Maastricht - Premiere an der Maas: Debatte der Spitzenköpfe

WirHier Freisteller

Premiere an der Maas: Debatte der Spitzenköpfe

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
7622569.jpg
Vor dem Schlagabtausch: Der Saal des Theaters aan het Vrijthof in Maastricht, in dem die Debatte stattfand, war alleine dem übertragenden Sender Euronews vorbehalten. Für die übrigen Journalisten gab es einen Presseraum und die Gelegenheit, vorab ein Bild von (von links) Guy Verhofstadt (Liberale), Martin Schulz (Sozialdemokraten), Ska Keller (Grüne) und Jean-Claude Juncker (Christdemokraten) zu machen. Foto: Andreas Herrmann
7621373.jpg
Ganz im Stile von Film- und Popstars bei der Oscar-Verleihung ließen sich die Spitzenkandidaten mit den Organisatoren des European Youth Forum in einem Selfie ablichten.

Maastricht. Außer Frage: Den größten Auftritt hatte Jean-Claude Juncker. Der Spitzenkandidat der Christdemokraten für die Europawahl fuhr mit dem Kampagnen-Bus vor. Das blaue Ungetüm mit dem Konterfei des Luxemburgers und dem Schriftzug „Juncker for President“ zwängte sich zwischen den Absperrgittern hindurch und rollte dann langsam an die Menschentraube vor dem Theater aan het Vrijthof heran.

Zuerst verließ die Entourage den Bus, und zum Schluss, der Hauptperson gebührend, der Kandidat selbst.

Wie nahezu bescheiden wirkte dagegen der Auftritt der Grünen-Frontfrau Ska Keller, die zuvor mit einem kleinen Elektromobil vorgefahren war? Während auch das immerhin ein Statement war, beschränkten sich der Liberale Guy Verhofstadt und der Sozialdemokrat Martin Schulz gleich ganz auf nichtssagende Dienstkarossen – EU-Parlamentspräsident Schulz immerhin mit Eskorte.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Europawahlen treten die Parteien am 25. Mai mit jeweils einem Spitzenkandidaten in der gesamten EU an. Und zum ersten Mal trafen diese Spitzenkandidaten am Montagabend in einem Fernsehduell aufeinander. Eine historische Debatte also, für die Maas­tricht durchaus bewusst als Austragungsort gewählt wurde. Dort sind 1992 die berühmten Verträge unterzeichnet worden, die die EU entscheidend vorangebracht haben.

Dort gibt es aber auch eine Universität, die für ihre international ausgerichteten Studiengänge, besonders die European Studies, bekannt ist. Die in Fragen europäischer Politik also überdurchschnittlich gut informierten Maastrichter Studenten stellten das Gros der rund 700 Zuschauer. Passend dazu sollte die Situation der Jugend in Europa Schwerpunktthema des Abends sein.

Wer aus der Art des Auftritts im Vorfeld irgendwelche Rückschlüsse über den Verlauf der Debatte ziehen wollte, wurde allerdings eines Besseren belehrt. Soviel vorab: Besonders Juncker erwischte keinen guten Abend, wirkte teils fahrig und oft genervt. Sein trockener Humor, mit dem er zuweilen das Publikum etwa beim Aachener Karlspreis begeistert, blitzte kaum auf.

Viele Sympathiepunkte konnte stattdessen Ska Keller sammeln, die sich erfrischend ungezwungen zeigte. Am Revers ihres roten Blazers trug sie einen „Atomkraft? Nein, danke!“-Anstecker – sicher auch als kokette Anspielung auf ihre Vergangenheit als Aktivistin; sie bereicherte das politische Spitzenspiel vor allem mit ungebrochenem Idealismus.

Ska Keller war ein Lichtblick in der auf Englisch geführten Debatte, die ansonsten vor allem unter den Moderatoren des übertragenden Senders Euronews litt. Die waren zwar sachkundig, unterwarfen die Veranstaltung aber allzu sehr dem eng geschnürten Zeitkorsett, das darin gipfelte, dass Schulz für sein Schluss-Statement ganze 15 Sekunden bleiben sollten. An den wenigen Stellen, an denen Verhofstadt und Schulz einmal Ansätze eines unterhaltsamen Wortgefechts zeigten, wurden sie meist sofort unterbrochen.

Spitzenkandidaten, Fernsehdebatte, junges Publikum – die Europäische Union scheint endlich angekommen in der Gegenwart der personalisierten Wahlkämpfe US-amerikanischer Prägung. Aus gutem Grund: Es geht darum, die Menschen wieder an die Urnen zu bringen. Seit der ersten Europawahl 1979 ist die Wahlbeteiligung kontinuierlich gesunken, zuletzt lag sie 2009 bei mageren 43 Prozent. Vor allem die 18- bis 24-Jährigen sind damals den Wahllokalen ferngeblieben, 71 Prozent der Erstwähler haben keine Stimme abgegeben.

„Die Menschen wählen keine Institutionen, sie wählen Personen“, sagte Schulz lakonisch. Und diesmal geht es ja auch um was: Einer der Spitzenkandidaten könnte der nächste Präsident der EU-Kommission werden, also eine Art europäischer Regierungschef. Und Schulz unterstrich, dass er der erste Kommissionspräsident werden will, der nicht von den Staats- und Regierungschefs im Hinterzimmer ausgekungelt wird, sondern durch einen berauschenden Wahlsieg vom Volke legitimiert. Freilich: Das Wahlergebnis ist für die Staats- und Regierungschefs nicht bindend. Sie müssen es lediglich beachten – was auch immer das heißen mag.

Doch werden starke Persönlichkeiten ausreichen, um die (jungen) Menschen an die Urnen zu bringen? Immerhin: Als ein vordringliches Problem haben alle Kandidaten die grassierende Jugendarbeitslosigkeit ausgemacht, deren Quote europaweit bei rund 25 Prozent liegt, in den Krisenstaaten in Südeuropa vereinzelt sogar bei über 50 Prozent. Es gehe natürlich darum, den Menschen Perspektiven zu geben – übrigens auch im Kampf gegen Rechtspopulisten und nationalistische Tendenzen.

Über das Wie des Perspektivenschaffens gingen die Meinungen allerdings weit auseinander. Denn dabei geht es am Ende um Geld, um Schulden oder um rigide Sparpolitik, um Eurobonds und Währungsstabilität. Ach, kompliziertes Europa. Das Publikum beließ es bei höflichem Applaus.

Also dann doch die Frage: „Brauchen wir einen europäischen Popstar?“ Juncker, Verhofstadt und Keller verpassten die Steilvorlage. Schulz immerhin erntete einige Lacher für den selbstironischen Satz: „Geben Sie mir etwas Zeit.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert