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Historiker: „Israel muss Farbe bekennen“

Von: Joachim Zinsen
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Die Grenzbarriere zwischen Israel und den besetzten Palästinensergebieten: Auch ein Symbol? Moshe Zuckermann sagt, der Zionismus habe sich selbst eingemauert und von seinem politischen Umfeld isoliert. Foto: dpa
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Moshe Zuckermann: Inzwischen hat sich in der israelischen Gesellschaft ein Alltagsrassismus breitgemacht, der vor 40 Jahren undenkbar war. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Die Bilanz des jüngsten Gaza-Krieges ist erschreckend. Es gab mehr als 2100 Tote auf palästinensischer Seite und 70 Tote auf israelischer. Die Zerstörungen im Gaza-Streifen waren so groß wie nach keinem der vorherigen Kriege. Seit rund zwei Monaten schweigen die Waffen. Und jetzt? Ein Gespräch mit dem israelischen Historiker und Philosophen Moshe Zuckermann.

Herr Zuckermann, ist irgendeiner der maßgeblichen politischen Akteure im Nahen Osten bereit, aus der Gaza-Katastrophe Konsequenzen zu ziehen? Überdenkt irgendjemand seinen bisherigen Kurs der Konfrontation?

Zuckermann: Nein, dazu ist niemand bereit. In Israel findet derzeit sogar das Gegenteil statt. Die politischen Eliten versuchen die Gefahren, die durch den Gaza-Krieg deutlich geworden sind, zu instrumentalisieren. Sie nutzen den Raketenbeschuss von Städten bis hinauf nach Tel Aviv, um das Militär weiter zu stärken. Politisch bewegt sich hingegen nichts.

Warum?

Zuckermann: Weil jeder israelische Politiker, der einen Frieden mit den Palästinensern ernsthaft anstrebt, weitreichende Zugeständnisse machen müsste. Unser Land ist in der Bringschuld. Frieden ist nur dann möglich, wenn die Palästinenser neben Israel einen eigenen Staat bekommen. Und zwar mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Das heißt, Israel müsste seine Siedlungen in den besetzten Gebieten räumen. Dort aber leben nach inoffiziellen Schätzungen inzwischen 450.000 bis 500.000 jüdische Siedler. Auch müsste Israel das Recht der 1948 vertriebenen Palästinenser auf eine Rückkehr symbolisch anerkennen. Diese Schritte zu tun, wagt niemand, weil solch ein Versuch schnell zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Israel führen könnte.

In Umfragen sprechen sich aber bis zu 70 Prozent der Israelis für einen Friedensschluss mit den Palästinensern aus.

Zuckermann: Im Jiddischen gibt es den Satz: „Man darf ja reden.“ Wir in Israel sind Weltmeister im Schreiben von Friedensliedern, doch das bedeutet noch lange nicht, dass wir diesen Frieden auch verwirklichen.

Selbst Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich für die Zwei-Staaten Lösung ausgesprochen, also für einen palästinensischen Staat an der Seite Israels.

Zuckermann: Das war ein reines Lippenbekenntnis. Netanjahu hat in den vergangenen Jahren alles getan, um die Zwei-Staaten-Lösung zu unterminieren. Unser Problem in Israel ist: Es gibt heute keine einzige politische Führungsgestalt, die auch nur annähernd die Statur eines Izchak Rabin hat. Netanjahu verwaltet den Konflikt, ohne ihn lösen zu wollen.

Wie lange lässt sich der Status quo denn noch aufrechterhalten?

Zuckermann: Ich bin kein Prophet. Als Analytiker weiß ich nur, dass es aus mehreren Gründen nicht so bleiben kann wie heute. Zum einen stellt die Bewaffnung der Palästinenser das israelische Militär zunehmend vor Probleme. Zudem hat die Reaktion der israelischen Bevölkerung auf den palästinensischen Raketenbeschuss gezeigt, dass sie bei weitem nicht so standfest ist, wie gerne behauptet wird. Und schließlich werden die USA und die EU irgendwann einmal tatsächlich die Geduld mit der israelischen Politik verlieren. Ich hatte schon vor 20 Jahren gedacht, dass dieser Punkt erreicht sei. Das war eine Fehleinschätzung. Netanjahu hat sich als ein sehr effektiver in-strumenteller Politiker erwiesen. Langfristig aber ist die Zwei-Staaten-Lösung die einzige Möglichkeit, das zionistische Projekt aufrechtzuerhalten.

Umso intensiver müssten doch die Anhänger des Zionismus, also der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung Israels, auf eine Zwei-Staaten-Lösung drängen. Warum geschieht das nicht?

Zuckermann: Ich sehe das Problem im Zionismus selbst. Meine These ist: Der Zionismus hat den Frieden nie ernsthaft gewollt.

Das müssen Sie erklären.

