Solidarisch: Am liebsten zu seinen Bedingungen

Von: Amien Idries
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Aachen. Die ARD hat am Dienstag im Morgenmagazin dem bayerischen Volk wegen der Causa Hoeneß aufs Maul geschaut. Die Bürger von Ulis Heimatgemeinde äußerten sich durchweg positiv – zumindest die, die sich äußern wollten. Der Uli hilft so gut er kann. 50.000 Bratwürste fürs Sommerfest hat er spendiert. Und überhaupt dürfe jeder mal einen Fehler machen.

Man solle aufhören ihm nachzustellen, da er seine Steuerschuld ja nun begleichen wolle. Emotionaler Höhepunkt der Tegernsee-Absolution: Ein dort ansässiger Fan des Bayern-Erzrivalen 1860 München: „Mia fazain eam des“ (Wir verzeihen ihm das).

Die Quintessenz der Hoeneß-Verteidiger: Lebensleistung und vor allem Wohltätigkeit wiegen mutmaßliche Steuerstraftat auf. Außerdem sei „des dem Uli seine private Angelegenheit“. Wer so argumentiert, verkennt, dass die Hoeneß-Affäre eben keine private, sondern eine hochpolitische ist, weil sie – konsequent zu Ende gedacht – unser Verständnis von Staat und Demokratie infrage stellt.

„Wir kümmern uns schon“

Die Hoeneß´sche Wohltätigkeit und seine mutmaßliche Steuerhinterziehung sind nämlich nur zwei Seiten derselben Medaille. Dahinter steckt eine Mentalität, die sich in einem entlarvenden Zitat von Hoeneß aus dem Jahr 2005 zeigt: „Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern.“ Mal abgesehen davon, dass die Aussage nach heutigem Erkenntnisstand vermutlich falsch war, zeigt sie, mit welcher Haltung Hoeneß und nicht wenige seiner Millionärskollegen dem Steuernzahlen gegenüberstehen: „Ist doof.“


Aber warum ist es doof? Steht Hoeneß dem Solidargedanken, der ein Hauptgrund für die Erhebung von Steuern ist, negativ gegenüber? Selbst die größten Bayern-und-Hoeneß-Hasser können ihm das nicht vorwerfen. Uli Hoeneß ist zweifelsohne solidarisch. Das hat er immer wieder gezeigt. Er hat ehemaligen Mitspielern geholfen, sich karitativ engagiert und im Zweifelsfall Bratwürste gespendet. Solidarisch sein, findet Hoeneß also nicht doof. Zumindest, solange er bestimmen kann, mit wem und in welcher Form er solidarisch ist.

Getreu dem Motto: „Lasst uns bloß mit Euren Steuererhöhungen in Ruhe. Wir kümmern uns schon um die Bedürftigen.“ Ein Motto übrigens, das nicht nur für Hoeneß, sondern in noch stärkerer Form für seine steuerflüchtenden Kollegen gilt. Egal, ob sie Schumacher, Vettel oder Beckenbauer heißen.

Tiefes Misstrauen gegen den Staat

Hinter einem solchen Verhalten steckt ein tiefes Misstrauen dem Staat gegenüber oder, anders ausgedrückt, ein grenzenloses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Hoeneß & Co. sind offensichtlich der Meinung, dass sie – die erfolgreichen Geschäfts- und Sportmänner – besser als es eine demokratisch legitimierte Institution beurteilen können, welche Sozialleistung wichtig und richtig ist. Man könnte es die Privatisierung von Solidarität nennen.

Ein Modell, das nicht neu ist. Bereits der Nationalökonom Adam Smith sprach im 18. Jahrhundert von der „unsichtbaren Hand“, die die Wohlhabenden dazu bewegt, ihren Reichtum mit den Armen zu teilen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich dieses Prinzip, das natürlich mit niedrigen Steuersätzen einhergeht, um den Wohlhabenden genügend Spielraum für ihre Wohltätigkeit zu geben, in den USA. Dort gab es 2010 die Kampagne „The Giving Pledge“, bei der 40 Milliardäre versprachen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Zwecke wohlgemerkt, die die Milliardäre aussuchen. Es ist ja schließlich ihr Geld, das sie einzig durch ihre harte Arbeit oder die ihrer Vorfahren verdient haben und sich nicht vom „korrupten und ineffizienten“ Staat wegnehmen lassen wollen.

So weit ist es in Deutschland natürlich noch nicht. Aber auch hier gibt es eine zunehmende Stiftungskultur, die meistens dem guten Zweck dient. Die aber auch manchem Gründer Ehre und Steuererleichterung bringen soll. Auch in Deutschland wächst die Zahl der Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, und somit Armut lindern, aber auch die Politik aus der Verantwortung entlässt.

Nun geht es hier nicht darum, karitatives Engagement per se zu diskreditieren. Natürlich ist es besser, dass Reiche einen Teil ihres Vermögens spenden, statt ihn zu verprassen. Und natürlich kann man darüber diskutieren, wie man in einer Gesellschaft Solidarität organisieren will. Man muss sich nur der Konsequenzen bewusst sein.

Will man staatlich organisierte Hilfe, die mitunter schwerfällig agiert, aber demokratisch legitimiert ist? Dann muss man dafür sorgen, dass diesem Staat das durch Steuergesetze festgelegte Maximum an Mitteln zur Verfügung steht, und beispielsweise für Steuermoral werben. Oder will man sich bei dem wichtigsten Aspekt eines Solidarsystems mehr und mehr in die Hände von Superreichen begeben, die bestimmen wem wie geholfen wird? Dann muss man den Wohlhabenden größtmögliche finanzielle Freiräume geben und hoffen, dass sie weiser agieren als gewählte Vertreter des Volkes.

Das ist – zugegeben etwas zugespitzt – die politische Konsequenz aus der gar nicht so privaten Hoeneß-Affäre.

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