Aus Geschichte lernen, statt auf ihre Strafe zu warten

Von: Bernd Mathieu
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Frischer Wind für Europa! Der Historiker Christopher Clark erhofft ihn sich von jenen, die in Brüssel und den Hauptstädten der EU-Mitgliedsstaaten Verantwortung tragen. Foto: imago/imagebroker
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Abgewogener Blick auf Europa: Christopher Clark (Universität Cambridge). Foto: Andreas Herrmann

Aachen/Cambridge. Seit Monaten sorgt er mit seinem Buch „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ für Furore und anhaltende Debatten über die Frage, wer wieviel Schuld am Ersten Weltkrieg trug: Der australische Historiker Christopher Clark, der an der Universität Cambridge lehrt, legt Wert auf die internationale Perspektive.

So detailliert wie er in seinem Buch die Motive und Interessen der politischen Akteure im Europa des Jahres 1914 – Fehleinschätzungen, gegenseitiges Misstrauen, nationalistische Aufwallungen – analysiert, so differenziert ist sein Blick auf das Europa des Jahres 2014. Im Interview mit unserer Zeitung mahnt er die Europäer, sich auf den Auf- und Ausbau ihrer Gemeinschaft zu konzentrieren und nationalstaatliche Selbstbeschränkungen aufzugeben.

Sie sind einige Male mit dem Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz, aufgetreten. Was finden Sie an ihm besonders bemerkenswert?

Clark: Ich bin sehr beeindruckt, wie er auf die Fragen aus der Öffentlichkeit eingeht und wie er komplexe Sachverhalte und Probleme konkretisiert, damit die Leute das richtig verstehen. Er macht das anhand von Geschichten, von Erlebnissen einzelner Menschen, von Situationen und Handlungen. Auch sein europäischer Geist und seine Bereitschaft, immer für Europa einzutreten und zu sprechen, überzeugen mich.

Es fällt auf, dass viele überzeugte Europapolitiker aus Grenzregionen stammen. Welche Rolle spielt das?

Clark: Sie haben eben dadurch eigene Erfahrungen, die sehr prägend für ihre Politik sind. Aber das gilt nicht nur für Grenzland-Europäer. Ich glaube, dass gerade Sozialdemokraten und Katholiken eine wichtige Rolle gespielt haben. Aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs haben sich vor allem zwei intakte Konstellationen entwickelt: die christliche Demokratie und die Sozialdemokratie. Das Spektrum des Nachkriegseuropas hat sich zwischen den beiden entwickelt. Es gibt natürlich auch andere Stimmen und Traditionen, aber die beiden sind ganz eindeutig die strukturell prägenden Formationen.

Die nationalen Regierungspolitiker reisen nach Brüssel, um dort ihre vor allem eigenen nationalen Interessen zu vertreten, und sehen in erster Linie nicht die europäische Gemeinsamkeit und wahrscheinlich auch nicht immer die äußeren Gefahren, die Europa zum Beispiel ökonomisch bedrohen. In Ihrem Buch fragen Sie mit Blick auf den Ersten Weltkrieg: „Waren sich die Protagonisten überhaupt darüber im Klaren, um wie viel es tatsächlich ging.“ Muss man diese Frage heute auch wieder stellen?

Clark: Absolut – man muss diese Frage natürlich stellen! Man darf hoffen, dass wir nicht so lange warten müssen, bis wir sozusagen durch die Strafe der Geschichte aufmerksam und wach werden. Ein auseinanderbröckelndes Europa mit einem Rückfall in die Nationalismen wäre ein Desaster. Es wäre dann sehr schwach gegenüber den großen Machtblöcken. Dabei geht es nicht um den Rüstungswett- bewerb; sondern um die Fähigkeit, sich bei großen Fragen von globaler Tragweite durchzusetzen: klimapolitisch, sozialpolitisch und in vielen anderen Bereichen. Es gibt ein sehr unterentwickeltes Be- wusstsein für die Tragweite dieser möglichen Katastrophe; dafür ist die nationalstaatliche Sichtweise verantwortlich.

Herr Clark, wenn Sie jetzt – wie etwa der Europawahlkämpfer Martin Schulz – eine europapolitische Kampagne machen müssten, was stände bei Ihnen, dem Historiker, im Vordergrund? Irgendeine Vision für Europa?

Clark: Visionen sind eine gefährliche Sache. Die Vision des Einen kann der Albtraum des Anderen sein. Damit sollte man also nirgendwo anecken. Es geht um konsensfähige Konzepte zum weiteren Aufbau der europäischen Architektur. Es kann dabei nicht nur um Werte, Ideen und Gedanken gehen, sondern auch um die konkrete Struktur.

Die EU wird außen als attraktiv bewertet; die Menschen in der Ukraine schwingen EU-Fahnen. Innerhalb der EU herrschen dagegen Skepsis und Ablehnung. Warum begreifen viele Europäer nicht, welche historische Errungenschaft die EU ist? Wie beurteilen Sie wenige Monate vor der Europawahl rechtsextreme Strömungen in den Niederlanden, in Frankreich oder linksextreme in Griechenland?

