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Gedanken sind wichtiger als Wachstumskurven

Ein Kommentar von Peter Pappert

Die Verleihung des Friedensnobelpreises ist noch nicht so lange her, aber das politisch organisierte Europa vermittelt häufig den Eindruck, es verzettele sich im Klein-Klein und habe die große Idee aus dem Auge verloren. Zu wenig Aufmerksamkeit wird den geistigen Grundlagen gewidmet, auf denen das europäische Einigungswerk ruht, und dem eigentlichen Impetus, der ihm zugrunde liegt: Frieden schaffen und erhalten.

Diesem Mangel will der Aachener Politikwissenschaftler Winfried Böttcher begegnen, indem er in seinem neuen Buch die große europäische Ideen- und Kulturgeschichte aufblättert und auf 780 Seiten mit den „Klassikern des europäischen Denkens“ vertraut macht.

Das Schönste an diesem Buch ist der positive Impuls, den es vermittelt. Es ist keine der – unbedingt notwendigen – kritischen Bestandsaufnahmen der Europäischen Union, es hält sich nicht auf im Brüsseler Dschungel, sondern macht den Blick frei für das, was sich lohnt. Wirtschaftskrisen haben das vereinte Europa immer getroffen und werden es auch in Zukunft anfechten.

Darauf werden die jeweils notwendigen Antworten zu suchen sein, dazu bedarf es mutiger politischer Entscheidungen. Das ist weniger Böttchers Thema. Dem Herausgeber kommt es darauf an, dass europapolitisches Handeln auf Nachdenken, auf Gedanken gründet, die zeitlos und mindestens so relevant sind wie Daten, Tabellen und Kurven ökonomischer Erscheinungen.

Es sind nicht nur die großen Klassiker (Erasmus von Rotterdam, Thomas Hobbes, John Locke, Rousseau, Kant, Tocqueville), die Böttcher in dieses geistvolle Panorama integriert hat, sondern auch eher unbekannte Denker wie der deutsch-dänische Philosoph und Jurist Conrad Georg Friedrich Elias von Schmidt-Phiseldek, der schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Idee eines „Europäischen Staatskörpers“ beziehungsweise einer „Föderalvereinigung der Europäischen Völkerschaften“ entwarf.

Und in einer gründlichen Einführung erfährt man, woraus die Klassiker ihre Europa-Vorstellungen entwickelten: aus Philosophie und Demokratie, aus Literatur und Geschichtswissenschaft des klassischen Griechenlands, aus römischem Recht und römischer Rhetorik, aus christlich-jüdischem Erbe, islamischen Einflüssen und karolingischen Reformen.

Die Beiträge der 69 Autoren aus Wissenschaft und Politik sind von ganz unterschiedlicher Qualität und Relevanz; je näher man der Gegenwart kommt, je mehr vormals aktive Politiker und deren Europa-Engagement dargestellt werden, desto mehr werden die Beiträge lexikalisch-biografisch und nehmen weniger das eigentliche Generalthema in den Blick.

Das lässt sich verschmerzen, weniger aber, dass der Leser zwar mit Leben und Werk eines Pierre Werner oder Rolf Hellmut Foerster vertraut gemacht wird, nicht aber mit den europäischen Perspektiven des führenden deutschen Intellektuellen: Jürgen Habermas. Einer der klügsten Denker taucht in dem Buch gar nicht auf; das verwundert umso mehr, als Habermas Böttchers eigener Definition von Klassiker – „Autoren ersten Ranges... verbunden mit besonderer Wertschätzung“ – sicherlich weit mehr entspricht als manche der vorgestellten Politiker. Und dass Habermas Gott sei Dank nach wie vor sehr lebendig und einflussreich ist, könnte als Ausschlusskriterium nicht überzeugen.

Böttchers eigene „konkrete Utopie“ von der Überwindung des Nationalstaates ist zwar äußerst sympathisch, aber leider zu schön, um wahr zu sein. Er entwickelt seine Vision von den „Vereinten Regionen Europas“ zwar ziemlich konkret – bis hin zu einzelnen Institutionen, aber eine solche Konstruktion würde mehr neue Probleme schaffen, als bestehende lösen.

Es wäre schön, man könnte den Brüsseler EU-Angestellten und den Europaabgeordneten die eine oder andere überflüssige finanzielle Vergünstigung streichen und nur einen Teil des eingesparten Geldes dafür verwenden, sie mit Literatur zu versorgen. Dieses Buch würde dann dazugehören.

Klassiker des europäischen Denkens. Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte. Hrsg. von Winfried Böttcher. Nomos, 781 Seiten, 98 Euro.

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