Strandgut im Netz: Schlappen, Schluppen und verlorene Sohlen

Von: Alexandra Balzer, dpa
Letzte Aktualisierung:
Rheinschuh
Seit 2003 ist die Seite http://www.rheinschuh.de online und kann von jedermann mit Bildern „gefüttert” werden.

Bonn. Ganz schön mitgenommen sieht er aus. Die Zunge hängt schlaff zur Seite heraus und weckt den Anschein, als gehöre sie einem Hund, der in einer Pfütze seinen Durst stillt. Der linke Herren-Boot-Schuh, „Alter Bekannter” betitelt, ist eines der rund 3200 „Exponate”, die es in die virtuelle Fotoausstellung von Silke und Normen Kowalewski aus Bonn geschafft haben.

Seit 2003 ist die Seite http://www.rheinschuh.de online und kann von jedermann mit Bildern „gefüttert” werden.

Die Idee zu der Aktion kam dem Paar beim Rhein-Spaziergang fernab des Weges. Immer wieder „stolperten” die beiden über angeschwemmte Schuhe. „Es ist merkwürdig und faszinierend”, sagt die 46-Jährige. „Man stellt sich die Frage, warum so ein persönlicher Gegenstand im Rhein landet und wer wohl sein Besitzer war.”

Plastikschlappen, Plüschschluppen und Latschen in allen möglichen Farben und Formen gehen augenscheinlich ebenso leicht verloren wie Halb- und Turnschuhe. Und auch wadenhohe Stiefel aus Leder oder Gummi fallen öfter vom Fuß als vermutet. Kuriosester Fund der Kowalewskis: eine noch ansehnliche Frauenstiefelette mit hohem Pfennigabsatz. Ein Schuh, der weder zum Spaziergang noch zum Grillabend am Rheinufer taugt.

Einmal fanden die Kowalewskis einen besonderen Latschen: „Darauf standen eine Telefonnummer und eine Nachricht”, erzählt die Grafikdesignerin. „Ich habe dort angerufen und erfahren, dass der Latschen bei Mainz in den Rhein geworfen worden war um zu schauen, ob es eine Reaktion darauf gibt - eine richtige Schuhwasserpost”, die 150 Rheinkilometer später ihrem Finder vor die Füße gespült wurde.

Vor allem Männer verlieren in Rheinnähe wohl öfter mal einen Schuh, der später wieder angespült wird - doppelt so oft sogar wie Frauenschuhe. „Die meisten Schiffer und Ruderer sind Männer”, lautet die Theorie der 46-Jährigen. „Vielleicht achten Frauen aber auch besser auf ihre Schuhe.” Geschlechterübergreifend sind es meist die rechten Treter, die es wieder an Land schaffen. „Das ist nicht zu erklären.”

Nach dem vergangenen Hochwasser erlebte die Fotosammlung mit mehr als 80 neuen Bildern seit Jahresbeginn einen wahren Schub. Und auch jetzt, wo die Pegeluhren den niedrigsten Stand in einem Mai seit 100 Jahren anzeigen, lugen zwischen Geröll und Geäst Senkel und Sohlen hervor. Auch Orkan Kyrill wirbelte Anfang 2007 viele Treter an Land: „Am Tag danach haben wir auf einer Strecke von drei Kilometern 40 Schuhe gefunden”, erzählt die Sammlerin. Die Treter bleiben übrigens am Fundort liegen. Und so kommt es vor, dass der ein oder andere an mehreren Stellen auftaucht und fotografisch festgehalten wird.

Auch Schuhfragmente haben eine Chance - 600 sind es mittlerweile: Von der Strömung mitgenommen blieben nur noch schrumpelige Sohlen und abgeknickte Absätze übrig. Andere fielen zusätzlich noch dem Zahn der Zeit zum Opfer: „Gunther” beispielsweise, der sich aus den Fluten retten konnte, oder „Groggi” - beide nur mit viel Fantasie als Schuhe zu identifizieren. Manches Paar hält sogar noch nach dem Fall ins kalte Wasser zusammen: „Erst haben wir den rechten Schuh entdeckt und ein paar hundert Meter weiter lag der linke”, erzählt die 46-Jährige.

Im Sammelsurium der alten Treter gibt es aber noch Kurioseres zu entdecken: einen alten, starren Rollschuh namens „Sand im Getriebe”. Die Schrauben rostig und zu nichts mehr zu bewegen tauchte er Höhe Rheinkilometer 743 bei Düsseldorf auf. Gebrauchsspuren weist auch ein Stiefel auf: Kleiner als ein Daumen schaffte er es am Niederrhein an Land. Der Finder vermutet, dass der „Mikrocowboy” eingelaufen sein muss - oder im früheren Leben Requisit in einem Animationsfilm war.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert