Der politische Doppelpass mit den Fußball-Idolen

Von: Johannes Nitschmann
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Maskottchen Erwin auf Schalke jubelt mit allen Fans. Für Schalke 04 hat das Land NRW seit dem Jahr 1995 drei Kredit-Ausfallbürgschaften über 145,1 Millionen Euro genehmigt. Damit ist der Verein Spitzenreiter in Nordrhein-Westfalen. Foto: imago/Norbert Schmidt

Berlin/Düsseldorf. Die machtvollste Außenvertretung des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 sitzt in Berlin – mitten im Deutschen Bundestag. Vor dem SPD-Fraktionssaal im Berliner Reichstag gingen am 4. November sieben Abgeordnete in die Offensive und formierten sich zum Gruppenfoto.

„Schalke 04 bekommt Unterstützung aus der SPD-Fraktion“, postete die Herner SPD-Bundestagsabgeordnete Michelle Müntefering über das geschichtsträchtige Treffen. „Hier ist unsere neue Fangruppe.“

Sogar der termingeplagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), seit seinen Kindertagen im Ostwestfälischen ein eingefleischter Blau-Weißer, war bei dem Foto-Statement der Fraktions-AG für seinen Lieblingsclub pünktlich zur Stelle. Nur Oliver Kaczmarek, SPD-MdB aus Unna und Schalke-Lautsprecher im Parlament, war nicht präsent. „Da ist man einmal nicht bei der Fraktionssitzung“, ärgerte sich der Abgeordnete, „und ausgerechnet dann verpasse ich das wichtigste Foto der ganzen Wahlperiode.“

Fußball-Nähe nicht ohne Risiko

Das ist nicht nur Ironie. Für Politiker gibt es kaum etwas Wichtigeres als Fußball. Er dient ihnen vor allem als Projektionsfläche. Durch die enge Beziehung zum Fußball-Milieu soll der Glanz der Siege auf sie abfärben. Andererseits kommt kaum ein höherklassiger Fußballclub in seinen Führungsgremien ohne Politprominenz aus. Besonders eng sind die Bindungen an Rhein und Ruhr. Beinahe jedes Mitglied im rot-grünen Landeskabinett bekennt sich als Anhänger eines Fußballclubs. Es ist eine Melange aus Leidenschaft und berechnender Eigen-PR. Aber die Nähe zum Fußballmilieu ist für Politiker nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Wenn es ums Kicken geht, sind Minister und Abgeordnete nicht kleinlich – trotz klammer Kassen. In Nordrhein-Westfalen wurden seit 1995 für den Bau von sieben großen Fußballarenen immerhin 14 Kredit-Ausfallbürgschaften in einer Gesamthöhe von 318,8 Millionen Euro bewilligt. Dies geht aus einer von NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) unter Verschluss gehaltenen Auflistung hervor, die unserer Zeitung vorliegt. Spitzenreiter in dieser Liga ist mit gleich drei Ausfallbürgschaften über insgesamt 145,1 Millionen Euro der FC Schalke 04.

Zwar hat Walter-Borjans mit Schalke erkennbar nichts am Hut, aber in seiner Partei gilt der SPD-Politiker als fußballverrückt. Der 62-jährige ist nicht nur glühender Fan des 1. FC Köln. Auch bei dem Regionalligisten Viktoria Köln und dem Drittliga-Aufsteiger Fortuna Köln weilt er häufig unter den Zuschauern. Zuletzt heizte die Dauerpräsenz des Finanzministers auf den Fußballplätzen der Domstadt sogar Spekulationen an, er wolle im kommenden Jahr womöglich als Kölner Oberbürgermeister kandidieren.

Das Südstadion ist die Heimstätte des Drittligisten Fortuna Köln. Vor allem Fußball-Underdogs fühlen sich von der angejahrten Arena angezogen. Auf der Ehrentribüne stehen Resopalbänke satt Polstersessel. Fortuna-Präsident Klaus Ulonska, Volkstribun und Ulknudel in Personalunion, begrüßt Walter-Borjans bei den Spielen im Stile eines Jahrmarktschreiers: „Mein Finanzminister!“ Die Menge johlt. Der fixe Ulonska, 1962 Europameister in der 4-mal-100-Meter-Staffel, hält den VIPs bei jedem Spiel eine als Fußball drapierte Sammeldose unter die Nase. Erwünscht sind Scheine.

Es gibt schönere Kulissen für einen Finanzminister. Beim Fußball hat der joviale Sozialdemokrat nicht immer ein glückliches Händchen. Anfang 2012 versuchte Walter-Borjans, den abwanderungswilligen Kölner Torjäger Lukas Podolski mit einem öffentlichen Appell zum Bleiben zu bewegen. „Einer wie Sie hat das Zeug, zu einer Kölner Institution zu werden – lange über das aktive Wirken als Spieler hinaus“, redete der Finanzminister dem Poldi ins Gewissen. „Das ist schnell verspielt, wenn das noch größere Geld in einem anderen Club einen entwurzelt und dann zurücklässt.“

Das Domstadt-Idol ignorierte den Appell des Finanzministers und wechselte zum Champions-League-Club FC Arsenal. Aber niemals geht man so ganz. Der nach den Heiligen Drei Königen am meisten verehrte Kölner hinterließ in seiner Heimatstadt eine „Stiftung für Sport und Bildung“. Diese Einrichtung will nach eigenen Angaben „Kinderarmut bekämpfen“, „Inklusion voran treiben“ und „Völkerverständigung fördern“. Inzwischen haben viele Fußball-Nationalspieler eigene Stiftungen gegründet – immer geht es dabei irgendwie um Wohltätigkeit. Doch Kritiker argwöhnen, dass es sich hier um ein dreistes Steuersparmodell handeln könnte. Und womöglich auch um Vetternwirtschaft, weil in den Fußballer-Stiftungen nicht selten Verwandte und Freunde eine gutdotierte Anstellung finden.

Führende Politiker haben sich Kritik an den intransparenten Stiftungs-Konstrukten ihrer Fußball-Lieblinge bislang verkniffen. Diese Stiftungen seien rechtlich in Ordnung und dienten nicht als Steuervermeidungsmodelle, verlautet es aus der Finanzverwaltung. Dagegen wirbt die vornehme Hannoveraner Anwaltskanzlei Wieck & Hölscher um mildtätige Mandaten: „Bei der Gründung einer Stiftung können bis zu 307.000 Euro im Jahr der Zuwendung und in den folgenden neun Jahren als Sonderausgabe abgezogen werden. Mit der Errichtung einer Stiftung kann man insofern direkt Steuern sparen.“ Der in der Vergangenheit für „Charity Watch“ tätige Fondsanalyst Stefan Loipfinger beklagt die „Intransparenz“ vieler Fußballer-Stiftungen. Diese verweigerten bei Anfragen Angaben zum Kapital und zu ihren Spendengeldern. Laut „Handelsblatt“ trägt bisher noch keine Fußballerstiftung das Spendensiegel des Deutschen Instituts für Soziale Fragen (DZI), das strikte Transparenzauflagen macht.

Kampagne an Metzelders Agentur

Als Wohltäter in der Fußballszene gilt auch Christoph Metzelder. Bereits 2006 gründete der Profi-Fußballer vor seinem Wechsel zu Real Madrid die Stiftung „Training fürs Leben“, die nach eigenen Angaben 15 soziale Projekte für Kinder und Jugendliche unterstützt. NRW-Sportministerin Ute Schäfer (SPD), die mit dem Fußball-Drittligisten Arminia Bielefeld sympathisiert, berief den ehemaligen Abwehrspieler von Borussia Dortmund und Schalke 04 zum Botschafter der „Ruhr Games“, die im kommenden Jahr mehr als 10.000 Breiten- und Spitzensportler aus ganz Europa zu Wettkämpfen ins Revier locken sollen.

Die Werbe-Kampagne für die „Ruhr Games“ vergab das Sportministerium an die Hamburger Agentur Jung von Matt/sports, bei der Metzelder seit Beendigung seiner Profilaufbahn im Sommer 2013 Geschäftsführer ist. Nur ein Zufall? Anfragen einer misstrauischen CDU-Opposition muss Ministerin Schäfer wohl nicht fürchten. Auch CDU-Landeschef Armin Laschet, Anhänger des Regionalligisten Alemannia Aachen, schmückt sich mit der Lichtgestalt Metzelder. In dem aktuellen CDU-Parteiorgan „Wir in NRW“ interviewt Laschet den „lieben Christoph“ gleich auf vier Seiten über sein Outing als langjähriges CDU-Mitglied.

Für NRW-Wirtschafminister Garrelt Duin (SPD), der als Nordimport mit dem Hamburger SV fiebert, ist der Fußball im bevölkerungsreichsten Bundesland längst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Seine Umsatz- und Mitarbeiterzahlen seien vergleichbar mit dem Kreditgewerbe oder der Versicherungswirtschaft, erklärte Duin Ende April dieses Jahres bei einer von seinem Ministerium initiierten Podiumsdiskussion über „die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs“. Neben Metzelder ließ sich der Wirtschaftsminister von den prominenten Vereinsfunktionären Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund), Michael Schade (Bayer Leverkusen) und Hans Meyer (Borussia Mönchengladbach) flankieren.

Abstand von Rolf Königs

Der amtierende Gladbacher Präsident Rolf Königs saß bei der Veranstaltung im Publikum, in einer der letzten Reihen. Die rot-grüne Landesregierung meidet offenkundig seine Nähe. Im Oktober 2011 meldete das „Handelsblatt“, Königs habe 1,6 Millionen Euro im Steuerparadies Luxemburg gebunkert und Zinserträge in Höhe von mehreren hunderttausend Euro dem deutschen Fiskus verschwiegen. Offenbar war der Borussen-Chef durch eine der von Finanzminister Walter-Borjans angekauften Steuer-CDs aufgeflogen. Der ertappte Königs sprach von einem Versehen. „Ich habe dieses Konto für mich einfach ausgeblendet.“

Misslich ist dieser Vorgang für Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), die seit ihrer Jugend ein glühender Fan von Borussia Mönchengladbach ist – eine wirkliche Fußballleidenschaft. „Erst Gladbach, dann NRW, dann der Rest der Welt“, juxt sie über ihre politischen Prioritäten. Kraft wurde während ihrer Banklehre in Mülheim vor über 30 Jahren von der legendären „Fohlenelf“ mit dem Fußballbazillus infiziert. Nach Siegen der Borussia lässt die 53-jährige Ministerpräsidentin an ihre schwarze Staatskarosse, bei der die Kennzeichen aus Sicherheitsgründen häufiger gewechselt werden, mit Vorliebe MG-Nummernschilder anbringen. In ihrer Partei und Fraktion stehen Kraft starken Anhängerschaften der Bundesligaclubs aus Dortmund und Schalke gegenüber.

Am Kabinettstisch sitzen mit Bau- und Verkehrsminister Michael Groschek sowie Arbeits- und Sozialminister Guntram Schneider (beide SPD) zwei Hardcore-Fans des BVB. Der Champions-League Club hatte trotz jahrelanger Rekordeinnahmen nach der vertraulichen Liste aus dem Finanzministerium im Jahre 2013 immer noch eine Landesbürgschaft in Höhe von 30,1 Millionen Euro auf Kredite laufen, die erst bis zum 30. Juni 2026 zurückgeführt werden sollte. Inzwischen rühmt sich das aktuelle Bundesliga-Schlusslicht aber, völlig schuldenfrei zu sein. Kaum ein Club hat solch einen kurzen Draht zur Politik wie Borussia Dortmund. Seinem fünfköpfigen Aufsichtsrat gehört der letzte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück an. Im Beirat sitzen der einflussreiche SPD-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, Norbert Römer, und Vize-Landtagspräsident Gerhard Papke (FDP).

Schalke und die Politik

Kabinettsmitglied Guntram Schneider ist zwar eingetragenes Mitglied beim Drittligisten Preußen Münster, doch sein Herz schlägt vor allem für die Dortmunder Borussia. Im Sommer geriet der BVB-Fan in einen Zweikampf mit dem Fleischfabrikanten und Schalke-Boss Clemens Tönnies. Schneider hatte sich vor Journalisten darüber mokiert, dass die maximale Bußgeldhöhe bei Verstößen gegen Arbeitsschutzbestimmungen in der Fleischindustrie für Unternehmer wie Tönnies nicht wirklich abschreckend sei. „Wenn man Herrn Raúl kaufen kann, sind 20.000 Euro nicht viel Geld.“ Die Schalker, die mit dem Erzrivalen Dortmund eine herzliche Hassliebe verbindet, hatten den spanischen Superstar Raúl zwischen 2010 und 2012 unter Vertrag genommen. Tönnies reagierte empört. Inzwischen hat sich Schneider mit dem Fleischmogul versöhnt, nachdem der in seinen Schlachtbetrieben 30 Lehrlinge aus der von Jugendarbeitslosigkeit besonders gebeutelten Region Gelsenkirchen eingestellt hat.

Auch Innenminister Ralf Jäger (SPD) ist ein Fußballfreak. Als Kind ist er nur einen Steinwurf weit von der Westender Straße in Duisburg aufgewachsen, der Keimzelle des Bundesliga-Gründungsmitglieds MSV Duisburg. In dem rauen Malocher-Stadtteil führte Jägers Mutter eine Eckkneipe. Als Jugendlicher stand der heutige Minister häufig hinter der Theke und zapfte Pils für die Stahlarbeiter und Fußballfans. Aus dem Verwaltungsrat des Clubs war er vor etlichen Jahren geradezu geflüchtet, weil er die undurchsichtigen Transaktionen des damaligen Duisburger Präsidenten Walter Hellmich nicht weiter mitverantworten wollte.

Danach holte sich der Baulöwe Hellmich den ehemaligen NRW-Bauminister Oliver Wittke (CDU) in sein Unternehmen. Wittke sollte seine politischen Erfahrungen vor allem beim Bau von Fußball-Stadien einbringen. Wirklich erfolgreich war der Christdemokrat wohl nicht. Das von Hellmich erbaute Aachener Tivoli-Stadion entwickelte sich zum Millionengrab, die Landesbürgschaft in Höhe von 20,9 Millionen Euro wurde komplett fällig – auf Kosten der Steuerzahler. Auch beim Duisburger Stadion, ebenfalls von der Hellmich-Gruppe erbaut, droht die Landesbürgschaft in Höhe von 25,7 Millionen Euro Feuer zu fangen.

Politisch kann Fußball zum heißen Eisen werden. Dennoch gelten im 13-köpfigen NRW-Kabinett nur Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD), Europaministerin Angelica Schwall-Düren (SPD) und Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) als fußballerisch konfessionslos. Vize-Ministerpräsidentin und Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bekennt sich zum Traditionsclub Rot-Weiß Essen wie auch Justizminister Thomas Kutschaty (SPD). Umweltminister Johannes Remmel, einst selbst aktiver Fußballer und Inhaber einer Trainer-B-Lizenz, unterstützt wie Wirtschaftsminister Duin den Hamburger SV.

Michelle Müntefering hat nach der Gründung der Schalke-Fraktion im Bundestag auch Häme einstecken müssen. „Die SPD setzt sich traditionell für Minderheiten ein“, postete der Lüner SPD-Fraktionsvize Rüdiger Billeb. Eine andere Genossin dachte schon gleich wieder an Wahlkampf: „SPD und Schalke 04, die Nummer eins im Revier, das sind wir…“

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