Graz/Schlitters - Kira Grünberg: Alles neu, aber auch alles beim Alten

Kira Grünberg: Alles neu, aber auch alles beim Alten

Von: Norbert Mappes-Niediek
Letzte Aktualisierung:
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Früher Stabhochspringerin, jetzt Politikerin: Kira Grünberg im Juni vergangenen Jahres in ihrer Heimat in Kematen/Tirol. Foto: Imago/Gepa pictures

Graz/Schlitters. „Ach, die Behinderte!“, hat Jonah die Leute schon reden hören. „Was will denn die?“ Er, Jonah, denkt so natürlich nicht, sagt der junge Mann mit dem Partei-T-Shirt, er zitiert nur das Geschwätz hier. Die junge Frau im Rollstuhl lächelt aufmunternd. Nach seiner kurzen Einleitung kommt Jonah gleich zur Sache.

„Mein Bruder hat PWS,“ sagt er, als wenn jeder da Bescheid wissen müsste, „und wir wollen, dass für PWS-Betroffene eine Einrichtung geschaffen wird, wo sie gemeinsam leben können.“

Was PWS ist, muss man Kira Grünberg tatsächlich nicht erklären: die Abkürzung für das seltene Prader-Willi-Syndrom, eine genetische Abweichung, bei der Menschen mangels Sättigungsgefühl immer hungrig sind und entsprechend viel essen, oft unmäßig dick werden und früher sterben. Kira, designierte Behindertensprecherin im nächsten Parlament zu Wien, hört zu, lächelt freundlich, zieht ihr Smartphone hervor und tippt den Namen von Jonahs Website hinein. Zielsicher und blitzartig, mit dem Daumenmittelgelenk.

Der 30. Juli 2015

Kira Grünberg ist gerade 24 geworden. In Österreich kennt sie jeder. Bis zum 30. Juli 2015 war die schmale junge Frau mit dem offenen Lachen und den langen blonden Haaren eine große Leichtathletik-Hoffnung ihres Landes und rückte als Stabhochspringerin langsam in die Weltspitze auf. Dann fiel sie bei einem Übungssprung mit dem Kopf auf den harten Rand des kleinen Kunststoffkastens, in den die Athleten den Stab einstechen, und brach sich den fünften Halswirbel. Kira Grünberg ist jetzt querschnittsgelähmt, fühlt vom Schultergürtel abwärts nichts mehr und kann auch ihre Finger nicht bewegen.

Kein schwarzes Loch

Seither ist „nichts mehr, wie es war“, steht in vielen Zeitungsartikeln zu lesen, die über sie geschrieben wurden. Aber eigentlich ist ganz vieles, wie es war. Vorher wie nachher zum Beispiel ist Kira Grünbergs Leben vor allem Training. Schon mit zehn Jahren vier Mal die Woche, bald dann täglich stundenlang. Heute auch. „Unterbrochen war das eigentlich nur für vier, fünf Wochen“, sagt sie. Wie es einem geht, wenn man von einem Tag auf den anderen nur noch den Kopf bewegen kann, steht in einschlägigen Büchern und Broschüren zu lesen. „Ich habe die mentalen Stufen, die da beschrieben sind, alle übersprungen.“ Stabhochsprung eben. „Auf das schwarze Loch, das mich nach dem Unfall eigentlich erwartete, warte ich noch immer.“

Keine großen Träume träumen, sondern sich ständig neue kleine Ziele setzen: Auch das ist genau wie vorher. Bei den Zielen geht es, für die Sportlerin wie für die Gelähmte, zunächst immer um den Körper. Früher war es die um einige Zentimeter höhere Latte, die zu bewältigen war. Jetzt ist es eben die Apfelsaftflasche mit dem Drehverschluss. Auch Kiras Fernziele sind ehrgeizig, aber immer überschaubar. Was einst das olympische Treppchen war, das ist jetzt die erste Autofahrt am Steuer – was im Prinzip schon ginge, aber nur mit einem sündhaft teuer umgebauten Auto. Eines Tages wird es.

Konservative Tugenden

Disziplin, Realismus. Ausgehen von dem, was ist, und nicht von dem, was sein sollte: Die 24-Jährige hat ihr Schicksal mit konservativen Tugenden gemeistert. Am Sonntag bei der Parlamentswahl kandidiert Kira Grünberg in Tirol als Spitzenkandidatin der „Liste Kurz“, wie die Österreichische Volkspartei (ÖVP) sich neuerdings nennt.

Politikerin sein, das heißt für Kira Grünberg vorerst, auf „Events“ Leute treffen oder mit dem Kombi durch Tirol fahren, sich blicken lassen und zuhören. Hinten auf der Ladefläche der Rollstuhl und eine schwere Tasche mit Broschüren. Am Steuer Flo, der wie Kira aus Kematen bei Innsbruck kommt und jetzt „für den Sebastian“ arbeitet. Auf der Rückbank Anisa, die Pflegerin.

Heute hält die mobile Wahlkampfeinheit in einer Supermarktzone, wie in Österreich jedes größere Dorf sie inzwischen hat. Auch Schlitters, 1500 Einwohner. Am Stand der „Liste Kurz“ steht Franz Hörl, 60, „ein Kraftpaket aus Wirt, Bauer, Seilbahner, Investor“. So nennt sich der Zillertaler ÖVP-Platzhirsch auf seinen Wahlkampfplakaten, lächelt zufrieden und eine Spur spöttisch, wie man eben lächelt, wenn man es den ganzen Tag lang tun muss, gibt Kira artig die Hand und eilt gleich weiter zu den jungen Männern in den türkisen T-Shirts, die ihn umringen. Am Stand werden fettige Käsekrapfen verkauft, altes Zillertaler Rezept, 1,10 Euro das Stück. Die Sonne scheint warm. Rentner fahren einkaufen. Auf der anderen Straßenseite rupfen rotbunte Kühe Gras von den türkisgrünen Matten des Zillertals.

Bescheidene Ziele

An der „Liste Kurz“ ist alles neu: Der Name, die Parteifarbe türkis, der Spitzenkandidat und natürlich Kira. „Bis der Sebastian mich gefragt hat, ob ich auf die Liste will, hab‘ ich mit Politik nicht viel am Hut gehabt“, sagt Kira, ohne sich dafür irgendwie zu genieren. Im letzten Vierteljahr hat sie rasant aufgeholt. Sie kennt nicht nur ausgefallene Syndrome, sondern auch alle gängigen Positionen der Partei, die sie vertreten soll, ohne auch nur Mitglied zu sein – zu Barrierefreiheit im Wohnungsbau, zur Inklusion in Schulen, zur Uno-Behindertenrechtskonvention.

Wann die kommende Wahlperiode für sie ein Erfolg wäre? „Wenn die persönliche Assistenz ausgebaut würde“, sagt die junge Politikerin – man sich also mit öffentlichem Geld jemanden engagieren darf, der einem stundenweise hilft. Ein bescheidenes Ziel. Ihr scheidender Vorgänger als Behindertensprecher leidet an Muskelschwund und ist mit seinem Charisma über die Parteigrenzen hinaus beliebt. Kira umwirbt gerade seine Mitarbeiterin, erzählt sie, damit die Kompetenz nicht verloren geht. Seine Grundsatzreden aber wird sie weder halten wollen noch können.

Die Rentner rauschen achtlos am Stand vorbei. Ein Grüppchen deutscher Touristen interessiert sich nur für die Käsekrapfen, nicht für Kira. Eine Frage haben auch die zwei alten Herren nicht, die sich schließlich an den Stand setzen und Kira erklären, dass die in der Türkchei eine ganz andere Kchultur haben und sich niemals anpassen werden. Wobei es auch Ausländer gibt, die sich anpassen, sagt der eine, beißt in seinen Krapfen und wirft einen scheuen Blick auf Anisa, Kiras Pflegerin, die sichtbar aus Asien kommt.

Ideologien sind ihr fremd

Die beiden jungen Frauen lächeln. Anisa gequält, Kira freundlich. Nicht lebhaft einstimmen ist hier fast schon eine Art von Widerspruch. Ideologie ist Kira fremd – linke, auf Veränderung ausgerichtete, aber auch rechte, wutbürgerliche. An Anisa ist Kira über „Selbstbestimmt leben“ gekommen, einen Verein, der aus Rebellengruppen der Achtzigerjahre hervorgegangen ist. Über Behinderung hat sie nachgedacht, wie auch nicht?

Dass Menschen „nicht wissen, dass Querschnittslähmung nicht nur heißt, nicht gehen zu können“. Sondern dass sie zum Beispiel keine wirksame Wärmeregulation hat und deshalb überall im Haus Heizplatten an der Decke hängen. Dass sie nicht aufs Klo gehen kann, sich inzwischen zwar selbst katheterisiert, es für den Stuhlgang aber noch keine Lösung gibt. Über ihren Körper spricht sie wie über ein kostbares Instrument.

Auf den türkisen Partei-Bierdeckeln auf dem Tisch vor dem ÖVP-Stand steht „Aller-gähn“ - Spott über die Allergenverordnung, die den mächtigen Tiroler Wirten ein Dorn im Auge ist, vor allem den Kraftpaketen wie Franz Hörl. Jonah, der junge Wahlkampfhelfer mit dem behinderten Bruder, ist nicht ganz einverstanden. „Na ja“, sagt er, „Allergien nehmen immer mehr zu.“ „Ja“, sagt Kira, „das stimmt.“ Und? Folgt etwas daraus? Da gibt sie ihrem Rollstuhl einen Kick, und man sieht nur noch ihren Hinterkopf. Wo die Politik anfängt, ist Schluss mit der Offenheit. Auch das hat Kira schnell gelernt.

Zu Hause in Kematen öffnet der Papa die Tür, ein großer Mann mit Bart und ausrangiertem Armeehemd. „Fritz“, stellt er sich vor. Frithjof Grünberg hat Kira, seine Jüngste, trainiert. Ein Kämpfertyp mit bunter Biografie, der ständig etwas unternimmt, plant, der sich auch gern und ausgiebig streitet – mit Bürokraten, Regeln, Autoritäten. Das Haus mitten im Ort hat er aus- und umgebaut, zurzeit kommt ein geräumiges Appartement für Kira hinzu, mit Schlafzimmer, großem Bad, Kraftraum. Der nötige Aufzug ist schon drin.

Möglich geworden ist das alles mit Spendengeldern, die anfangs reichlich flossen, und mit Honoraren für die „Motivationsvorträge“, die Kira auch in Deutschland hält. Eigentlich hätte der riesige, uralte Bauernhof hinter dem Haus, den die Grünbergs vor ein paar Jahren erworben haben, ihr Reich werden sollen, erzählt Vater Frithjof. Aber der Denkmalschutz stellte sich gegen die nötigen Umbauten quer. Große Pläne, alles Makulatur. Jetzt verfällt das Gebäude eben. „Hier in Öschterrejch“, sagt Frithjof Grünberg im Sound seiner schwäbischen Heimat, „wird alles auf Mittelmaß hin orientiert.“

Kräftig ausgeteilt

Vor wie nach dem Unfall ist der Papa stets präsent, und nach wie vor ist Kira die loyale Tochter. Loyal, auch so eine konservative Tugend. Konservativ, nicht reaktionär. Vater Frithjof ist nicht der Typ, der Unterwerfung fordert. Einer wie er will Mitstreiter, und auch Mutter Karin, eine Tirolerin, macht nicht den Eindruck, als würde sie sich viel gefallen lassen.

Und Kira, die Politikerin: Ihr Hüsteln ist schwach, Folge der Lähmung, aber ihre Stimme ist fest und klar. Muss sie auch, denn am großen Küchentisch ist immer was los. In der Biografie, die sie einem Journalisten diktiert hat, teilt sie kräftig aus – gegen faule oder besserwisserische Trainer und sture Sportfunktionäre, immer mit voller Namensnennung, und später gegen den Halbgott in Weiß, der ihre Reha-Klinik leitet. „Ach“, sagt sie über einen früheren Trainer und lacht: „Der kann das vertragen.“ Und was den Halbgott betrifft, „da steht nur die Hälfte von dem in dem Buch, was wir dem gesagt haben.“

Am Sonntag wird gewählt, und Kira kommt bestimmt rein. Was dann wird? „Schaumama“, sagt Flo, ihr Parteibetreuer und lächelt hintersinnig. Mit Wolfgang Schäuble, der übrigens mit seinem Querschnitt ab dem dritten Brustwirbel viel weniger eingeschränkt ist, ist sie noch nie verglichen worden, sagt Kira. „Und das ist wohl auch gut so.“ Der Stab ist eingestochen. Wie hoch die Latte am Ende liegt, steht in den Sternen.

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