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„Medien sollen Politik erklären und keine machen“

Von: Joachim Zinsen
Letzte Aktualisierung:
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Gabriele Krone-Schmalz: Der Westen hat Russland in den vergangenen 20 Jahren als Konkursmasse behandelt und nicht als Partner. Foto: Popov

Aachen. Sie ist eine Freundin des deutlichen Wortes – auch gegenüber der eigenen Branche. Gabriele Krone-Schmalz war jahrelang ARD-Korrespondentin in Moskau. Heute kritisiert die 64-Jährige, die inzwischen eine Professur für TV- und Medienwissenschaft hält, die Berichterstattung der meisten deutschen Medien über Russland und die Ukraine-Krise.

Sie sei einseitig, undifferenziert und zu sehr auf die Positionen der Regierung in Kiew fixiert. Ihre Kritik versteht sie als „Liebeserklärung an den seriösen Journalismus“.

Frau Krone-Schmalz, Sie haben vor Monaten eine einseitige Berichterstattung der meisten deutschen Medien über den Ukraine-Konflikt bemängelt. Hat sich seither an ihrem Befund etwas geändert?

Krone-Schmalz: Nein, nicht wirklich. Aber um präzise zu sein: Ich bin vor Monaten von jungen Journalisten auf dieses Thema angesprochen worden, weil sich in vielen Fernseh- und Zeitungsredaktionen zahlreiche Menschen über die einseitige proukrainische Berichterstattung beschwert haben. Ich konnte den Unmut nachvollziehen.

Was stört Sie konkret an der Berichterstattung?

Krone-Schmalz: Zunächst einmal die unpräzise Sprache. Gerade in der Fernsehberichterstattung treten verbale Schlampigkeiten auf, mit denen Vorurteile bedient werden. Es gibt beispielsweise einen Unterschied zwischen Europa und der Europäischen Union. Doch in der Berichterstattung über den Streit der EU mit Russland werden die beiden Begriffe pausenlos durcheinandergeworfen. Dann ist häufig nicht von prorussischen, sondern von russischen Separatisten die Rede. Und schließlich kommen in der Berichterstattung permanent Worte wie „wohl“, „vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ vor, die darin nichts zu suchen haben. Es wird mehr gemutmaßt als berichtet. Dabei haben Journalisten genug damit zu tun, vorhandene Dinge zu beschreiben und zu analysieren. Die Medien sollen Politik erklären und keine machen wollen.

Tenor der meisten deutschen Medien ist: Russland trägt die alleinige Verantwortung für die Ukraine-Krise und deren Eskalation. Hat nicht auch die EU Fehler gemacht?

Krone-Schmalz: Auch ist gut! Die EU hat die Krise ausgelöst. Wie blind müssen politische Verantwortungsträger sein, um nicht zu sehen, dass ein EU-Assoziierungs-Abkommen mit der Ukraine auch Russland betrifft? Solch ein schwieriges Problem durfte nicht, wie geschehen, konfrontativ angegangen werden. Es gab die Idee, Brüssel, Kiew und Moskau an einen Tisch zu setzen, um über das Abkommen zu reden. Doch diese Idee hat sich in der EU nicht durchgesetzt, weil entscheidende Politiker gesagt haben: „Was hat Moskau damit zu tun?“

Wer solch eine Kritik äußert, wird inzwischen als „Putin-Versteher“ umgehend in die Ecke gestellt. Können Sie mit dem Vorwurf leben?

Krone-Schmalz: Natürlich. Ich frage mich nur: Was ist in einer Gesellschaft los, wenn der Begriff „verstehen“ dazu taugt, etwas Negatives auszudrücken? Wer eine vernünftige Entscheidung treffen will, muss zuerst verstehen und begreifen. Nein, das Wort „Putin-Versteher“ ist einfach abartig und dumm.

Sie können also die Handlungsweise des russischen Präsidenten Wladimir Putin verstehen?

Krone-Schmalz: Warum fragen Sie nur nach Putin? Gegenüber keinem anderen Land personalisieren wir die politischen Entscheidungen einer Regierung so stark wie gegenüber Russland. Sich völlig auf Putin zu fokussieren, halte ich für einen Fehler.

Dann stelle ich die Frage anders: Was können Sie an der russischen Position nachvollziehen?

Krone-Schmalz: Wir müssen sehen, was sich in Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion abgespielt hat und was den Menschen dort zugemutet wurde. Der Westen hat das Land in den vergangenen beiden Jahrzehnten aber nur als Konkursmasse behandelt und nicht als Partner. Die russische Seite hat in dieser Zeit ein Signal nach dem anderen Richtung Westen geschickt und um Zusammenarbeit geworben. Doch bei uns ist kein Mensch darauf eingegangen. Heute rächt sich das. Und schon heißt es wieder: Siehst Du, den Russen kann man einfach nicht trauen.

