Zum Abschied donnern wieder die Kanonen

Von: Achim Kaiser
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Wilde Show: Keith Emerson malträtierte seine Hammond-Orgel stets mit Messern. Letztmalig trat er mit ELP im Rahmen der Welttournee 1997/98 in Deutschland auf. Das Foto entstand 1997 bei einem Open-Air-Konzert in Fulda. Foto: Achim Kaiser

Frankfurt. Der Termin ist zwar bestätigt, Zweifel, ob das Gespräch auch zustande kommt, sind aber durchaus berechtigt. Wie oft sind in der Vergangenheit Konzerte von Emerson, Lake and Palmer ausgefallen, 1992 gleich zweimal ausgerechnet in Frankfurt. Und nun soll das Gespräch mit Keith Emerson auch noch in der Mainmetropole stattfinden. Am Tag, bevor dem Engländer von der Stadt Frankfurt der Musikpreis verliehen wird.

Hilton Hotel, 12. Etage. In einer Art Glaskasten mit Blick über Frankfurt sitzt der Maestro. In den siebziger Jahren war er zweifelsfrei der beste, kreativste und wildeste Keyboarder auf der Welt, ein Superstar, der heute noch täglich auf seinen Tasten übt. „Wir haben hart mit ihm verhandeln müssen, damit er der Presse überhaupt ein wenig Zeit opfert”, heißt es vom Veranstalter.

So kommen nur wenige Medienvertreter in den Genuss, mit dem mittlerweile 65-jährigen Rockstar ein längeres Interview zu führen: zwei Kollegen von einem Radiosender, ein Reporter und ein Kameramann von einem Fachmagazin - und ich. Seit fast 40 Jahren begeistere ich mich für die Musik von Emerson, Lake and Palmer und bin der Band trotz einiger Rückschläge treu geblieben. Und so geht für mich mit diesem Treffen eine Art kleiner Lebenstraum in Erfüllung. Denn Emerson wollte ich unbedingt mal kennenlernen, die Ikone meiner Jugend, die meinen Musikgeschmack trifft wie kein anderer.

Eine flüchtige Begegnung hat es vor fünf Jahren nach einem Konzert der Keith Emerson Band in der Nähe von Mailand gegeben, doch daran kann sich der Tastenzauberer nicht mehr erinnern - geschenkt. Mein Idol wirkt etwas müde. „Jet-Lag”, sagt er. Am Nachmittag ist er mit seiner blutjungen und bildhübschen japanischen Freundin aus den USA eingeflogen. Es ist sein erster Besuch in Deutschland seit 1997, als er mit Greg Lake und Carl Palmer letztmals hierzulande unterwegs war. „So lange ist das schon her”, wundert er sich. Jetzt sitzt der Mann, der 1970 den Moog Synthesizer auf die Rockbühne brachte, vor mir und wirkt überaus freundlich und vor allem auskunftsfreudig.

Sein Verhältnis zur Presse war nicht immer so entspannt, sondern oft von Misstrauen geprägt. „Es gab Kritiker, die uns zerrissen haben, ohne sich mit unserer Musik zu beschäftigen”, sagt er.

Mit Kanonendonner wurde vor 40 Jahren der erste große Auftritt der damaligen sogenannten „Supergruppe” Emerson, Lake and Palmer beim Open-Air-Festival auf der Isle Of Wight eingeläutet. Das progressive Trio sorgte mit seinem symphonischen Rocksound und der bombastischen Bühnenshow in den Siebzigern weltweit für Furore. Hartnäckige Kritiker warfen der Band Effekthascherei und Größenwahn vor. Die Drei wurden geliebt oder gehasst.

Emerson malträtierte seine Hammondorgel mit Messern, entlockte dem riesigen Moog unbeschreibliche Klänge und machte einen Salto mit seinem Piano, das unter der Hallendecke an reißfesten Seilen befestigt war. Carl Palmer saß hinter einem drehbaren Riesen-Schlagzeug mit zwei überdimensionalen Gongs und Greg Lake sorgte mit seinem gefühlvollen Bassspiel und seiner ausdrucksstarken Stimme für den eher romantischen Touch in dem meist komplizierten Songmaterial. Lakes Balladen, Emersons Klassikadaptionen und seine unverwechselbaren Orgel-, Piano- und Synthesizer-Solis sowie Palmers schnelles, druckvolles Schlagzeugspiel waren das Erfolgsrezept der einst berühmten Prog-Rockband mit den drei Buchstaben ELP.

„Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du komponierst, denk daran, dass man die Melodie singen kann. Nur so kannst du viel Geld verdienen”, erzählt der mittlerweile in Santa Monica (USA) lebende Brite. „Da habe ich wohl nicht alles richtig gemacht. Aber Greg Lake sei Dank, dass er den teils vertrackten, obskuren Kompositionen eingängige Gesangslinien verpasst hat”, sagt Emerson mit einem Lächeln. Ein riesiges Vermögen ist ihm nicht geblieben. Zwar landete das britische Trio mit seinen Alben stets ganz weit vorne in den Charts, doch damals verschlangen Touren viel Geld. Während die Künstler heutzutage im Download-Zeitalter gegen vorher fest verhandelte Gagen live auftreten und so ihr Salär sichern, war es früher umgekehrt. Die Band verdiente an den verkauften Tonträgern, die Tour diente lediglich zur Promotion der neuen Langspielplatte.

„Ich weiß auch nicht warum, aber ich habe immer etwas obskure Dinge komponiert, keine Hits”, blickt Keith Emerson nachdenklich zurück: „Meine kreativste Phase war Mitte der siebziger Jahre. Das ist schon lange her. Die Zeit rast davon.” Er gerät ins Plaudern, wenn er von den Siebzigern spricht. Mit der umgearbeiteten, exzellenten Rockversion von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung” gelangten die Drei zu absolutem Weltruhm, 1973 brachten sie ihr Meisterwerk „Brain Salad Surgery” mit einer atemberaubenden Adaption von Alberto Ginasteras Toccata auf den Markt und vier Jahre später zelebrierte Emerson sein erstes Klavierkonzert.

Halbherziges Comeback

„Die Aufführung dieses Konzertes mit Orchester war der Höhepunkt unter all den vielen Gigs”, gerät die Keyboardlegende ins Schwärmen. Aber genau diese letzte Welttour 1977/78 brachte die Band an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Zwar waren die Hallen allesamt ausverkauft, doch liefen die Kosten für die riesige Crew samt 80-köpfigem Orchester derart aus dem Ruder, dass ELP nach ein paar Auftritten regelrecht pleite gingen und den Rest der Tournee ohne orchestrale Begleitung absolvieren mussten. Die aufkommende Punkbewegung gab den Prog-Rockdinosauriern den Rest. 1978 verschwanden sie von der Bildfläche.

14 Jahre später folgte ein halbherziges Comeback mit zum Teil herausragenden, abgespeckten Live-Auftritten, aber nur einem fast guten und einem eher ganz schwachen Album. Streitigkeiten wegen der Produktion einer weiteren CD bescherten dem mittlerweile weniger ambitionierten Trio das zweite Aus im Jahr 1998.

Im Juli 2010 soll nun die zweite und wohl letzte Reunion folgen. Beim High-Voltage-Festival in London sind ELP als Höhepunkt angekündigt. Es soll noch mal bombastisch werden - mit Kanonendonner wie vor 40 Jahren. Wird damit das endgültige Ende von Emerson, Lake and Palmer besiegelt? „Man muss alle Optionen offenhalten. Aber ELP ist eine Nostalgieband, Künstler wollen nicht nur alte Sachen spielen, sondern auch Neues präsentieren”, gibt der Vollblutmusiker zu bedenken: „Ich kann mir nicht vorstellen, noch mal so wie früher monatelang auf Tournee zu gehen.”

Carl Palmer dürfte daran auch kein Interesse haben. Der geschäftstüchtige Drummer tourt seit zehn Jahren regelmäßig mit seiner eigenen Band, im Gepäck nur ELP-Material, rund um den Globus. Außerdem ist der 60-Jährige seit 2006 wieder recht ambitioniert in der „Supergruppe” aus den achtziger Jahren engagiert: Asia. Und die Originalmitglieder der Band (inklusive Palmer) werden am Vortag des letzten ELP-Gigs auch in London auftreten.

Mit Greg Lake (62) ist Keyboarder Emerson im April auf US-Tour. Es soll ein „intimer Musikabend” werden, eine Art „unplugged”- Konzert. „Es geht aber nicht ganz ohne Elektronik, denn die Leute wollen meinen großen Moog-Synthesizer und die Hammondorgel sehen und hören. Ich bin ehrlich gesagt etwas unsicher, ob die Fans so etwas auch mögen”, gesteht Emerson. Während er als Künstler auf der Bühne ziemlich extrovertiert und selbstbewusst rüberkommt, wirkt er als Mensch ohne Pianos und Keyboards geradezu zurückhaltend und fast schon etwas von Selbstzweifeln geplagt.

Nach 30 Minuten ist dieses faszinierend intensive Gespräch beendet, die Kollegen vom Fachmagazin warten schon. Keith Emerson lächelt noch mal für das obligatorische Foto. „Danke für deine Musik. Sie bedeutet mir sehr viel”, sage ich ihm zum Schluss. „Danke dir auch, dass du sie hörst”, antwortet er und fügt hinzu: „Wir sehen uns in London.” Gerne, denke ich - und hoffe, dass Emerson, Lake and Palmer tatsächlich auch auftreten - ein letztes Mal.
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