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„Die Banken haben die Staaten im Schwitzkasten“

Von: Joachim Zinsen
Letzte Aktualisierung:
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Der Einfluss der Banken ist nicht nur ungebrochen. Marc Friedrich ist überzeugt, dass die Geldinstitute in den vergangenen Krisenjahren sogar noch deutlich mächtiger geworden sind und die Politik weiterhin erpressen. Foto: afp
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Die beiden Vermögensberater Marc Friedrich (links) und Matthias Weik halten die Bankenrettung für den „größten Raubzug der Geschichte“. Foto: tectum

Aachen/Stuttgart. Viele Banken haben sich verzockt, ihnen wird aber mit Milliardenbeträgen aus Steuermitteln aus der Bredouille geholfen. Muss das sein? „Nein“, sagt Marc Friedrich. Der Ökonom hält unser gesamtes Finanzsystem für völlig marode.

In seinen Augen ist die Bankenrettung der größte Raubzug der Geschichte. Ein Gespräch mit dem Bestseller-Autor.

Herr Friedrich, Sie sagen, unser derzeitiges Finanzsystem hat Krebs im Endstadium. Wie kommen Sie zu der vernichtenden Diagnose?

Friedrich: Durch einen Blick in die Vergangenheit. Alle ungedeckten Papiergeldsysteme, die auf Zins und Zinseszins beruhen, sind bisher gescheitert. Diese Systeme zeichnen sich nämlich durch den Glauben an ein unbegrenztes, exponentielles Wachstum aus. Wir leben aber in einer Welt, auf der die Ressourcen begrenzt sind. Es gibt kein ewiges Wachstum. Den Glauben daran müssen wir endlich ad acta legen. Wir Menschen können uns vielleicht die Natur zum Untertanen machen, aber wir können nicht die Mathematik überlisten.

Ist Heilung nicht mehr möglich?

Friedrich: Nein. Denn die Politik hat in den vergangenen Jahren nur die Symptome der Krankheit bekämpft, ohne an ihre Ursachen heranzugehen. Sie betreibt volkswirtschaftliche Schadensmaximierung zu Lasten der Allgemeinheit. Deshalb ploppt die Euro- und Finanzkrise auch immer wieder auf, kommen die Einschläge ständig näher. Mit den sogenannten Rettungsmaßnahmen ist nur Zeit erkauft worden und zwar zu immer höheren Kosten. Der Patient ist eigentlich klinisch tot, nur traut sich bisher niemand, seine künstliche Beatmung abzuschalten.

Dann lassen Sie uns über die Ursachen der Finanzkrise sprechen. Das Fundament unseres Finanzsystems sind die Banken. Wie kommen die eigentlich an ihr Geld? Sind das nur die Einlagen der Sparer?

Friedrich: Nein. In der Bibel heißt es: „Fiat lux – es werde Licht.“ Heute gilt in der Finanzwelt der Satz: „Fiat money – es werde Geld.“ Alle Geschäftsbanken können aus dem Nichts Geld schöpfen.

Wie funktioniert das?

Friedrich: Geschäftsbanken sind dazu verpflichtet, einen sogenannten Mindestreservesatz – also einen Teil der Einlagen ihrer Kunden – bei der Zentralbank zu hinterlegen. Der beträgt aber gerade einmal ein Prozent. Konkret heißt das: Jemand gibt einer Geschäftsbank hundert Euro in bar. Die Bank hinterlegt dieses Geld bei der EZB. Anschließend kann sie daraus bis zu 10.000 Euro aus dem Nichts generieren. Dieses Geld verleiht die Bank nun für fünf, zehn oder fünfzehn Prozent an ihre Kunden. Derjenige, der die 100 Euro auf sein Konto einbezahlt hat und damit einen Kredit an die Bank gegeben hat, erhält aber momentan nur 0,5 Prozent Verzinsung. Auf diesem meiner Ansicht nach sittenwidrigen und unsozialen Vorgehen, an dem nur die Banken verdienen, basiert unser komplettes Finanzsystem.

Es entsteht also immer mehr virtuelles Geld, das lediglich in den Büchern steht?

Friedrich: So ist es. Gerade einmal zwei Prozent der umlaufenden Geldmenge besteht noch aus Banknoten oder Münzen. Wenn nur jeder fünfzigste Euro von der Bank abgehoben würde, stünde unser gesamtes Finanzsystem sofort vor dem Kollaps. Damit sind wir beim zentralen Problem: Auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten vagabundiert ein Vielfaches des Geldes um die Welt, das tatsächlich wertschöpfend existiert. Dieses virtuelle Geld ist von den Banken in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil verzockt worden. Für den immensen Schaden wollen die Geldhäuser jetzt aber nicht aufkommen. Deshalb lassen sie sich von den Staaten, also vom Steuerzahler, retten.

In Zypern müssen inzwischen auch die Kunden der Banken bluten, wenn sie mehr als 100.000 Euro auf dem Konto haben.

Friedrich: Das ist ein Skandal, eine völlig neue Eskalationsstufe der Krise. Demokratische Staaten enteignen ihre Bürger, um Banken aus der Bredouille zu helfen. Von Zypern aus geht ein verheerendes Signal nach Europa und in die gesamte Welt. Nämlich: Das Geld ist auf unseren Konten nicht mehr sicher.

EZB-Chef Mario Draghi und fast alle europäischen Spitzenpolitiker beteuern aber, Zypern sei ein Einzelfall gewesen und diene nicht als Blaupause für kommende Operationen.

Friedrich: Auch hier ist die Vergangenheit ein guter Ratgeber und zeigt, was diese Aussagen wert waren. Die erste Aussage von Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem, Zypern sei ein Modell für die Zukunft, war in meinen Augen ein Testballon. Als es heftige Proteste gab, ist er zurückgezogen worden. Aber ich bin mir sicher: Auch in Deutschland droht den Sparern langfristig eine Enteignung, auch hier wird es über kurz oder lang Beschränkungen im Kapitalverkehr geben. Durch die Niedrigzinsphase werden wir ja jetzt schon schleichend enteignet.

Aber es gibt doch die Garantie der Bundeskanzlerin, dass alle Spareinlagen bis 100.000 Euro in Deutschland sicher sind.

Friedrich: Diese Garantie wurde nie in ein Gesetz gegossen und ist eine reine Absichtserklärung ohne jeglichen juristischen Wert. Sie kann im Notfall auch nicht eingelöst werden, da wir alle der Staat sind und mit mehr als zwei Billionen Euro in der Kreide stehen. Zudem haben wir in den vergangenen Jahren Vertragsbrüche am laufenden Band von oberster Stelle erlebt. Der Maastricht-Vertrag ist ebenso gebrochen worden wie die No-Bail-out-Klausel des Lissabonner Vertrags. Und die EZB kauft inzwischen unlimitiert Staatsanleihen auf, obwohl sie das laut Statut eigentlich gar nicht darf.

Seit fünf Jahren, also seit der Lehman-Pleite, erklären uns die politisch Verantwortlichen, man sei dabei, den Finanzmarkt wieder zu regulieren. Was ist in dieser Zeit tatsächlich geschehen?

Friedrich: Nichts, gar nichts.

Es ist doch eine Finanzmarkttransaktionssteuer beschlossen worden.

Friedrich: Nur ist sie so, wie sie geplant ist, nicht wirklich durchgreifend. Nein, die Banken haben die Krise zwar verursacht, sind aber gleichzeitig die großen Gewinner der Krise. Sie sind in den vergangenen Jahren noch mächtiger geworden, konnten durch das viele billige Geld ihr Bilanzvolumen ständig weiter aufblähen. Immer mehr von ihnen gelten inzwischen als systemrelevant. Weil sie „too big to fail“ sind – also angeblich zu groß, um fallengelassen zu werden, ohne das ganze Finanzsystem mit in den Abgrund zu reißen – können sie die Politik erpressen. Die Banken haben die Staaten völlig im Schwitzkasten. Und das auch noch aus einem weiteren Grund. Die Staaten finanzieren sich durch den Verkauf von Staatsanleihen. Hauptabnehmer sind die Banken.

Warum werden eigentlich Banken bei der Staatsfinanzierung zwischengeschaltet? Warum gibt die EZB, die ja den Euro-Staaten gehört, das Geld nicht direkt an die Staaten weiter?

Friedrich: Das verstehe, wer will. Ich halte es für hanebüchen. Die Banken bekommen das Geld für einen Minizinssatz von einem Prozent von der EZB geliehen und verleihen es dann für einen deutlich höheren Zinssatz an Länder wie Portugal, Italien oder Spanien weiter. Für die Banken ist das ein geniales Geschäftsmodell. Sie verdienen damit Unsummen. Die Politik aber schreitet nicht ein.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Friedrich: Keine, die mir einleuchtet. Es fehlt nach Angaben der Politik die Gesetzesgrundlage. Die Banken sind getrieben von nackter Gier. Weil die Politik dem tatenlos zuschaut, hat sie sich zum Komplizen gemacht und ist mitverantwortlich für den größten Raubzug der Geschichte.

Auch als Folge der Bankenrettung sind viele Staaten inzwischen hoch verschuldet. Um von den Defiziten herunter zu kommen, müssen sie auf Druck aus Berlin und Brüssel radikal sparen. Verspricht das Erfolg?

Friedrich: Nein, das ist volkswirtschaftlicher Wahnsinn. Die Staaten werden gezwungen, sich zu Tode zu sparen. Wegen der Vorgaben der Troika haben die Menschen in diesen Ländern immer weniger Geld. Deshalb bricht dort der Binnenkonsum ein, sinken die Steuereinnahmen, explodiert die Arbeitslosigkeit, steigt die Verschuldung. Wir erleben eine dramatische Spirale nach unten. Die Sparpakete haben nur Elend und Verarmung gebracht. In Spanien und Griechenland liegt die Arbeitslosigkeit inzwischen bei weit über 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei über 55 Prozent. In anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus. Wir schaffen dort überall einen Nährboden für Extremismus, Nationalismus und Separatismus. Weimarer Verhältnisse drohen. Wir wissen, was in Deutschland damals die Folge war. Dieser Irrsinn muss beendet werden!

Was raten Sie den Ländern?

Friedrich: Sie müssen aus dem Euro austreten. Es ist unmöglich, Volkswirtschaften wie Deutschland und Österreich mit so unterschiedlichen Volkswirtschaften wie Spanien, Portugal oder Griechenland in ein einheitliches Zinskorsett zu zwängen, ohne dass es zu massiven Problemen kommt.

Das wäre dann wohl auch das Ende des Euro.

Friedrich: Der Euro ist bereits am Ende.

Und was soll danach kommen?

Friedrich: Zunächst die Rückkehr zu den nationalen Währungen. Dann wird es für die Länder des Südens zu einem Schuldenschnitt und einer Art Marshall-Plan kommen müssen. Das wird sicherlich sehr teuer werden, und wir alle werden an Wohlstand verlieren. Das Wichtigste aber ist: Wir brauchen endlich wieder ein Finanzsystem, das der Realwirtschaft und allen Menschen dient und nicht nur den reichsten fünf Prozent unserer Bevölkerung. Und schließlich sollte jeder einzelne von uns sich einmal fragen: Was brauche ich für ein gutes Leben, wann ist genug genug? Wir sollten uns auch von unserer eigenen Gier verabschieden.

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