Zwischen dröhnendem Applaus und drohender Armut

Von: Jenny Schmetz
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Ohne Schauspieler kein Theater
Ohne Schauspieler kein Theater: Dennoch verdienen diejenigen, die im Rampenlicht glänzen sollen, am Theater meistens am wenigsten. Foto: dapd

Aachen. Viele Kollegen haben ihr abgeraten, darüber zu reden. Das ist in der Branche einfach nicht üblich. Wer erzählt schon gerne, dass er miserabel verdient, obwohl er fest angestellt ist und auch mal 65 Stunden die Woche arbeitet?

Emilia Rosa de Fries ist Schauspielerin im Ensemble des Aachener Theaters. Im Rampenlicht, beklatscht und bewundert - so kennen wir die 25-Jährige. Nicht bekannt ist den meisten Zuschauern dagegen, wie wenig Geld sie für ihre Arbeit bekommt. Und sie ist kein Einzelfall, so ist das System.

In wohl kaum einem anderen Beruf herrscht ein solch krasses Missverhältnis zwischen öffentlicher Wahrnehmung und alltäglicher Realität, zwischen dröhnendem Applaus und drohender Armut. Wer denkt nicht an Glamour, Fans und Autogramme, wenn er hört „Ich bin Schauspielerin”? Klingt ja auch eindeutig aufregender als „Ich bin Sachbearbeiterin”. Das sexy Künstler-Image ist wohl mit schuld am verzerrten Berufsbild von Schauspielern.

Und vermutlich auch die Schauspieler selbst. Wer fragt, wie sie denn bezahlt werden, rennt in Nebelwände, hört viel von Diskretion und Schweigevereinbarungen, Konkurrenz und Marktwert. „Über so etwas spricht man eigentlich nicht”, sagt auch Schauspieler Mike Kühne (38), der seit sechs Jahren im Aachener Das Da Theater arbeitet. Geld - ein Tabuthema?

Eine Studie der Universität Hamburg kommt ebenfalls zu diesem Ergebnis: Theaterkünstler denken über ihr Beschäftigungsverhältnis selten so rational und kalkulierend nach wie andere Arbeitnehmer. Vielleicht weil ökonomische Begriffe und Zahlen der Theaterarbeit ihren künstlerischen Zauber der Genialität, Originalität, Unberechenbarkeit nehmen. Vielleicht weil dieser kreative Beruf - anders als ein Büro- oder Fabrikjob - von fast allen als Berufung empfunden wird.

„Es erfüllt mich, mich ausdrücken zu können, Figuren darzustellen, Geschichten zu erzählen, den Kontakt zum Zuschauer herzustellen”, sagt Emilia Rosa de Fries. „Das hat viel mit Herz zu tun. Mir geht es nicht ums Geld.” Genauso sieht das Mike Kühne: „Materieller Luxus ist für mich nicht relevant. Dafür gehe ich lieber jeden Tag zufrieden ,auf Arbeit”, sagt der gebürtige Sachse. Selbstverwirklichung also - und nicht Selbstausbeutung? „Selbstausbeutung? Ein bescheuertes Wort!”, findet Emilia Rosa de Fries.

Dennoch: Wie sehen sie aus, die nackten Zahlen? Das Einzige, was der Tarifvertrag für fest angestellte Schauspieler regelt, ist die Mindestgage. Sie beträgt an öffentlich getragenen Theatern in Deutschland derzeit 1600 Euro. Brutto. Alles, was darüber hinausgehen soll, muss der Schauspieler mit dem Intendanten frei aushandeln. Die Folge: Viele bleiben ihr Leben lang in den unteren Gagenregionen hängen. Wirkliche Spitzenlöhne erhalten nur die Stars, das heißt: sehr wenige.

Fette Honorare also neben Hungergagen: Wer es an eine der gut zwei Handvoll Spitzenbühnen in Deutschland schafft, kann 5000, 6000 Euro im Monat verdienen. Anders an den vielen kleinen und mittleren Stadttheatern: Am Theater Aachen etwa liegt der Schauspieler-Spitzenverdienst nach Angaben des Personalrats derzeit bei 3400 Euro, ein Anfänger bekommt rund 1700 Euro, plus 72 Prozent des Grundgehalts als Sommer- und Weihnachtszuschlag. Im Schnitt erhalten Schauspieler an öffentlich subventionierten Häusern in Deutschland rund 2500 Euro, am Theater Aachen 2180 Euro.

Für Emilia Rosa de Fries bedeutet das nach Abitur und vier Jahren Schauspielstudium: ein Verdienst knapp über Mindestgage, netto rund 1100 Euro. „Das ist zu wenig, gemessen an der Arbeit und Kraft, die dahintersteckt”, meint sie. Und betont gleichzeitig ihr „Privileg”: Wie Mike Kühne ist sie „sehr dankbar”, diesen Beruf ausüben zu dürfen.

Kritik üben andere: Etwa Adil Laraki, NRW-Vorsitzender der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger: „Ich finde es unmöglich, dass ein Profi, der vier Jahre studiert hat, mit 1600 oder 1700 Euro abgespeist wird.” Die Arbeitgeberseite sieht das naturgemäß anders: Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, sagt: „Unser Theatersystem ist das sozialste der Welt.” Zumindest gebe es Jahresverträge und eine betriebliche Altersvorsorge. Trotzdem sei das „Klassensystem am Theater”, sagt Emilia Rosa de Fries, nicht zu leugnen: „Finanziell gesehen, stehen Schauspieler in der Hierarchie ziemlich weit unten.” Aber: „Ohne die Schauspieler gäbe es gar kein Theater!”

Dennoch funktioniert das System so: Die, die im Rampenlicht glänzen sollen, verdienen am wenigsten - und Schauspieler meist am allerwenigsten. Chorsänger und Orchestermusiker werden dank anderer Tarifverträge und diverser Zuschläge - etwa für Überstunden - besser bezahlt. Auch ein ungelernter Beleuchter erhält in Aachen beispielsweise mehr als ein ausgebildeter Schauspieler-Anfänger. Angemessen findet Aachens Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck die Bezahlung von Schauspielern nicht - „genauso wenig wie die Gehälter für Krankenschwestern, Friseure oder Kindergärtnerinnen”, erklärt er. „Aber allein durch die Behauptung lassen sich die Gehälter leider nicht erhöhen. Dahinter müssen auch die Mittel stehen.”

Allzu viel Sicherheit bieten auch die Verträge nicht. Sie sind befristet und können zum Saisonschluss durch eine „Nichtverlängerungsmitteilung” problemlos beendet werden. Ein Kündigungsschutz existiert nicht, auch keine fest geregelte Arbeitszeit. 60 Arbeitsstunden in der Woche, zerstückelt auf sieben Tage, sind nicht unüblich.

Emilia Rosa de Fries hat das für diesen Artikel mal ausgerechnet, eigentlich zählt sie die Stunden ja nicht: Mit Vorstellungen und Proben kommt sie im Schnitt auf eine 52-Stunden-Woche. Und die Vorbereitung - etwa das Textlernen - ist noch gar nicht dabei. Urlaub hat sie in der Regel nur in der Sommerpause. Zuletzt ist sie eh nicht in Urlaub gefahren. „Ich will sparen”, sagt sie.

Und dann ist da die andere Spitze des Systems: Der Aachener Intendant äußert sich auf Anfrage nicht zu seinem Gehalt. Das ist die übliche Haltung. Man spricht nicht darüber, obwohl öffentliche Gelder fließen. Was Theaterchefs verdienen, wird eigentlich nur publik, wenn es Stunk gibt. Zuletzt wurde in Bonn bekannt, dass Generalintendant Klaus Weise von der Stadt ein Jahresgehalt von 320 000 Euro einstreicht - mehr als doppelt so viel wie Bonns Oberbürgermeister, auch deutlich mehr als die Bundeskanzlerin. Während die Bonner Bühnen und die freien Gruppen heftig sparen müssen.

Kenner der Szene halten an Mehrspartenhäusern in NRW schon ein Jahres-Einkommen von 150 000 Euro für ein gutes Intendanten-Gehalt. Schauspieler - die Geringverdiener. Intendanten - die Gutverdiener. Stimmt da die Relation? Erst recht in Zeiten des knappen Geldes?

Angesichts drohender Kürzungen der Kulturetats könnte sich die Lage sogar verschärfen. Denn am Theater sind eigentlich nur noch die künstlerischen Positionen zu beschneiden. Schauspieler als Sparmasse? „Die Tendenz, dass Schauspieler jahrelang auf dem untersten Gagenlevel verharren, nimmt zu - wegen der Sparmaßnahmen”, sagt der Gewerkschafter Adil Laraki. Außerdem wurden in den vergangenen Jahren immer weniger Festangestellte engagiert und immer mehr Gäste, die in der Regel noch weniger verdienen. Vor rund 20 Jahren waren noch 3089 Schauspieler an öffentlichen Theatern in Deutschland fest beschäftigt, jetzt sind es 2010.

