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Toilettenpapier mit „festlichen” Motiven und Spekulatius-Duft

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Berlin. Vorweihnachtszeit: „Last Christmas” schallt durch die Kaufhäuser, Kunden drängen sich in der Medienabteilung um Ballerspiele und schlürfen auf dem Heimweg hastig Milchkaffee mit Lebkuchenaroma. Es ist die Zeit der Besinnlichkeit.

Gut, wenn Adventsgestresste dann Zuhause endlich zur Ruhe kommen können. An einem stillen Ort. Oder auf dem stillen Örtchen - in weihnachtlicher Atmosphäre, versteht sich.

Denn die festliche Stimmung muss heute nicht mehr an der Klotür enden. Setzt man sich im frühen Winter auf die Klobrille, kann es passieren, dass einen ein Rentier von der Toilettenpapierrolle aus anstarrt. Neben Cafékettenbesitzern und dem Einzelhandel wittern offenbar auch die Klopapierhersteller inzwischen das große Weihnachtsgeschäft und drucken Weihnachtsmänner, Eisblumen oder Pinguine auf das Papier. Das Geschäft mit Weihnachtsartikeln hat sich bis in die Toiletten der Republik ausgebreitet.

Diplompsychologe Jens Lönneker, Inhaber und Geschäftsführer des Rheingold Salons, der zum Rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen gehört, wundert das nicht. „Man sollte nicht unterschätzen, wie viele Menschen sich gerne auf allen Ebenen weihnachtlich einrichten”, sagt er. „Da werden ja ganze Häuser verkabelt und mit Beleuchtung ausgestattet, sodass sie praktisch nicht mehr wiederzuerkennen sind.” Auch weihnachtlich bedrucktes Klopapier finde seine Abnehmer.

Weihnachtsbäckereiduft für den Lokus

Damit aber nicht genug: Einige dieser Klopapierrollen duften. In den vergangenen Jahren waren etwa die Aromen Spekulatius oder Zimt zu haben. Reißt man eine Packung mit der Aufschrift „Weihnachtsduft” auf, breitet sich ein süßlicher Vanillegeruch aus, der stark an billige Eiscreme erinnert. Fehlt eigentlich nur noch Kanalisationsbeschallung mit dem Lied „In der Weihnachtsbäckerei”, um die Adventsfeier perfekt zu machen.

Für dieses seltsame Produktdesign hat Lönneker eine tiefenpsychologische Erklärung. Zum einen trügen Düfte in der dunklen Jahreszeit dazu bei, die Wohnung heimeliger zu machen. Zum anderen spielt das Toilettenpapier wohl auf unser inneres Kind an. „Die Beschäftigung mit Kot macht Kindern in der frühen Kindheitsphase Freude. Im Rahmen der Kulturentwicklung wird es ihnen abtrainiert und mit Ekel belegt”, erklärt er. Mit dem bedruckten, parfümierten Papier könne man diese Phase noch mal in einer „kultivierten Form” ausleben. „Es ist also kultiviert und unkultiviert zugleich.”

Die Welt käme auch ohne Rentier-Klopapier zurecht

Für einen reinen Gag hält Lönneker das Produkt nicht. Ein nennenswerter Teil der Menschen werde wohl Spaß an dem parfümierten Rentierpapier haben, sagt er lachend. Das Papier werde seine Käufer finden. Wie viele, bleibt erst einmal ein Geheimnis - auch auf Nachfrage wollten zwei große, deutsche Drogerieketten, die solche kuriosen Produkte seit 2006 führen, das nicht mitteilen. Eines ist Toilettenpapier (ob nun mit oder ohne Duft und dekorativem Aufdruck) aber sicher nicht: Ein Ladenhüter. Im Zeitraum zwischen Oktober 2011 und September 2012 kauften die Deutschen den Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) nach insgesamt 2,98 Milliarden Rollen trockenes Klopapier ein. Ein Haushalt verbraucht damit durchschnittlich 79 Rollen im Jahr.

Einen „Schnelldreher” nennt die Sprecherin einer Drogeriekette Toilettenpapier gar. Es sei ein Artikel, „der regelmäßig und in gleich bleibender Stückzahl” gekauft werde. Er komme schnell in die Märkte und verlasse diese auch rasch wieder.

Warum dann also der Aufwand? „Die Welt käme auch ohne mit Rentieren bedrucktes Klopapier zurecht”, räumt Lönneker ein. „Aber es ist doch so: Wenn es schon mal da ist, wird es auch Leute geben, die das klasse finden und kaufen.” Zwar lasse sich das Volumen an verkauften Klopapierrollen mit den Weihnachtsaufdrucken wohl nicht steigern, die Preise aber schon. „Wer es denn mag, ist wahrscheinlich bereit für bedrucktes oder parfümiertes Klopapier mehr zu bezahlen, als für einlagiges, recyceltes”, meint Lönneker.
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