Radarfallen Blitzen Freisteller

Der Wähler, das sensible, widersprüchliche Wesen

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
6204157.jpg
Politisch interessiert, aber keine Politprofis: Carola Kremer und Wilhelm Frings (vorne), Anna Schäfer und Christoph Zimmer (hinten) zu Gast in unserer Redaktion. Foto: Marco Rose

Aachen. Und dann, ganz am Ende des Gesprächs, werden aus den Wählern plötzlich glühende Wahlkämpfer. Nicht für oder gegen Mindestlohn und Pkw-Maut, oder gar Merkel und Steinbrück. Nein, ihnen geht es um die Wahl selbst.

„Ich habe Verständnis dafür, dass jemand sich mit der Wahlentscheidung schwertut. Aber nicht das geringste dafür, dass jemand sein Wahlrecht nicht wahrnimmt“, sagt etwa der 30-jährige Lehrer Christoph Zimmer. Und auch der 89-jährige Wilhelm Frings, der bislang noch jede bundesrepublikanische Wahl mitgemacht hat, plädiert für den Wahlgang: „Wenn ich nicht zur Wahl gehe, stufe ich mich herab. Ich nehme mir etwas.“ Das ist bemerkenswert, weil der ehemalige Architekt in den eineinhalb Stunden zuvor kaum ein gutes Haar am aktuellen politischen Personal gelassen hat. Von Polit-Schauspielern ist da die Rede, die dem Wähler Unangenehmes vorenthalten, um den Souverän systematisch hinters Licht zu führen.

Aber deswegen nicht zur Wahl zu gehen? Im Leben nicht.

Unsere Zeitung wollte dem Wähler, der sonst wenn überhaupt nur als Prozentzahl in der Sonntagsfrage erscheint, aufs vielzitierte Maul schauen und hat ihn deshalb einfach eingeladen. Vier Menschen aus drei Generationen. Politisch interessiert, aber keine Politprofis. Zeitungsleser, aber keine Medienexperten. Nicht repräsentativ, aber aus dem Leben. Dabei sollte es weniger um Betreuungsgeld, Eurobonds oder Bundeswehrreform gehen, als vielmehr darum, wie sie den Wahlkampf wahrnehmen. Beeinflusst der ihre Wahlentscheidung? Hilft er dabei, sich politisch zu informieren? Was gefällt ihnen daran, was fehlt ihnen? Könnte man sich das ganze Getöse am Ende sogar sparen?

Dabei wird schnell klar, dass der Wähler ein sensibles, mitunter widersprüchliches Wesen ist. Mehr Inhalte einerseits wünscht er sich, weniger Informationswust andererseits. Oder sachlichere Auseinandersetzungen der Politiker, die aber deutlicher Position beziehen sollen.

Das zeigt sich am Beispiel der politischen Inhalte. Die vermissen alle vier in diesem Wahlkampf, am meisten noch die beiden jungen Wähler. Die 23-jährige Studentin Anna Schäfer wirft den Parteien vor, diese kaum zu transportieren. Ihrer Ansicht nach liegt das daran, dass sich vor allem die beiden Volksparteien in ihren politischen Zielen sehr ähnlich seien und um die politische Mitte kämpfen würden. „Da geht es dann in erster Linie darum, niemanden zu verprellen.“ Das gehe am besten, wenn man nicht zu konkret wird. Zumindest im öffentlichen Auftritt. Dass es dennoch politische Unterschiede gebe, sei ihr natürlich bewusst. Diese beispielsweise durch die Lektüre der Wahlprogramme herauszuarbeiten, sei aber schwierig.

Dass ein Plus an Information nicht unbedingt bei der Wahlentscheidung hilft, verdeutlicht Zimmer. Die Möglichkeiten, sich zu informieren, seien heute deutlich größer als noch vor zehn Jahren, als er erstmals wählen durfte. „Damals hatte ich schlicht und ergreifend keine Ahnung“, gibt der junge Lehrer freimütig zu Protokoll. Inzwischen sei das anders, er informiere sich, vor allem mit Hilfe der Neuen Medien. Das gelte auch für seinen Bekanntenkreis, wo er aber beobachte, dass viele gerade aufgrund des riesigen Wusts an Themen und Thesen, der via Internet auf sie einströme, dichtmachten. „Es mangelt weniger daran, dass die Parteien zu wenig Inhalte transportieren, sondern, daran, dass sie sie zu unverständlich präsentieren“, sagt Zimmer.

Kritik an Steinbrücks „Clown“

Also zurück in die Zeiten von Strauß und Wehner, als die Aussagen klarer und die Politiker kernig waren? Mitnichten. Deutlichere Ansagen beispielsweise an die amerikanische Regierung in Sachen NSA-Affäre sind zwar durchaus erwünscht. Dennoch soll es gesittet zugehen. „Dass Steinbrück Silvio Berlusconi einen Clown genannt hat, fand ich unangebracht“, sagt Carola Kremer. Eine diplomatischere Ausdrucksweise hätte wohl mehr bewirkt.

Überhaupt gibt die 53-Jährige wenig auf den Wahlkampf und die Wahlprogramme. Nicht, weil sie politisch nicht interessiert wäre. Ganz im Gegenteil, als vierfache Mutter macht sich die ehemalige Lehrerin sehr wohl Gedanken über die Zukunft. Sie glaubt einfach nur, dass das, was die Parteien versprechen, bei der Wahlentscheidung eine viel geringere Rolle spielen sollte, als das, was sie bisher gemacht haben.

Dazu sei Ehrlichkeit erforderlich. Sowohl bei den Politikern, die ihre Wahlversprechen der Realität anpassen sollten, als auch bei den Wählern, die sich nicht so leicht blenden lassen sollten. „Ich habe meine Wahl längst getroffen, und zwar anhand der Bilanz der vergangenen vier Jahre“, erteilt sie eifrigen Wahlkämpfern eine deutliche Absage.

Auch der Senior der Runde hat sich bereits entschieden. „Übrigens war der Auslöser ein Artikel in Ihrer Zeitung“, sagt Wilhelm Frings. Dennoch hält er das Rennen bis zum Schluss für offen „wie ein spannendes Tennismatch“.

Dass dem so ist, liegt an Wählern wie Zimmer. Der hat nämlich als einziger seine Wahlentscheidung noch nicht getroffen und ist damit so etwas wie die personifizierte Steinbrück-Hoffnung. Bei etwa 40 Prozent der Wahlberechtigten ist laut ARD-Deutschlandtrend die Wahlentscheidung noch nicht sicher, worauf der SPD-Kanzlerkandidat seine Hoffnung stützt, den derzeitigen Umfrage-Rückstand noch aufholen zu können.

Wahlkämpfer aller Parteien sollten also nun gut weiterlesen. „Ich habe mich anhand verschiedener Medien informiert und dabei auch taktische Erwägungen einbezogen. Ganz zum Schluss wird es bei mir in der Wahlkabine auch ein Stück weit eine Bauchentscheidung sein“, sagt Zimmer. Die Frage, welchen Kopf er als überzeugender oder glaubhafter wahrnimmt, könne dann durchaus den Ausschlag geben.

Zimmer ist also noch unentschieden. Frings schimpft auf die Politiker. Schäfer sieht kaum Unterschiede. Kremer gibt nicht viel auf Wahlversprechen.

Zur Wahl gehen sie alle.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert