Aachen - „West Side Story“: So viel Energie war selten im Theater

„West Side Story“: So viel Energie war selten im Theater

Von: Armin Kaumanns
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Die Aachener „West Side Story“ lebt vor allem von atemberaubenden Tanzszenen. Das Publikum feiert die Premiere enthusiastisch. Foto: Ludwig Koerfer
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Tragisches Liebespaar: Camille Schnoor und Patricio Arroyo. Im Hintergrund ist Sanja Radišić zu erkennen. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. So viel Jubel war lange nicht. Nach der Premiere der „West Side Story“ zur Spielzeiteröffnung auf der großen Bühne im Theater Aachen hielt es nun wirklich fast niemanden im Saal auf seinem Sitz. Das Publikum feierte einen rasanten Musicalabend, der unversehens zum Tanzabend geworden war.

Leonard Bernsteins „Mutter aller Musicals“ wirbelte phasenweise wie entfesselt über die weitgehend leere Bühne, weil da in Gestalt der rivalisierenden Gangs der Sharks und Jets ein mehr als 20-köpfiger Trupp unglaublich motivierter Tänzerinnen und Tänzer die aus dem Graben hochpeitschende Musik in pure Bewegung umformte. Choreograph Joost Vrouenraets avanciert so zum Star hinter der Inszenierung von Ewa Teilmans, die an der jungen, sprühenden, tragischen Romeo-und-Julia-Adaption aus den 50er Jahren auch interessierte, wie denn wohl die arme Maria nach dem Tod ihres Tony mit ihren Traumata klarkommt, wenn sie alt und grau ist.

Das fetzt, das haut rein

Bernsteins Meisterwerk ficht solche Bedeutungsschürferei nicht weiter an. Und das muss man der Regisseurin lassen: Indem sie ihren Akteuren viel Raum für Fantasie gewährt, gewinnt der Musicalabend eine enorme Durchschlagskraft. Das zeigt sich in den Szenen, in denen Bewegung vorherrscht: Freiheitsdrang, Feierlaune, Kampf ums Revier, Balzereien – das Lebensgefühl der Jugendlichen löst sich in teils atemberaubend rasanten Choreographien in pure Energie auf.

Wesentlich beteiligt daran ist Aachens Zweiter Kapellmeister Volker Hiemeyer, der aus den zur Jazzband umgewidmeten Sinfonikern Sounds und Rhythmen herauskitzelt, die unmittelbar in die Glieder fahren und bisweilen eine Intensität erreichen, bei der schon ein Schutz des Trommelfells anzuraten wäre. Das fetzt, das haut rein.

Zudem zählt das Haus am Theaterplatz einige Profi-Sänger zum Ensemble, die auch im Musicalfach erstaunliche Fähigkeiten entwickeln. Patricio Arroyo ist ein wunderbarer Tony, sein „Maria, Maria, Maria“ hat auch übers Kopfmikrofon genau den tenoralen Schmelz, bei dem ein Mädchen schwach werden muss. Der hell leuchtende Sopran von Camille Schnoor als Maria rutscht nur ganz selten ins Opernfach hinüber, doch auch da glaubt man ihr das Drama. Die Balkonszene der beiden, dieses einfach wunderbare „Tonight“, wird zu einem stimmungsvollen Höhepunkt des an Hits überreichen Musical-Abends.

Mit ihrem farbenreichen Mezzo trägt Sanja Radiši als feurige Anita ganz wesentlich zum Gelingen dieses Projekts bei. Tanzen kann sie übrigens auch, und zwar ausnehmend gut – was auch für den Bariton Benjamin Werth und das Schauspielensemble-Mitglied Philipp Manuel Rothkopf gilt, die sich als Anführer der Gangs in hasserfüllter Abneigung verbunden sind.

Diese Aachener „West Side Story“ erfordert eine Tanzbühne. Also ist der Raum von Oliver Brendel leer und schwarz – bis auf zwei mobile Wände, die am Bühnenportal wie mit Scharnieren befestigt sind. An der einen klettern Jets und Sharks herum, die andere gibt hinter einer Schiebetür den Blick auf Bar oder Schlafzimmer frei. Teilmans geht souverän mit dem Raum um, lässt mal einen Glitzervorhang (für die Tanzabend-Szene), mal eine Rampe (als Balkon-Ersatz) einschweben. Ambiente besorgen die legeren Kostüme, mit der Andreas Becker in eine nicht weit zurückliegende Zeit verweist.

Überhaupt: Wenn Musik erklingt, ist auf der Bühne Action. Wenn jedoch Sänger, Tänzer und Schauspieler sprechend längere Zeit den Plot nach vorn treiben müssen, ist bald Langeweile mit im Spiel. Rainer Krause muss den Doc mit erhobenem Zeigefinger in Ringelpulli und Mütze geben; Thomas Hamm ist ein Klischee-Polizist mit Trenchcoat und Kaugummi. Und warum die weiß geschminkte Greisin (Irena Orawiec als Marias gealtertes Alter Ego) den dafür entblößten Tänzern an die Sixpacks tatschen darf, entschlüsselt sich wahrscheinlich nur Eingeweihten.

Immerhin gelingt Ewa Teilmans – trotz Greisin – ein traumhaft schönes Schlussbild: Tony ist tot, seine Leiche wird weggetragen; Maria folgt dem Zug zum schwarzen Bühnenhintergrund, in dem sich inzwischen das Tor zur Theaterstraße geöffnet hat: Die Ampel steht auf Rot, Bremslichter scheinen auf, leiser Verkehrslärm dringt ins traurige Schwarz des Bühnenhauses. Leise verklingt Bernsteins Musik. Dann brandet Jubel auf.

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