Stecken in unseren Köpfen vielleicht noch Feindbilder aus den Zeiten des Kalten Krieges?

Krone-Schmalz: Mit Sicherheit. Feindbilder sind zäher als viele denken. Die relativ kurze Phase der Gorbatschow-Euphorie hat an den Vorurteilen nichts geändert.

Nun gibt es inzwischen sehr wohl vereinzelt Kommentatoren, die vor einer Dämonisierung Putins warnen. Widerspricht das nicht Ihrer These von völlig einseitigen Medien?

Krone-Schmalz: Natürlich gibt es immer mal wieder gute, differenzierte Artikel und Kommentare. Die Hauptinformationsquelle für die meisten Menschen sind aber die Nachrichten des Fernsehens. Deren kurze Formate haben maßgeblich Einfluss auf unser Bild von Russland. In diesen Sendungen lassen sich zwei Phänomene beobachten: zum einen Häme gegenüber Russland – vor allem in den Anmoderationen von Berichten. Zum anderen werden überwiegend Verlautbarungen der ukrainischen Seite vermeldet, die, wenn man Glück hat, vielleicht noch mit dem Nachsatz versehen werden: Überprüfen konnten wir die Meldung nicht. So ein Sätzchen bleibt aber beim Zuschauer nicht hängen. Da stimmen die Relationen nicht.

Welchen Einfluss hat eine uniforme Berichterstattung auf die politischen Entscheidungsträger?

Krone-Schmalz: Eine verheerende. Die verbale Aufrüstung vieler Medien gegenüber Russland bleibt nicht ohne Auswirkung auf Politiker, die heute mehr als früher darauf achten (müssen), dass sie in der Presse gut wegkommen.

Sie haben es eben bereits angedeutet: Offensichtlich gibt es zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung eine Diskrepanz. Viele Bürger machen die Dämonisierung des Kreml-Chefs nicht mit. Woher kommt deren Skepsis gegenüber dem medialen Mainstream?

Krone-Schmalz: Vielleicht sind viele Menschen intelligenter, als manche Politiker und Medien es glauben. Sie fressen nicht alles, was Ihnen vorgesetzt wird, haben Zweifel.

Skepsis und Zweifel an offiziellen Verlautbarungen sind eigentlich journalistische Grundtugenden. Sind sie in unserer Branche verkümmert?

Krone-Schmalz: So pauschal würde ich das nicht behaupten. Aber sie verkümmern schnell, sobald sich etwas in einer bestimmten geografischen Region abspielt. Alles, was beispielsweise Moskau sagt, wird von der Ukraine und in der Folge auch von unseren Medien per se als Propaganda abgetan. Russland spricht beispielsweise immer von einem faschistischen Umsturz in der Ukraine. Natürlich ist das übertrieben. Aber ich vermisse, dass die Medien hinterfragen: Woher kommen diese Ängste, warum sind sie nicht aus der Luft gegriffen? Angesichts unserer Geschichte sollten wir genauer hinschauen. Geärgert hat mich auch die Berichterstattung über den russischen Hilfskonvoi für die Ostukraine.

Hinter dem die ukrainische Regierung eine Waffenhilfe für die Separatisten vermutete.

Krone-Schmalz: Dass Kiew diese Angst hatte, ist nachvollziehbar. Darüber muss auch berichtet werden. Aber in vielen Medien wurde so getan, als seien die Vorwürfe aus Kiew die Realität, als seien tatsächlich Waffen in den Lastwagen gewesen.

Hat die von Ihnen beklagte einseitige Berichterstattung auch mit strukturellen Veränderungen in der Medien-Branche zu tun? Heute muss mit immer weniger Personal alles immer schneller gehen.

Krone-Schmalz: Ganz sicher spielt das eine große Rolle. Das Fernsehen verfügt inzwischen über die technischen Möglichkeiten, unmittelbar auf ein Ereignis zu reagieren. Früher konnten wir Journalisten länger nachdenken und vor allem länger recherchieren.

Im Grunde genommen konstatieren Sie mit Ihrer Kritik einen Verlust von politischer Diskursfähigkeit.

Krone-Schmalz: Absolut. Streitkultur? Fehlanzeige!

Was bedeutet das für unsere Demokratie?

Krone-Schmalz: Schlimmes. Ohne Streitkultur geht die Demokratie kaputt.

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