Auch der Arbeitgebervertreter sieht die Gefahr: „Der Trend zur Abkehr vom Ensemblebetrieb ist ein Problem”, sagt Rolf Bolwin. Langfristig führe er zu „weniger Produktionen, weniger Zuschauern, weniger Kunst - aber zu mehr Ausgaben für Arbeitslosigkeit”. Und zu höherem Druck im schrumpfenden Ensemble. „2010 sind etliche Vorstellungen ausgefallen, weil einige Schauspieler längerfristig krank waren - auch wegen der hohen Arbeitsbelastung”, sagt der Personalratsvorsitzende des Aachener Theaters, Hans-Uwe Schulz.

Trotz aller Nachteile bietet das Stadt- und Staatstheater aber noch einen relativ geschützten Raum - im Vergleich zur freien Szene. Mike Kühne ist am Das Da Theater jeweils für eine Saison befristet angestellt und verdient 1100 Euro brutto im Monat, das sind netto rund 830 Euro. Für die freie Szene luxuriöse Bedingungen! „Wir zahlen sehr schlecht, aber zumindest zwölf Monate am Stück”, sagt der Chef des Das Da Theaters, Tom Hirtz. „Dazu bezahlter Urlaub und Bezahlung bei Krankheit - in der freien Szene gibt es das fast nie.” Dort ist es eher üblich, dass die Probezeit gar nicht vergütet wird, sondern Schauspieler nur pro Vorstellung bezahlt werden - wenn überhaupt.

Morgens ist Mike Kühne meistens mit dem Kinderstück unterwegs, in Schulen oder Stadthallen, abends Vorstellung im Stammhaus, dazwischen oft noch Proben, Fünf- bis 16-Stunden-Tage. Er hat schon als Schienenfahrzeugschlosser gearbeitet und im Sägewerk, er war Seemann, Bauarbeiter und Pizzataxifahrer, erst spät wurde er zum Schauspieler ausgebildet. Bereut hat er das nie, sagt Mike Kühne.

Finanziell sei es stellenweise schwierig, „aber ich nage nicht am Hungertuch”. Er müsse eben Abstriche machen. Das bedeutet: eine kleine, „sehr günstige Wohnung”, eher ein Bier von Lidl im Park als ein Kneipenbesuch, eher ein uralter Anzug von H&M als ein edler Zwirn, eher der grobe Stoff von Ikea als Satinbettwäsche. Zukunftsängste plagen ihn nicht. „Ich habe schon so viele andere Sachen gemacht, ich werde nicht mittellos auf der Straße stehen.”

Als „katastrophal” bezeichnet sein Chef Tom Hirtz den Arbeitsmarkt für Schauspieler. Immer mehr Künstler werden ausgebildet, der Markt ist gesättigt, der Leistungsdruck steigt. In dieser Situation beschreiben Soziologen (freie) Kulturschaffende schon als „Modernisierungsavantgarde”: Sie wissen, mit Knappheit und Unsicherheit umzugehen, sind mobil und flexibel, kompetent in Projektarbeit und Networking. Werden in der neoliberalen Zukunft immer mehr Menschen so wie sie arbeiten und leben (müssen)?

Ein Leben auf Nummer unsicher

Ein Leben auf Nummer unsicher: Wie will man auf der Basis von Zeitverträgen ein Leben planen? Partnerschaften eingehen, Kinder kriegen? Mike Kühne führt eine Fernbeziehung, Familienplanung „steht hinten an”. „Es kostet Kraft, sich außerhalb des Theaters so was wie ein Privatleben aufzubauen”, sagt Emilia Rosa de Fries.

Unsicherheiten, prekäre Arbeitsbedingungen, Ortswechsel, Leistungsdruck - das geht heute vielen so. Stimmt. Auch die „Generation Praktikum” kämpft mit ähnlichen Problemen. Künstler jedoch klagen meistens nicht - jedenfalls nicht laut und medienwirksam - und auch kaum auf politischer Ebene. An den Mangel, an Unbeständigkeit und Auftragsflaute sind sie gewöhnt.

Ein Umbau der Theaterlandschaft und ihres Subventionssystems, ein Arbeitsrecht für alle Theaterbeschäftigten halten manche für überfällig. Aber schwer umzusetzen. Schauspieler rufen auf der Bühne ja gerne mal die Revolution aus. Aber in der Realität? Wo ist die gesellschaftliche Lobby für Proteste? Wo die Solidarität unter den Künstlern? Mike Kühne lächelt: „Corinna Harfouch würde wohl nicht mit mir auf die Straße gehen.”
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