bayerische Grünen-Spitzenkandidatin Margarete Bause wurde in Berlin von der Parteichefin Claudia Roth und Bundes-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt mit einem bunten Strauß empfangen. Foto: dpa

Kleve. Es nieselt. Guido Westerwelle trägt eine dunkelbraune Steppjacke mit beigefarbenem Wollschal und schlürft schwarzen Tee. Trotz herbstlichen Schmuddelwetters kommen an diesem September-Nachmittag etwa 300 Menschen auf den Koekkoeplatz im niederrheinischen Kleve, um den 51-jährigen Bundesaußenminister als Wahlkämpfer zu erleben. FDP-Helfer verteilen gelbe Regencapes. Das Aufregendste an dem betulichen Städtchen Kleve sei, dass hier Jürgen Möllemann, das einstige Enfant terrible der Liberalen, zur Schule gegangen sei, lästert eine Journalistin.

Westerwelle schlägt auf der dunkelblau ausgeschlagenen Wahlkampfbühne staatstragende Töne an. „Wir leben in ausgesprochen ernsten Zeiten“, sagt der FDP-Spitzenpolitiker mit angerauter Stimme und lenkt den Blick von der Klever Fußgängerzone in die weite Welt. „Wir erleben Umbrüche und Revolutionen mit schmerzlichen Folgen. Wir haben in Syrien hunderttausend Tote zu beklagen und einen Chemiewaffeneinsatz erlebt.“ Da habe er null Verständnis für „die pseudo-intellektuellen Debatten über das Nichtwählen“. Das sei „eine Ohrfeige“ für hunderte Millionen, die in Unfreiheit und Unterdrückung lebten. Westerwelles Wahlkampflektion lautet: „Wir wollen Staatsbürger sein und nicht Staatskunden.“

Der einstige Spaßpolitiker gibt den Staatsmann. Statt mit dem bunten „Guidomobil“ fährt er in einer dunklen Staatskarosse vor. Nichts mehr erinnert bei Westerwelle an seinen Lehrmeister Möllemann – auch nicht seine Schuhsohlen, an denen einst 18-Prozent-Aufkleber pappten. Das ist längst vorbei, die Liberalen kämpfen mit der Fünf-Prozent-Hürde. Wenige Tage vor der für die FDP existenzielle Bundestagswahl am Sonntag räumt der freidemokratische Frontmann gewitzt Versäumnisse der schwarz-gelben Bundesregierung ein. „Wenn wir in dieser Amtszeit alles erreicht hätten, würden wir uns für eine zweite nicht bewerben.“

Als wortmächtiger Wahlkämpfer konzentriert sich Westerwelle auf Nordrhein-Westfalen, wo er als Spitzenkandidat seiner Landespartei über 40 Veranstaltungen abspult. In dem bevölkerungsreichsten Bundesland mit 13,1 Millionen Wählern wird mutmaßlich die Bundestagswahl entschieden – und das weitere Schicksal der FDP. NRW-Landeschef Christian Lindner und der Bundesaußenminister führen einen Sonderwahlkampf an Rhein und Ruhr. Gemeinsam mit dem liberalen Grandseigneur Hans-Dietrich Genscher posieren Westerwelle und Lindner, der ebenso wie Genscher gar nicht für den Bundestag kandidiert, auf landesweit etwa 600 Großflächenplakaten mit dem Slogan: „Starke Liberale. Für ein starkes Land.“

Den Bundesvorsitzenden Phi­lipp Rösler halten die nordrhein-westfälischen FDP-Strategen offenkundig für einen Halbstarken. NRW ist im Wahlkampf eine weitgehend Rösler-freie Zone. Auch Westerwelle, der von der sogenannten Boygroup um Rösler, Lindner und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr seinerzeit als Parteichef gestürzt wurde, erwähnt seinen Amtsnachfolger in seinen 30-minütigen Standardreden nicht ein einziges Mal. Mit Lindner dagegen, dem erfolgreichen Zugpferd der NRW-Liberalen, hat er sich zwischenzeitlich arrangiert. Einträchtig treten die beiden bei allen größeren Wahlkundgebungen auf.

„Westerwelle macht den Staatsmann und Lindner den politischen Angreifer“, analysiert der Duisburger FDP-Landtagsabgeordnete Holger Ellerbrock die Arbeitsteilung der beiden Spitzenpolitiker. In Duisburg warteten die Parteifreunde vergeblich auf den Bundesaußenminister, der wegen wichtiger Verhandlungen über Syrien im russischen Vilnius festsaß. „Frieden ist wichtiger als Wahlkampf“, entschuldigte Lindner seinen prominenten Parteifreund, um damit gelichzeitig zu punkten. In dem schwierigen Syrien-Konflikt habe Westerwelle „Entschiedenheit und Besonnenheit“ bewiesen. Er sei für harte Konsequenzen gegenüber Assad eingetreten, habe dabei aber nicht auf militärische Kriegseinsätze, sondern auf diplomatische Mittel gesetzt. „Wir Deutsche können froh sein, dass Guido Westerwelle unser Gesicht in der Welt ist.“

In seiner Heimat Nordrhein-Westfalen hält sich Westerwelle als Wahlkämpfer immer noch für unverzichtbar – trotz Lindners sensationellen Erfolgs für die siechen Liberalen bei der letzten NRW-Landtagswahl. „In aller Bescheidenheit: Wir haben in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen immer sehr gute Wahlergebnisse schaffen können. Und auch die letzten drei Bundestagswahlen waren ja wirklich ausgesprochen erfolgreich für die FDP“, diktiert der Bundesaußenminister den Journalisten nach der Kundgebung in die Blöcke. Freilich: Der Spitzenkandidat hieß stets Westerwelle.

Es gab aber Zeiten, in denen sich die Liberalen an Rhein und Ruhr eher verschämt zu ihrem vorlauten Klamauk-Strategen bekannten und das Westerwelle-Konterfei nur sparsam plakatierten. Doch zwischenzeitlich scheint die Parteibasis ihren Frieden mit dem geläuterten Liberalen gemacht zu haben. „Ich bewundere, wie sich Westerwelle nach vielen Anfeindungen wieder nach vorn gekämpft hat“, sagt der Duisburger Bundestagskandidat Frank Albrecht. Westerwelle mag nicht mehr zurückschauen auf die innerparteilichen Kabalen der Vergangenheit. „Das ist Wasser unter der Brücke.“

Auch sein Mantra der Steuersenkungen betet er nicht mehr. Stattdessen empfiehlt er die FDP als Garanten für solide Staatsfinanzen und wirtschaftlichen Wohlstand. „Alles, was verteilt wird, muss erst erarbeitet werden.“ Er buhlt um Stimmen bei „Mittelstand und Mittelschicht“. Dabei predigt er ganz ungeniert eine Weiter-so-Politik. „Ich glaube, wir Deutschen wissen manchmal nicht wie gut es uns geht.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert