Aachen - Aiman Mazyek: „Die Debatte über den Islam ist oft kindisch“

Aiman Mazyek: „Die Debatte über den Islam ist oft kindisch“

Von: Joachim Zinsen
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Aiman Mazyek: Unsere Gesellschaft hat zumindest in ihrem öffentlichen Diskurs Sanktionsinstrumente gegen Antisemitismus entwickelt. Ähnliches wünsche ich mir auch für den Bereich islamfeindlicher Straftaten. Foto: Michael Jaspers
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„Ich bin ein Verfechter der Freiheit“: Aiman Mazyek im Gespräch mit einer Redakteursrunde.

Aachen. Viele reden derzeit über den Islam. Wir haben mit einem Vertreter der Religionsgemeinschaft gesprochen. Aiman Mazyek ist einer ihrer profiliertesten Köpfe. Bei einem Besuch des Zeitungsverlags Aachen stellte sich der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime den Fragen einer Redakteursrunde. Joachim Zinsen hat das Gespräch protokolliert.

Herr Mazyek, seit Jahren wird darüber diskutiert, ob der Islam zu Deutschland gehört. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat die öffentliche Debatte vor wenigen Wochen wieder aufgewärmt. Wie kommt das bei Ihnen an?

Mazyek: Es gibt eine wichtige und immer größere Gruppe von Muslimen, für die Deutschland wie selbstverständlich ihre Heimat ist. Sie sind hier geboren, sie sind hier aufgewachsen, sie sind hier verwurzelt. Das gilt auch für mich persönlich. Aachen ist meine Geburtsstadt, meine Heimat. Trotzdem wird der Islam oft immer noch als etwas Fremdes betrachtet. Muslime gelten per se als Migranten. Dieses Bild hat sich in der Öffentlichkeit durch den Zuzug vieler muslimischer Flüchtlinge wieder etwas verstärkt. Doch es widerspricht dem Selbstverständnis der Mehrheit der Muslime und der Realität. Sie verstehen sich als Deutsche und den Islam als eine deutsche Religionsgemeinschaft.

Was konkret vom Islam gehört zu Deutschland?

Mayzek: Die Debatte darüber ist oft unreif, ja kindisch. In unserer Gesellschaft gelten Regeln, wir haben eine Verfassung. Daran muss sich jeder halten, der zu Deutschland gehören will. Ich habe auch mit dem Begriff „deutsche Leitkultur“ nur dann ein Problem, wenn der Slogan als Abgrenzungsversuch benutzt wird und er Menschen an den Rand schieben soll. Genau das aber geschieht leider viel zu oft.

In konservativen Kreisen heißt es: Die hier lebenden Muslime sind ein Teil Deutschlands, nicht aber der Islam.

Mazyek: Eine Religion ist immer die Summe ihrer Anhänger. Hören wir doch endlich auf mit dem ständigen Dozieren darüber, wer und was denn nun zu Deutschland gehört. Es ist eine rein emotionale Debatte, die an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Sie bringt uns nicht weiter.

Gleichzeitig wird oft behauptet, die deutsche Gesellschaft basiere allein auf einer abendländischen, christlich-jüdischen Kultur.

Mazyek: Zum einen: Historisch gibt es auch sehr viele Anknüpfungspunkte zwischen Deutschland, Europa und dem Islam. Zum anderen: Konfrontieren Sie einmal einen jüdischen Vertreter mit dem Begriff „christlich-jüdisches Abendland“. Er wird schlucken. Denn er verbindet damit oft – und historisch völlig zu Recht – Vertreibung, Pogrome und den Holocaust.

Was hat die von Seehofer erneut angestoßene Debatte unter Muslimen ausgelöst?

Mazyek: Ein großes Kopfschütteln. Denn es ist ja keine Debatte, sondern ein Signal: Ihr gehört nicht zu uns. Gut, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel das erneut zurechtgerückt hat.

Sind Sie überrascht, dass diese Platte immer noch aufgelegt wird?

Mazyek: Ja. Wir stehen in Deutschland vor vielen großen Herausforderungen. Es ist gruselig, wenn so getan wird, als sei der Islam das einzige Thema Deutschlands, was uns einfällt.

Hat Seehofers Aufschlag auch zu Ausgrenzungsgefühlen unter Muslimen geführt?

Mazyek: Leider ja. Und dies ausgerechnet nach eine ganzen Anschlagsserie auf Moscheen. Wir erleben seit mehreren Jahren, dass immer häufiger Muslime und muslimische Einrichtungen attackiert werden. Doch statt Solidaritätsbekundungen und Signalen des Zusammenhalts oder auch stärkeren Sicherheitsvorkehrungen kamen ausgrenzende Signale.

Zur gleichen Zeit haben Sie nach Morddrohungen die Geschäftsstelle des Zentralrats der Muslime in Köln geschlossen. War das ein Hilferuf an die deutsche Mehrheitsgesellschaft?

Mazyek: Es war in erster Linie ein Zeichen gegenüber unseren Mitarbeitern in Köln. Sie mussten im vergangenen Jahr mehrfach mit massiven Drohungen leben. Teilweise waren sie so schlimm, dass die Mitarbeiter mit Polizei-Eskorte ins Büro gebracht oder von dort wieder abgeholt wurden.

Ist das für Sie Ausdruck einer insgesamt gewachsenen Islamfeindlichkeit in Deutschland?

Mazyek: Ich fürchte ja. Erst seit 2017 werden islamfeindliche Straftaten gesondert registriert. Ihre Zahl ist erschreckend hoch. Sie beläuft sich auf fast tausend Delikte. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Denn zum einen sind unsere Sicherheitsbehörden für das Thema islamfeindliche Straftaten bisher kaum sensibilisiert und geschult. Zum anderen wenden sich viele muslimische Betroffenen erst dann an die Polizei, wenn zum Beispiel zum wiederholten Mal ihre Moschee mit Naziparolen beschmiert oder anderweitig geschändet worden ist. Generell gibt es eine besorgniserregende Radikalisierung an allen Rändern unserer Gesellschaft. Das gilt besonders für Rechtsextremisten, aber auch für Nationalisten und Linksextremisten. Auch Muslime sind leider von solchen Tendenzen nicht verschont, beispielsweise durch radikale Salafisten.

Gestiegen sind in Deutschland gleichfalls antisemitische Straftaten. Ist bei ihnen die Ermittlungsintensität der Polizei höher als bei islamfeindlichen Delikten?

Mazyek: Die Ermittlungsbehörden sind zum Glück für das Erkennen von antisemitischen Straftaten besser geschult, aber auch hier gibt es noch Luft nach oben. Zudem hat unsere Gesellschaft zumindest in ihrem öffentlichen Diskurs funktionierende Sanktionsinstrumente gegen Antisemitismus entwickelt. Ähnliches wünsche ich mir auch für den Bereich islamfeindlicher Straftaten.

Antisemitismus gibt es aber auch unter Muslimen.

Mazyek: Ja, leider. Daraus habe ich nie einen Hehl gemacht. Wir müssen ihn bekämpfen. Aber das geschieht nicht, indem Ressentiments gegen den Islam und alle Muslime geschürt werden. Wir sollten stattdessen Ross und Reiter nennen.

Dann machen Sie es bitte!

Mazyek: Der ungelöste Nahost-Konflikt bereitet immer wieder Boden für Rassismus und Ressentiments. Dennoch müssen wir Politik und Religion trennen und uns dem Zusammenleben in Deutschland mit unseren deutschen jüdischen Nachbarn widmen, als Deutsche und als Muslime. Ein Teil der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, wurden in ihren Herkunftsländern antijüdisch sozialisiert. Doch weder aus dem jüdischen Glauben noch aus dem Islam lässt sich Hass ableiten. Im Gegenteil, beide stehen in ihrem Kern für Toleranz und Respekt vor dem anderen, darauf setzen unsere Konzepte.

Erreicht ihr Zentralrat überhaupt Muslime mit antijüdischen Vorurteilen?

Mazyek: Über unsere 300 Gemeinden und deutschlandweit zwölf Patenschaftsbüros erreichen wir einen beträchtlichen Teil. Auf unsere Initiative hin besuchen junge muslimische Flüchtlinge und jüdische Jugendliche in diesem Jahr gemeinsam Auschwitz. Wir haben zudem den Vorschlag gemacht, dass Imame und Rabbiner Seite an Seite in Schulen auftreten. Damit lösen wir nicht alle Probleme. Aber es sind Ansätze dazu.

Sollten Besuche in KZ-Gedenkstätten für junge muslimische Flüchtlinge und Schüler verpflichtend sein?

Mazyek: Ich halte nichts von Zwang. Er provoziert häufig nur Widerstand. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Besucherprogramme, beispielsweise seit Jahren nach Buchenwald, auf freiwilliger Basis sehr hohen Zulauf haben.

Aber das sind doch sicherlich in der Mehrheit junge Menschen, die für das Thema längst sensibilisiert sind. Was ist mit Flüchtlingen, die auf antijüdischem Kurs sind?