Zuckermann: Der Zionismus setzt auf Expansion, beansprucht bis heute immer mehr Land. Er ist sich zudem seiner historischen Schuld bewusst. Die Gründung Israels war nach der Erfahrung des Holocaust zwar eine historische Notwendigkeit. Aber der Staat wurde auf dem Rücken der Palästinenser aufgebaut. Das weiß im Grunde genommen jeder Israeli, psychologisch aber lässt sich mit solch einer Schuld nicht gut leben. Man verdrängt beziehungsweise rationalisiert und ideologisiert sie. Deshalb hat der Zionismus sich selbst eingemauert und von seinem politischen Umfeld isoliert. Er wollte nichts mit den arabischen Nachbarn zu tun haben, weil er sein Projekt als einen europäischen Staat verstand. Ein weiterer kritischer Punkt ist: Der Zionismus war eine Reaktion auf das, was den Juden im 19. und 20. Jahrhundert in Europa angetan wurde. Er hat den Antisemitismus und den Holocaust zur Grundlage seiner Raison d’être, seiner Daseinsberechtigung gemacht. Wer sich aber nur aus dem Negativen heraus definiert, neigt dazu, sich ständig in der Opferrolle zu sehen. Das ist auch im Konflikt mit den Palästinensern zu beobachten. Versuchen Politiker vor diesem Hintergrund, eine ernsthafte Friedensinitiative zu starten, müssen sie mit dem Verlust der Macht rechnen. Netanjahu aber geht es nur um den eigenen Machterhalt, nicht um das Schicksal Israels.

Es gab jedoch auch eine Strömung im Zionismus, die sich für ein friedliches Zusammenleben mit den Palästinensern eingesetzt hat.

Zuckermann: Natürlich. Herausragende Männer wie Martin Buber oder Gershom Scholem propagierten bereits in den 20er Jahren einen binationalen Staat, also ein Gemeinwesen, in dem Juden und Araber gleichberechtigt miteinander leben. Aber sie konnten sich historisch nicht durchsetzen. Durchgesetzt hat sich die Strömung, die auf einer jüdischen Exklusivität bestand. Deshalb sind die arabischen Bewohner Israels auch immer Bürger zweiter Klasse geblieben. Inzwischen hat sich in der israelischen Gesellschaft ein Alltagsrassismus breitgemacht, der vor 40 Jahren undenkbar war. Geschürt wird er von Politikern wie Naftali Bennett oder Avigdor Lieberman. Sie äußern sich in einer Art, für die in Europa jeder Politiker umgehend zurücktreten müsste.

Wie ist dieser Rechtsruck in der israelischen Gesellschaft zu erklären?

Zuckermann: Nach dem Abbruch des Oslo-Friedensprozesses und der Militarisierung der zweiten palästinensischen Intifada hat auch eine große Zahl Israelis aus der zionistischen Linken den Eindruck gewonnen, dass es auf palästinensischer Seite keinen Partner für einen Frieden gibt. Meine These ist: Man hat den Partner nicht gesehen, weil man ihn ohnehin nicht haben wollte.

Sehen Sie denn einen Partner?

Zuckermann: Durchaus. Die Politik von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in den vergangenen Jahren kann Grundlage für eine Partnerschaft sein. Die Palästinenser haben den Staat Israel übrigens bereits anerkannt. Jetzt muss Israel endlich Farbe bekennen.

Aber die Palästinenser weigern sich, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen.

Zuckermann: Das kann ich verstehen. Mehr als 20 Prozent der Israelis sind nichtjüdisch. Sind das keine legitimen Bürger? Nein, Israel muss ein Staat aller seiner Bewohner sein.

Die Alternative zu einer Zwei-Staaten-Lösung wäre ein Staat, zu dem die Westbank und der Gaza-Streifen gehören und in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam leben. Ist das eine realistische Option?

Zuckermann: Wir bewegen uns inzwischen längst auf diese binationale Struktur zu. Die Frage ist nur, wie sie gestaltet werden soll. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder die jüdischen Bürger Israels beharren weiter auf ihrer Hegemonie. Dann wird dieser Staat zu einem Apartheids-Staat. Das aber kann die Weltgemeinschaft nicht akzeptieren. Oder wir bekennen uns zu dieser Binationalität, geben den Palästinensern die vollen Bürgerrechte und leben wirklich gemeinsam in einem demokratischen Staat. Das wäre dann aber kein exklusiver jüdischer, kein zionistischer Staat mehr. Die Tendenz geht Richtung Möglichkeit eins. Denn die meisten Juden in Israel wollen ihre Vorstellung von einem zionistischen Staat nicht aufgeben. Weil sie sich gleichzeitig aber nicht zu einer Zwei-Staaten-Lösung durchringen können, entwickeln und durchleben sie selbst eine Realität, die ihr Projekt dem Untergang weiht. Spätestens hier wird die Tragödie zur Farce.

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