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Heiner Flassbeck: „Die Löhne sind viel zu niedrig“

Von: Joachim Zinsen
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Hoch hinaus kommen viele Arbeitnehmer in Deutschland mit ihren derzeitigen Löhnen nicht. Foto: dpa
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Heiner Flassbeck: Ein Mindestlohn von zwölf bis dreizehn Euro würde die Binnenkonjunktur beleben.

Aachen. Höhere Löhne in Deutschland sind für Heiner Flassbeck nicht nur ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit. Er hält sie auch ökonomisch für erforderlich. Denn nur wenn in Deutschland die Lohnzurückhaltung aufgegeben wird, kann laut Flassbeck die Wirtschaft wieder stärker wachsen und die Eurozone gerettet werden. Ein Gespräch mit dem Wirtschaftswissenschaftler.

Herr Flassbeck, die Bundeskanzlerin hat vor wenigen Tagen erklärt, viele Euroländer würden deshalb unter einer deutlich höheren Arbeitslosigkeit als Deutschland leiden, weil es dort einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Was ist dran an dieser These?

Flassbeck: Für diese Behauptung gibt es keinerlei Belege. Dass Länder wegen eines Mindestlohns eine höhere Arbeitslosigkeit aufweisen, ist weder empirisch nachgewiesen worden, noch gibt es dazu irgendeine schlüssige Theorie.

Ein flächendeckender Mindestlohn wäre also für Deutschland kein Problem?

Flassbeck: Nein, überhaupt nicht. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen. Wenn Friseure vernünftig bezahlt würden, könnten Haarschnitte zwar durchaus teurer werden. Vielleicht würde deshalb auch mancher Kunde wegbleiben. Doch ordentlich bezahlte Friseure könnten sich deutlich mehr Dinge leisten als bisher. Sie würden andere Produkte oder Dienstleistungen stärker nachfragen. Ein Mindestlohn führt deshalb sicherlich zu einer anderen Lohn-, Preis- und Güterstruktur in Deutschland, aber nicht zu einer höheren Arbeitslosigkeit.

Hätte ein einheitlicher Mindestlohn vielleicht sogar positive Effekte?

Flassbeck: Natürlich. Wir haben in Deutschland generell viel zu niedrige Löhne. Ein Mindestlohn würde auf den gesamten Tarifbereich positiv ausstrahlen. Dadurch könnten sich die Löhne dem Niveau nähern, auf dem sie eigentlich sein müssten, um die europäische Währungsunion nicht weiter zu gefährden.

Wie hoch sollte denn ein gesetzlicher Mindestlohn sein?

Flassbeck: Er muss auf jeden Fall so hoch sein, dass ein Arbeitnehmer von seinem Job vernünftig leben kann und er sich sein Gehalt nicht mehr länger mit Steuergeldern aufstocken lassen muss.

Können Sie eine konkrete „Hausnummer“ nennen?

Flassbeck: Ich kann mir durchaus einen Mindestlohn in der Größenordnung von zwölf bis dreizehn Euro vorstellen. Er läge dann ungefähr bei der Hälfte des deutschen Durchschnittslohns. Von solch einem Mindestlohn würde eine deutliche Belebung unserer Binnenkonjunktur ausgehen.

In den vergangenen Jahren sind die Reallöhne in Deutschland allerdings auf breiter Front gesunken. Welche Folgen hat das für die deutsche Volkswirtschaft und für die Eurozone?

Flassbeck: Es gibt zwei Effekte. Auf die deutsche Binnenwirtschaft haben sich die Reallohnsenkungen negativ ausgewirkt. Die Nachfrage ist hier trotz wachsender Wirtschaft 15 Jahre lang so gut wie nicht gestiegen. Auf die deutschen Exporte haben sich die Senkungen positiv ausgewirkt. Allerdings wird dies nur ein kurzfristiger Effekt bleiben. Denn inzwischen exportiert Deutschland deutlich mehr, als wir importieren. Die Lücke beträgt mittlerweile rund 180 Milliarden Euro pro Jahr. Dieses Ungleichgewicht hat zu einem gewaltigen Riss in der Europäischen Währungsunion geführt. Er ist der eigentliche Kern der gesamten Eurokrise.

Die Bundesregierung sagt, die hohen Staatsschulden seien Ursache der Krise.

Flassbeck: Das ist schlichtweg falsch. Die Auslandsschulden der sogenannten Krisenländer sind das Problem. Sie haben sich aufgetürmt, weil Deutschland mit niedrigen Löhnen die Wettbewerbsfähigkeit dieser Staaten in Grund und Boden gerammt hat. Früher konnten sich die Länder durch eine Abwertung ihrer nationalen Währung dagegen wehren. Heute ist das nicht mehr möglich.

Im zurückliegenden Jahrzehnt sind die Gewerkschaften von Ökonomen und Politikern immer wieder gelobt worden, weil sie nur moderate Lohnerhöhungen gefordert haben. Sind sie deshalb für die von Ihnen beschriebene Entwicklung mitverantwortlich?

Flassbeck: Man sollte sich nie von der falschen Seite loben lassen. Das Experiment Lohnzurückhaltung, das die Gewerkschaften am Anfang mitgetragen haben, ist grandios gescheitert. Die deutsche Exportstrategie ist einfach nicht nachhaltig. Weil wir mehr verkaufen wollen, als wir importieren, sind viele unserer Abnehmer inzwischen zahlungsunfähig. Das wirkt sich mittelfristig auch negativ auf die deutschen Exporte aus.

In den jüngsten Tarifrunden wurden nach längerer Zeit erstmals wieder Lohnsteigerungen vereinbart, die oberhalb der Inflationsrate liegen. Reichen sie, um die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone auszugleichen?

Flassbeck: Gemessen daran, was jetzt ökonomisch sinnvoll wäre, sind auch diese Lohnabschlüsse bescheiden. Um die gewaltigen Ungleichgewichte in Europa langsam abzubauen, müssten die Lohnsteigerungen deutlich oberhalb der Summe aus jährlichem Produktivitätszuwachs, der in Deutschland rund 1,5 Prozent beträgt, und dem Inflationsziel der EU von 1,9 Prozent liegen. Konkret heißt das: Wir brauchen in Deutschland jährliche Lohnerhöhungen von vier bis fünf Prozent. Und das mindestens zehn Jahre lang.

Die Bundesregierung sieht hingegen die sogenannten Krisenländer in der Pflicht, sich dem deutschen Modell anzupassen.

Flassbeck: Das wird allein schon aus zwei Gründen nicht funktionieren. Zum einen sind massive Lohnsenkungen von bis zu 30 Prozent in diesen Ländern politisch nicht durchsetzbar. Zum anderen würde dieser Kurs ganz Europa in die Deflation stürzen. Wir müssten uns dann für Jahrzehnte von jedem wirtschaftlichen Wachstum verabschieden.

Nun wächst die Zahl der Menschen, die glauben, Deutschland fahre besser ohne den Euro. Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) verlangt ein Ende der bisherigen Eurozone und scheint dank dieser Forderung gute Chancen zu haben, in den Bundestag einzuziehen. Welche Folgen hätte eine Aufgabe des Euro für die Bundesrepublik?

Flassbeck: Die Folgen wären verheerend. Zerbricht der Euro, würden alle Euro-Staaten, die derzeit einen Wettbewerbsrückstand gegenüber Deutschland aufweisen, ihre neue Währung massiv abwerten. Die deutsche Wirtschaft würde schlagartig an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, die deutsche Industrie würde dramatisch schrumpfen, Hunderttausende Arbeitsplätze würden verloren gehen. Die AfD gaukelt den Menschen vor, wir könnten uns ohne großen Schaden zu nehmen in ein Schneckenhaus zurückziehen. Das ist unverantwortlich.

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