Sigmar Gabriel in Aachen: Zwischen Hoffen und Hadern

Von: Christian Rein
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Schlechtes Wetter, schützendes Dach, gute Stimmung: Bei einer Kundgebung der anderen Art auf dem Aachener Markt konnten Interessierte am Samstag SPD-Chef Sigmar Gabriel (auf dem Podium hinter Moderator Erik Lierenfeld) eine Stunde lang befragen. Foto: Andreas Schmitter
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Ein Mundschutz als Symbol für die Giftgasangriffe in seiner Heimat: Jamal Sobeh, Aachener Kinderpsychologe mit syrischen Wurzeln, will von Sigmar Gabriel wissen, was die SPD in dem Konflikt zu tun gedenkt. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Es soll lustig rüberkommen: „Nächste Frage bitte!“, sagt er mit einem Lachen. Doch tatsächlich merkt man Sigmar Gabriel sofort an, dass das nur gespielt und er in Wahrheit gereizt ist. Denn von allen möglichen Fragen, die man dem SPD-Chef stellen kann, ist das für ihn wohl die unangenehmste und schwierigste: „Warum ist eigentlich Peer Steinbrück der Spitzenkandidat und nicht Du?“, will ein alter Genosse wissen.

Noch vier Wochen sind es bis zur Bundestagswahl, und in Aachen läuten die Sozialdemokraten die heiße Phase des Wahlkampfs mit einer Kundgebung auf dem Markt ein. Wobei Kundgebung eigentlich nicht das richtige Wort ist. Ein großes Zeltdach haben sie aufgespannt unter das, so sagen es die Organisatoren der Partei, rund 800 Menschen passen, wenn es voll ist. Und es ist tatsächlich voll in der „Arena“, die Schutz bietet vor den teils kräftigen Regenschauern und ein bisschen Gemütlichkeit an den Biertischen für die, die einen Platz ergattern können.

Die Kandidaten aus der gesamten Region sind da, diverse SPD-Bürgermeister aus dem Aachener Umland, lokale Parteiprominenz und als Zugpferde eben der Chef, Gabriel, und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der als Würselener auch ein Heimspiel hat.

Es ist also alles bereitet für ein sozialdemokratisches Familienfest, doch das ist nicht der Charakter der Veranstaltung. Die SPD will näher an die Menschen, will engen Kontakt mit den Bürgern. Deswegen geht selbst Peer Steinbrück – wie alle Kandidaten – Klinken putzen, um für Stimmen zu werben. Und deshalb zieht die Partei mit ihrer „Arena“ durch das Land, in der die Menschen mitreden sollen. Sie können Fragen stellen, ihre Meinung sagen, Ideen einbringen.

Die SPD wäre aber nicht die SPD, wenn sie die Gelegenheit nicht nutzen würde, um ein kleines bisschen mit sich selbst zu hadern: Warum, also bitteschön, ist nicht Sigmar Gabriel der Spitzenkandidat? Der Parteichef doziert: Die wichtigste Aufgabe der nächsten Legislaturperiode sei die Regulierung der Finanzmärkte, damit nicht ständig hunderte Milliarden Euro in marode Banken gesteckt werden müssten. Wenn diese Aufgabe nicht gelöst werde, dann klappe auch alles andere nicht. Und der beste Mann dafür – viel besser als er selbst – sei nun mal Peer Steinbrück. „Wenn das die wichtigste Aufgabe ist und wir dafür den besten Mann haben, dann müssten wir doch verrückt sein, wenn wir den nicht ins Rennen schicken“, sagt Gabriel. Das klingt alles sehr vernünftig. Eine Liebeserklärung ist es nicht.

Krieg und Frieden

Die SPD kommt seit Monaten nicht aus dem Umfrage-Tief, doch Gabriel – jetzt viel leidenschaftlicher – sieht Steinbrück sogar in der Offensive: „Man muss nur eine Zeitung finden, die darüber schreibt!“ Und falls doch eine schreibt? „Wenn Steinbrück morgen übers Wasser läuft, dann steht übermorgen in der Zeitung, dass er nicht schwimmen kann.“ In Aachen, das räumt Gabriel immerhin ein, sei das natürlich nicht der Fall.

Der Name Merkel fällt erstaunlich selten. Stattdessen erklärt der Parteichef im Frage-Antwort-Spiel die Positionen der SPD: Abkehr von der Rente mit 67 („Nach 45 Jahren muss man ohne Abschläge in Rente gehen können“), kostenfreie Bildung von der Kita bis zum Studium, Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, Schluss mit prekären Arbeitsverhältnissen und überhaupt: Arbeit und Familie müssten besser miteinander vereinbar sein. Dass Frauen für die gleiche Arbeit fast 25 Prozent schlechter bezahlt würden als Männer, hält Gabriel für den „größ- ten sozialpolitischen Skandal in Deutschland“. Und er erklärt, warum die SPD Besserverdienende steuerlich stärker belasten will.

Schließlich kommt noch mal so eine Frage, die Gabriel ein wenig aus dem Tritt bringt: Jamal Sobeh, Aachener Kinderpsychologe mit syrischen Wurzeln, will wissen, was die SPD gegen den Konflikt in seinem Land zu tun gedenkt. „Ich weiß nicht, wie wir diesen Krieg dort stoppen sollen“, sagt Gabriel nachdenklich. Er verurteilt Russland und China für ihre Assad-freundliche Haltung im Weltsicherheitsrat und hält ein Waffenembargo für unabdingbar. Aber die Frage nach einem Eingreifen, nach Krieg und Frieden, sei die schwierigste, die man einem Politiker stellen könne. Denn so oder so: „Wir machen uns immer schuldig“, sagt Gabriel.

Man hat in diesem Moment den Eindruck, dass ihm Fragen nach Peer Steinbrück dann doch lieber sind.

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