Aachen - Zwischen Lebensfreude und Fatalismus: Gabriela Montero

Zwischen Lebensfreude und Fatalismus: Gabriela Montero

Von: Michael Loesl
Letzte Aktualisierung:
Da lacht sie, die Gabriela Mon
Da lacht sie, die Gabriela Montero: Auf ihrem neuen Album „Solatino” vertont sie ihr Seelenleben - mit Hilfe des Konzertflügels. Foto: Colin Bell/EMI

Aachen. „Manchmal”, lacht Gabriela Montero, „versuchen wir unseren Geist zu überlisten, der Realität ein Schnippchen zu schlagen. Aber wehe, wenn der Geist zurückschlägt!” Ihr damals nahender 40. Geburtstag - sie wurde am 10. Mai 1970 geboren - stellte die Venezolanerin mit Wohnsitz Boston Ende vorigen Jahres auf die Realitätsprobe.

Als Mutter zweier Töchter dachte sie, sich ihrem Alter entsprechend erwachsen fühlen und kleiden zu müssen. „Ich kaufte mir Blusen mit großen, hässlichen Blumenmustern und fühlte mich augenblicklich steinalt. Jetzt bin ich 40, und die Panik vor dem Alter ist verflogen, weil ich feststellte, dass Altersbewusstsein oft mit selbst auferlegtem Schwindel einhergeht.”

Das Lachen der Pianistin ist ansteckend, ihre Körpersprache wirkt jugendlich-ungestüm, ihre schönen, braunen Augen verraten Sensibilität und Neugierde. Der Tag in Hamburg ist wie gemacht für die neue Audio-Frohbotschaft der Montero. Draußen senkt die Sonne ihre wärmenden Strahlen auf die Hansestadt. Drinnen verleiht die Aura der Improvisationsmeisterin unter den weltweit renommierten Klassikpianisten dem schicken Design-Interieur des Altonaer Hotels wärmenden Glanz.

Kreis schließt sich

Ihr spanischer Akzent verleiht ihrem makellosen Englisch eine besonders nonchalante Note, wenn sie über ihre neue Einspielung „Solatino” redet. Es ist ihr bislang leidenschaftlichstes Album geworden. Lebensfreude, Fatalismus, Melancholie und Sehnsüchte ihrer lateinamerikanischen Heimat erfahren eine anmutige, gleichzeitig ausgesprochen lockere Neudefinition von der „Halbalten”, wie sie sich selbstspöttisch nennt.

Den Konzertflügel nutzt sie diesmal zur Vertonung ihres Seelenlebens. „Solatino” ist Gabriela Monteros mitreißendes Seelenbekenntnis, was sie nicht zuletzt mit einer besonderen Betonung ihres neuen Albumtitels unterstreicht. Der aus den spanischen Vokabeln „Sol” und „Latino” zusammengesetzte Neologismus „Solatino” klingt wie „Soul-Latino” aus dem Mund seiner Entdeckerin. Für sie schließt sich damit ein Kreis, der sie als Jugendliche ihre Heimatstadt Caracas verlassen ließ, um sich als Stipendiatin an der US-amerikanischen Ostküste und an der Londoner Royal Academy of Music am Piano ausbilden zu lassen.

Ihre kleinen, zarten Hände, wegen denen sie immer mal wieder auf Notiertes in Partituren verzichten muss, wie sie erzählt, waren kein Hinderungsgrund für den dritten Platz beim Warschauer Chopin-Wettbewerb und für hochgelobte Recitals auf internationalen Konzertbühnen. Trotzdem gilt Montero als polarisierendes Pianisten-Genie. Altbackenen Konzertritualen begegnet sie mit Improvisationstalent, schafft damit Dialoge zwischen ihr und ihrem Publikum, die im Klassikbetrieb der Neuzeit ihresgleichen suchen. Dabei kehrte mit Montero lediglich die hohe Kunst der Klassik-Improvisation zurück, die Gioachino Rossini in seiner Oper „Il Viaggio a Reims” forderte und förderte.

Monteros Lehrer versuchten vergeblich, ihrer widerborstigen Studentin die Kunst der musikalischen Momentaufnahme zu verbieten. Ihre berühmte alte Kollegin Martha Argerich ermutigte den Freigeist schließlich dazu, die spezielle Gabe weiter und wilder auf Konzertbühnen auszuleben. Mit außerordentlichem Erfolg. Ihre Improvisation über dem vom Publikum zugerufenen „Mer losse d’r Dom in Kölle” in der Kölner Philharmonie ist legendär, ihre freie Interpretation von Schumanns „Rheinischer Symphonie” in der Düsseldorfer Tonhalle war der perfekte, begeistert aufgenommene Brückenbau zwischen Jazz und Klassik.

„Solatino” ist mit Kompositionen lateinamerikanischer Komponisten wie Nazareth und Ginastera Monteros Heimkehr-Repertoire und, ergänzt mit eigenen Improvisationen, gleichzeitig Quersumme ihres bisherigen Schaffens, das, wie sie sagt, vor allem der Leidenschaft und Hingabe zum freien Ausdruck verpflichtet ist. Weit gefehlt, wer dabei an einen Improvisations-Fetisch oder sogar an den Gimmick-Effekt eines André Rieu denkt. Die Montero ist nicht zuletzt die originellste Pianistin der Gegenwart, weil sie mit Traditionen brechen kann, die sie begriffen hat. Am Montag, 18. Oktober, tritt sie um 20 Uhr in der Düsseldorfer Tonhalle auf.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert