Wiedervereinigung aus einer anderen Perspektive

Von Philipp Schröders 21.10.2009, 16:55

Aachen. Für die meisten Deutschen ist der 9. November 1989 ein prägnantes Datum. Viele Bundesbürger können sich genau daran erinnern, wie sie den Tag des Mauerfalls erlebt haben. Der niederländische Journalist Jos van Wersch weiß ebenfalls, wo er am 9. November war.


Er saß mit 200 euphorischen Deutschen in einem Flugzeug auf dem Weg nach Berlin. Bald kam eine Frage auf: «Wie, Sie sind Holländer, was wollen Sie denn hier?»

Einen etwas anderen Blick auf die Ereignisse des 9. November vermittelten die Teilnehmer der Diskussionsrunde «Erlebte Geschichte - Mauerfall und Ende der DDR» bei der Volkshochschule Aachen.

Für Manfred Schmitz, Politikwissenschaftler an der RWTH Aachen, hat der 9. November «erst im Nachhinein seine Bedeutung bekommen.» Schmitz denkt, dass die ersten Montagsdemonstrationen «politisch bedeutender» waren. Frederik Schnuck, Redakteur beim belgischen Rundfunk in Eupen, erklärte, den 9. November ebenfalls nicht bewusst erlebt zu haben. Marcel Stiennon, Präsident der Deutsch-Belgischen Gesellschaft zu Lüttich, war dagegen von dem Ereignis begeistert: «Viele Freunde aus der DDR haben mich angerufen, ich war erleichtert.»

Kontrovers diskutierten van Wersch und die beiden Belgier die Einschätzung der Wiedervereinigung durch ihre Landsleute. Der Niederländer erklärte: «Die Holländer hatten die Erzählungen ihrer Großeltern nicht vergessen. Viele dachten, Deutschland werde zu groß in Europa.» Laut Stiennon hatten die Belgier dagegen keine Angst vor dem wiedervereinigten Deutschland. «Bei uns sind die Ressentiments kaum noch lebendig.» Schnuck bestätigte diese Aussage.

Für die Leistung der Wiedervereinigung waren der Niederländer und die zwei Belgier voll des Lobes: «unwahrscheinlich» (van Wersch), «erstaunlich und geschichtsgegenläufig» (Schnuck), «ein gelungenes Unternehmen» (Stiennon). Dies sah der deutsche Wissenschaftler allerdings völlig anders. Schmitz bemängelte, dass die DDR von der Bundesrepublik einverleibt worden sei. «Als DDR-Bürger wäre ich sauer gewesen, denn eine neue Verfassung hätte dem Gebilde gut getan.»


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