Mazyek: Jene mit klar antisemitischen Einstellungen zu erreichen ist generell schwierig. Ziel unserer Präventionsarbeit ist es, ein Umfeld zu schaffen, das menschenfeindliche Ideen zurückdrängt. Unser Glaube steht dafür Pate. Durch Aufklärung in der Religion wollen wir das Abgleiten in Extremismus verhindern. Einige Flüchtlinge mögen zwar Vorurteile aus ihrer Heimat gegen Juden mitgebracht haben. Gleichzeitig aber sind sie vor einer Diktatur und vor Gewalterfahrungen geflohen. Sie stehen also kritisch gegenüber ihrer Vergangenheit. Da setzen wir an. Wir haben ein Programm aufgelegt, das Verfolgte aus der Nazi-Zeit oder deren Nachfahren mit Flüchtlingen zusammenbringt. Wenn sie miteinander reden, sind das häufig erhabene und gleichsam sehr intensive Momente, weil beide Seiten schnell Verständnis füreinander entwickeln.

Ist das der Grund, weshalb ihre Programme unter einigen Muslimen auf teilweise aggressiven Widerstand stoßen?

Mazyek: Es gibt auf beiden Seiten radikale Kräfte, die unsere Arbeiten als Showprogramme diffamieren wollen. Aber das wird uns nicht daran hindern, sie weiter zu verfolgen.

Die Islamophobie in Deutschland ist sicherlich auch durch den Zuzug der vielen Flüchtlinge verstärkt worden. Gibt es deshalb unter Muslimen einen Vorbehalt gegen weitere Migranten?

Mazyek: In der muslimischen Gemeinschaft lassen sich manchmal ähnliche Entwicklungen wie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft beobachten. 2015 erlebten wir eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Viele Gemeinden öffneten ihre Moscheen als Unterkunft für Flüchtlinge. Nach und nach gab es dann auch kritische Fragen von Gläubigen. Etwa: Werden unsere Moscheen jetzt dauerhaft zu Schlafgemächern? Heute betrachten auch manche Muslime Flüchtlinge als Konkurrenten. Beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt. Oder bei der Wohnungssuche. Das sind menschlich verständliche Sorgen. Aber sie dürfen nicht zu einer Ausgrenzung und zu einer Ablehnung von Flüchtlingen führen. Dagegen müssen wir auch in den Moscheen reden und predigen.

Der Zuzug von muslimischen Flüchtlingen verändert die muslimische Gemeinschaft. Verstärkt er die Bildung von Parallelgesellschaften?

Mazyek: Der Begriff Parallelgesellschaft ist ein politisches Schlagwort. Natürlich gibt es Schwierigkeiten. Einerseits erleben wir muslimische Flüchtlinge, die sich innerhalb kürzester Zeit sehr gut integrieren und hervorragend Deutsch sprechen. Anderseits gibt es Flüchtlinge, die versuchen, in Deutschland so zu leben wie in ihrer alten Heimat. Das funktioniert natürlich nicht. Dadurch entstehen Spannungen, die sich bis hinein in die Vorstände mancher Moscheevereine auswirken. Beim Umgang mit solchen Problemen können wir sehr viel von den jüdischen Gemeinden lernen. Sie standen Anfang der 90er Jahre durch den Zuzug vieler Gläubiger aus dem Osten vor ähnlichen Turbulenzen wie jetzt die muslimische Gemeinden.

Sie haben vor Jahren gesagt, von den Flüchtlingen werde allenfalls die Hälfte dauerhaft in Deutschland bleiben. Sehen Sie das heute immer noch so?

Mazyek: Ja. Einige der Flüchtlinge sind ja bereits zurückgekehrt. Manche freiwillig, andere unter Zwang. Künftig muss es auch darum gehen, Flüchtlinge möglichst nahe an ihren Heimatländern anzusiedeln. Wenn dann im Fall des Syrien-Krieges das Totalversagen der Welt – vor allem der arabischen – endlich endet und die Waffen dort endlich ruhen, finden sie von dort leichter zurück in ihre alte Heimat. Syrien zum Beispiel leidet derzeit doch nicht nur unter katastrophalen menschlichen Verlusten, sondern erlebt eine massive Abwanderung von Fachkräften. Für den künftigen Wiederaufbau des Landes ist das fatal.

Eine letzte Frage, Herr Mazyek. In Nordrhein-Westfalen wird über ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren diskutiert. Was halten Sie von dem Vorstoß?

Mazyek: Ich bin ein Verfechter der Freiheit. Also: Kein Zwang zum Kopftuch und keinen Zwang, es nicht zu tragen. Außerdem haben wir genügend dringendere Probleme in den Schulen: Lehrermangel, Ausstattung, Gewaltentwicklungen und Mobbing, um nur einige zu nennen. Politik möchte sich dieser Themen bitte ernsthaft zuwenden, dann ist uns allen geholfen.

 

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