Mönchengladbach - Wo ein roter Bierkasten in den Pool kracht

Wo ein roter Bierkasten in den Pool kracht

Von: Armin Kaumanns
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Premiere im Theater Mönchengladbach: Hier ist zurzeit Georg Büchenrs Drama „Dantons Tod” in einer Inszenierung von Thorsten Duit zu sehen mit Sven Seeburg (3. von links) als „Georg Danton”, Ronny Tomiska (v.li.) als „Zuschauer”, Frederik Leberle als „Camille Desmoulins”, Adrian Linke ist „Philippeau” und Ralf Beckord verkörpert, den „Robespierre”. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Wer zurzeit das Mönchengladbacher Theater besucht, sollte sich warm anziehen. Zum einen hat die marode Lüftung ihre Probleme mit den eisigen Außentemperaturen. Zum anderen gibt es am Ende jeder Vorstellung eine geballte Ladung Politik.

Ein Schauspieler liest eine Resolution vor, in der das Publikum aufgerufen wird, zum Erhalt des Hauses seine Stimme zu erheben. Dazu machen seine Kollegen neben ihm Front zum Saal, die Gäste unter ihnen tragen ein (ziemlich blutrotes) Kreuz vor dem Bauch, zum Zeichen, dass sie ohne bewilligten Nachtragshaushalt nicht mitspielen dürften.

Bei der jüngsten Premiere stand Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod” an - auch das mit einer gehörigen Portion Agitationstheater.

Regisseur Thorsten Duit hat Büchners Text mutig zusammengestrichen und im Wesentlichen auf drei Figuren der französischen Revolution zugespitzt: den aufrichtigen aber auch selbstverliebten Danton, der die Blutströme der Revolution stoppen will, Robespierre, den Sachwalter der „Tyrannei der Tugend” und Oberbefehlshaber der Guillotine sowie und den Zyniker unter den Mächtigen, St. Just.

In dieser Konstellation werden die Themen verhandelt, mit denen sich der Vormärzdichter und Jung-Revolutionär Büchner 1835 herumschlug, mitten in den Wehen der deutschen Revolution. Das sind die zeitlos großen Fragen nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nach der Gewalt als Mittel im politischen Kampf, nach Macht und Gerechtigkeit.

Büchner behandelt das jung, frech, unglaublich ernsthaft und voller Poesie zugleich. Duits Fassung vereinfacht, seine Inszenierung will auch für lernunwillige Oberstufenschüler verständlich sein („Dantons Tod” ist Abistoff). Aber sie verliert sich in der Agitation - im Spiel auf der Bühne selbst wie im Bezug zum Publikum. Gleichwohl hat sie ihre Stärken.

Da ist zunächst die Idee, Vater, Mutter und zwei Kinder von heute, einfache Verhältnisse, vor die Bühne aufs Sofa zu setzen. Glotze an, Liveübertragung der neuen Hinrichtungen. „Revolution is´ cool”, erklärt der Knabe seinem Schwesterlein, und der Zuschauer erfährt ganz nebenbei, wer bei der Sache gut und böse ist. Erst dann schwenkt die Aufmerksamkeit zur komplett verspiegelten Bühne (Versailles, Spiegelsaal!), auf die Robespierre einen wunderbar scheppernden roten Bierkasten zum Takt der Guillotine niedersausen lässt.

Inzwischen sind durch die Türen des Parketts gröhlend applaudierende Bürger aufgetreten, die schwarze Kapuzenschirts mit den drei Schlagworten der Revolution tragen. Diese „liberté”, fraternité” kommen später auch in roten Lettern auf die Spiegel, das dritte Wort kommt allerdings nur bis „egal”.

Als durchaus kreativ erweist sich auch der Umgang mit der Marseillaise, mit der Duit den Komponisten Juan Garcia beauftragt hatte, und dessen überraschend vielgestaltige Fassungen sich als überaus tauglich zum Gebrauch in der Kirche, im Bordell, auf dem Marktplatz und als Folterinstrument erweisen.

Große Zeichenhaftigkeit entwickelt ein die Bühne beherrschendes Wasserbecken, das sich zum Anrichten immer neuer Blutbäder eignet. Bühnenbildner Michael S. Kraus hat vorzüglich gearbeitet.

Sie brüllen oder leiern

Allerdings lässt Duit seine durchaus motivierten Schauspieler vorwiegend brüllen oder leiern. Sven Seeburg als Danton ist so ein Lauter, ein Agitator in Sachen der Mäßigung, der nur einmal kurz, in den Armen einer Hure, einen Hauch von Poesie erfährt.

Ralf Beckord als Robespierre gibt kaum mehr als eine steife, graugeschniegelte Figur ab, seine Diktion ist undifferenziert. Allenfalls Frederik Leberle (als Desmoulins) und in tragender Rolle Stefan Diekmann als Fiesling Saint-Just beherrschen die Kunst, mit dem Klang ihrer Stimme Text und Inhalt zum Sprechen zu bringen. Diekmann kann ganz leise zynisch sein, und dabei jedem Wort jene Farbe und Bedeutung einhauchen, die seine Figur in der Ambivalenz hält.

Das Publikum im Saal sieht sich dauernden Attacken ausgesetzt: Schauspieler gehen über Stühle und Schranken, das Licht geht an und aus, wie in den Theatern der 70er. Darüber wird Büchners Text plattgewalzt. Die Schauspieler entwickeln nie einen Sinn für die Kraft, die in seiner Poesie verborgen ist.

Das ist dann doch so unerfreulich wie die gefühlte Temperatur des Blut-Pools, der den zweiten Teil hindurch Danton und Genossen als Gefängnis dient. Zum Schluss kracht noch einmal der Bierkasten, die Decke rummst aufs revolutionäre Planschbecken. Klappe zu, alles klar.

„Dantons Tod”, Drama von Georg Büchner, Theater Mönchengladbach, Odenkirchener Str. 78.

Inszenierung: Thorsten Duit, Bühne (Foto)/Kostüme Michael S. Kraus, musikalische Leitung: Juan Garcia, zweieinhalb Stunden, eine Pause.

Nächste Vorstellungen am 7. Januar (ausverkauft), 24. Januar, 18. und 28. Februar, 5., 6. März, Beginn jeweils 20 Uhr, Karten siehe Hinweis.

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