Clark: Man muss hier die Verbindung zwischen sozialem und wirtschaftlichem Leid und dem Aufkommen dieser Extremisten sehen. Das ist der kausale Zusammenhang – etwa bei einem Punkt wie der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Das sind die Nachwirkungen der großen Finanzkrise. Es ist also kein Zufall, dass wir diese Phänomene erleben. Es kommt nun darauf an, dass die europäische Wirtschaft in den nächsten Jahren gestärkt wird. Das wird die extremen Bewegungen schwächen.

In der Schweiz hat sich die Mehrheit gegen Einwanderung ausgesprochen. Auch in solchen Fragen punkten in manchen EU-Ländern extreme und nationalorientierte Parteien.

Clark: Die Schweizer Entscheidung ist natürlich ein Rückschlag. Fremdenfeindlichkeit und Furcht vor „Überfremdung“ gehören leider auch zu den von vielen Europäern geteilten Grundeinstellungen. Da bedarf es in Europa eines rationalen und vor allem transparenten Managements für Einwanderung – und zwar europaweit; das ist ganz klar.

Dieser soziale Sprengstoff wird begleitet von einem Bedeutungsverlust traditioneller Absender wie Religion, Politik, Kultur und Medien. Welchen Ausweg sehen Sie?

Clark: Als Historiker kann man nur sagen: Das haben wir alles schon gehabt! Es hat immer wieder Phasen des Pessimismus’ und der Ausweglosigkeit gegeben. Das ist das Schöne an der Geschichte: Sie bringt uns sehr deutlich bei, dass wir nicht die ersten und nicht die einzigen sind, die so etwas erleben und bewältigen müssen. Es hat eben auch andere Menschen gegeben, die schon meinten, dass alles auseinanderfalle. Deshalb wissen wir, welche Auswege in der Vergangenheit nicht funktioniert haben. Ein Zurückschrumpfen auf ethnische oder nationale Zusammenhalte hat immer zu desaströsen Konsequenzen geführt. Der richtige Ausweg ist deshalb der Schritt nach vorne mit einem richtigen Verständnis für die Gefahren und die Möglichkeiten – also: der weitere Aus- und Aufbau Europas. Man darf sich nicht von einem generellen Kulturpessimismus irritieren lassen, sondern muss sich genau ansehen, wo solche Proteste herrühren und wie genau ihre Bedeutung und Tragweite einzuschätzen sind. Das darf man nicht globalisieren oder voreilig als Symptom für den Untergang kategorisieren.

In Ihrem Buch überschreiben Sie das Kapitel über die Donaumonarchie Österreich-Ungarn „Das Reich ohne Eigenschaften“. Immerhin gab es in diesem Reich schon ein gemeinsames Außenministerium. So weit ist die EU noch lange nicht.

Clark: Das stimmt. Ich vermisse die Stimme der EU sehr in den großen Fragen der Weltpolitik. Das ist zum Teil auch ein Problem der Medien-Öffentlichkeit, die sehr stark immer noch nationalstaatlich gegliedert ist. In englischen Medien liest man kaum etwas darüber, weil es angeblich die Menschen nicht interessiert. Da muss viel mehr geschehen.

Da hat sich seit hundert Jahren offensichtlich nichts geändert. Sie beschreiben in Ihrem Buch ja den Einfluss der Medien vor dem Ersten Weltkrieg genauso.

Clark: Absolut. Das ist gleich geblieben. Wir sind auch als politische Spezies nicht unbedingt intelligenter geworden als unsere Vorfahren im Jahr 1914. Wir haben allerdings bessere Strukturen, und wir haben auch schlimme Erlebnisse hinter uns – vor allem die zwei Weltkriege. Insofern sind wir weiser geworden, was aber nicht heißt, dass wir nicht die gleichen Fehler wieder machen könnten. Deshalb ist Wachsamkeit geraten.

Wie empfinden Sie als Australier im englischen Cambridge die europäische Stimmung in England? Was sagen Ihre Studierenden – vor allem nach der europakritischen Rede von Premierminister Cameron?

Clark: Jeder weiß in England, dass Cameron auf eine mögliche Bedrohung von Rechts durch die „UK Independance Party“ reagiert und versucht, seine konservative Partei gegen diese rechte Partei zu festigen und abzuschotten. Die meisten meiner Studenten sind eher proeuropäisch, sie sind sehr für Europa. Es gibt aber auch diejenigen, die mit senffarbenen Westen erscheinen, also junge Leute aus vornehmen Kreisen, die gerne jagen, golfen und so weiter. Diese „Little-England-Typen“ stehen Europa skeptisch und spöttisch gegenüber. Da hört man die üblichen Geschichten über die Standardisierung der Duschköpfe oder der Backsteine und der DIN-Normen.

Wie wird im September das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands ausgehen?

Clark: Meines Wissens hat noch niemand richtig untersucht, was eine mögliche Unabhängigkeit Schottlands für Auswirkungen auf die Europapolitik Englands und Schottlands haben würde. Ich denke, dass Schottland sehr proeuropäisch wäre. Was in England passieren würde, ist sehr schwer zu sagen. Die Lage ist zurzeit unübersichtlich.

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