Aachen - Flucht vor der Krise: Immer mehr Portugiesen verlassen ihr Land

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Flucht vor der Krise: Immer mehr Portugiesen verlassen ihr Land

Von: Joachim Zinsen
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Kritisiert die Sparpolitik: Americo Monteiro. Foto: Krömer

Aachen. Fällt das Stichwort „Krise“, denken in Deutschland alle an Griechenland. Doch es brennt auch an einer anderen Ecke Europas, auf der Iberischen Halbinsel, in Portugal.

Drei Jahre, nachdem das Land unter den Euro-Rettungsschirm flüchten musste, sind dort weite Teile der Bevölkerung desillusioniert und hoffnungslos. „Angesichts der miserablen wirtschaftlichen und sozialen Lage darf das niemanden wundern“, sagt Americo Monteiro.

Der 54-jährige Mann aus Braga ist einer der führenden Köpfe des portugiesischen Gewerkschafts-Dachverbandes CGTP. Für ihn steht fest: „Die von der Troika vorgeschriebene brutale Sparpolitik lässt unser Land weiter verarmen und macht es handlungsunfähig.“

Monteiro soll am 1. Mai bei der Kundgebung des DGB in Aachen als Hauptredner auftreten. Er wird dort ein düsteres Bild von den sozialen Zustände in seinem Heimatland malen. Seit Ausbruch der „von einem deregulierten Finanzsystem“ entfesselten Krise hat die Regierung in Lissabon nämlich mehrere Sparpakete verabschiedet – das jüngste erst vor wenigen Tagen. Sie belasten laut Monteiro vor allem Arbeitnehmer, Arbeitslose und Rentner.

Monteiros Kritikpunkte: Alle Renten, die höher als 1000 Euro lagen, wurden gekürzt. Kürzungen gab es auch bei den Gehältern im Öffentlichen Dienst – und zwar um rund zehn Prozent. Die Gehälter im privaten Sektor wurden laut Monteiro eingefroren, ebenso wie die Minimalrente von 250 bis 350. Deshalb hätten die davon betroffenen Personengruppen in den vergangenen Jahren einen Kaufkraftverlust von mehr als acht Prozent hinnehmen müssen.

Hohe Arbeitslosigkeit

Besonders eklatant waren laut Monteiro die Folgen der Krise für den Arbeitsmarkt. „Die offizielle Arbeitsquote ist von acht auf 16 Prozent hochgeschnellt“, sagt der Gewerkschafter, fügt aber hinzu: „Rechnet man alle inzwischen aus der Statistik herausgefallenen Arbeitslosen hinzu, liegt die Quote bei mehr als 26 Prozent.“ Ähnlich wie in Griechenland haben es in Portugal offenbar vor allem junge Leute schwer, einen Job zu finden. „Offiziell sind rund 40 Prozent von ihnen arbeitslos, doch wahrscheinlich ist die Quote deutlich höher“, sagt Monteiro.

In Griechenland äußern viele Menschen immer wieder ihre Wut auf der Straße. In Portugal gab es zwar auch einige Male große Demonstrationen gegen den Kurs der Mitte-Rechts-Regierung. Dort aber ist vor allem ein anderes Phänomen zu beobachten. Es gibt eine regelrechte Auswanderungswelle. „In den vergangenen zwei Jahren haben rund 200.000 Portugiesen das Land verlassen“, sagt der Gewerkschafter. „Es waren vor allem junge, gut ausgebildete Menschen.“

Für Portugal könne der Exodus verheerende Folgen haben. Monteiro: „Die Geburtenrate wird weiter sinken, das Land wird weiter überaltern und wir werden bald Schwierigkeiten haben, unsere alten Menschen zu versorgen.“ Prognosen gingen bereits davon aus, dass Portugals Bevölkerung in den kommenden dreißig Jahren von zehn auf acht Millionen sinken werde.

Ein Land in tiefer Depression –hat das politische Folgen? Werden auch in Portugal populistische Gruppen bei der Europawahl Zulauf erhalten? Monteiro winkt ab. „Diese Gruppen gibt es bei uns nicht.“ Trotzdem ist die Analyse des Gewerkschafters ernüchternd: „Bei der Wahl werden wahrscheinlich so wenig Personen wie nie zuvor ihre Stimme abgeben. Denn immer weniger Portugiesen glauben noch an ein soziales und solidarisches Europa.“

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