Köln - Westernhagens Leidenschaft ist zurückgekehrt

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Westernhagens Leidenschaft ist zurückgekehrt

Von: Susanne Schramm
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Seine kratzige Stimme hat wieder deutlich mehr Ruhe gefunden: In Köln faszinierte Marius Müller-Westernhagen rund 14000 Zuschauer mit einer großen Show. Foto: Thomas Brill

Köln. Zu manchen Konzerten geht man mit einem gewissen Magengrummeln. So auch Samstagabend zu Westernhagen in die Lanxess-Arena. Die letzten Live-Erlebnisse mit dem Sänger, 2005 auf Comeback-Tour mit „Nahaufnahme” und 2008 beim „60th Birthday Bash”, waren gewöhnungsbedürftig.

Und, von der Band und dem Gefühl, den eigenen Lebensweg im Zeitraffer von Stücken wie „Mit 18”, „Freiheit” oder „Schweigen ist feige” zu durchleben, abgesehen, auch nicht unbedingt überzeugend. Letztes Jahr im Oktober hat Westernhagen mit „Williamsburg”, nach vier Jahren Pause, ein Album mit neuen Stücken heraus gebracht.

Schlenker zur Countrymusik

Die zumindest ließen hoffen. Kein Vergleich zur pathetisch-peinlichen „Nahaufnahme”, sondern vielmehr eine solide Mischung von erdigen Blues-Songs, rockigen Balladen und souligen Kompositionen mit kurzem Schlenker zur Countrymusik. Kein Schnickschnack, kein Firlefanz. Aber live? 150 Minuten, 18 Stücke und acht Zugaben später ist man schlauer. So ein Konzert betitelt sich quasi von selbst: „Wieder hier”.

Der Titel der zweiten Single-Auskopplung vom 1998er-Album „Radio Maria” steht leitmotivisch über diesem zur Gänze wundervollen Abend. Auch wenn das Westernhagen-Hasser, und die gibt es, nicht gerne hören werden. Sicher, der gebürtige Düsseldorfer, der im Dezember 62 Jahre alt wird, gewandet sich, seit einiger Zeit schon, exzentrisch. Aber so lange er solche Auftritte hinlegt, wie den Samstagabend in Köln, kann man ihm auch das dramatisch geschlungene Dandy-Halstuch in azurblauer Seide überm schwarzweiß gepunkteten Hemd, die dunkel verglaste Nickelbrille und die viel zu dünnen Beine in den viel zu engen Hosen verzeihen.

Sogar den mehrfach geknickten, zylinderartig hohen Strohhut, den er beim Zugabenteil trägt, kann man ignorieren. Und das will schon was heißen. Gleich mit dem Opener „Jesus” ist Westernhagen voll da. Und jeder der 14.000 Fans ganz bei ihm. Die Tour-Band, die aus acht, zumeist britischen und amerikanischen Musikern, besteht, ist first class, die Backgroundstimmen von Don Jackson und Della Miles haben es in sich.

Della Miles darf ihr Soul-Talent später noch bei „Baby I Want You” unter Beweis stellen, diesmal da, wo sie eigentlich hingehört - ganz vorne auf der Bühne. Dass „Williamsburg” die alte Leidenschaft wieder voll entfesselt hat, merkt man beim dritten Stück „Wir haben die Schnauze voll”, das alle, aber auch wirklich alle, mitsingen. Anders als unlängst bei Sting oder Peter Gabriel in der Kölner Arena, ist das hier wirklich ein Rockkonzert. Fast so, wie es früher einmal war. Mit unbestuhltem Innenraum, ohne Pause und mit Fans, die immer dann, wenn„s gefühlvoll wird, keine Handys hochhalten, sondern Feuerzeuge. Westernhagens kratzige Stimme hat wieder mehr Ruhe gefunden, klingt tiefer und weniger gehetzt als auf der Geburtstagstour.

Auch die grantigen Kommentare in Richtung Publikum lässt der 61-jährige inzwischen bleiben, stattdessen lobt er immer wieder und gönnt jedem Bandmitglied eine ausführlich Vorstellung. Die Bescheidenheit steht Westernhagen. Und dass es ihm sogar gelingt, eine Nummer wie „Mit Pfefferminz bin ich ein Prinz” so zu bringen, dass vom scheinbar längst abgelutschten Drops die Späne fliegen, ist eine reife Leistung. Auch auf die anderen Lieblinge wie „Es geht mir gut”, „Willenlos” und „Schweigen ist feige”, „Ganz und gar”, „Sexy” und „Mit 18”, „Wieder hier” und, als letzte Zugaben, „Freiheit” und „Johnny Walker”, muss an diesem Abend niemand verzichten.

Positiv fällt auf, dass die neuen Stücke, darunter besonders „Hey, Hey”, das um kurz nach 21.30 Uhr als gewaltiges Echo aus zehntausenden Kehlen durch die Arena schallt, nicht einfach nur hingenommen, sondern vom Publikum begeistert goutiert werden. „Der Weg war weit, der Weg war weit”, singt Westernhagen im Refrain der achten Zugabe „Engel”. Manchmal lohnt es sich aber trotzdem, ihn zu gehen. Wenn man da wieder ankommt, wo man eigentlich hingehört. Von „Nahaufnahme” war in der Arena kein Stück dabei.
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