Aachen - Wenn Oma den Enkel nicht mehr erkennt

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Wenn Oma den Enkel nicht mehr erkennt

Von: Eckhard Hoog
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Erschütternde Studie eines Fa
Erschütternde Studie eines Falles von Demenz: Renate Fuhrmann und Patrick Dollmann reißen das Publikum nach der Premiere des Stücks „Im Stillen” im Aachener Grenzlandtheater spontan zu Standing Ovations hin. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. „Ich will hier nicht mehr sein, ich will nach Hause...” Wie ein Häufchen Elend zittert Margarete - eben noch die vitale 70-jährige Seniorin - zusammengesunken und einsam auf einem Stuhl, umgeben von steril-weißen Wänden eines Heims.

´Sinnbild für die Leere, die von ihrem Leben übrig geblieben ist. „Im Stillen”, das Stück von Clemens Mädge, das im Untertitel als ein „Abend zum Nachdenken über die Vergesslichkeit” annonciert wird, endet im Aachener Grenzlandtheater nach kaum mehr als einer Stunde. Keine Minute länger hätte die Aufführung dauern dürfen, dazu wird die Seele des Zuschauers viel zu sehr strapaziert - wie bei einem Drei-Stunden-Drama, nur konzentrierter, viel intensiver.

Schmerzhafte Studie

Wenn die Erinnerungen schwinden: Eine Großmutter und ihr Enkel liefern hier die bedrückende, schmerzhaft unter die Haut gehende Studie eines Falles von Demenz. Die beiden Darsteller Renate Fuhrmann und Patrick Dollmann ernten nach der Premiere umgehend und spontan Standing Ovations eines ebenso begeisterten wie gerührten Publikums, gleichfalls Manfred Schneider (Bühne, Kostüme) und Uwe Brandt für seine hochsensible Regie.

Bis auf ihre Küche ist für Margarete, eine rüstige, hellwache Siebzigerin, die Welt zusammengeschrumpft; für ihren Hermann ist sie nach der Pensionierung noch kleiner geworden: Die besteht nur mehr aus dem Sofa vor dem Fernseher. Doch Margarete hat weder Lebensmut noch Lebenslust verloren, im Gegenteil, sie will eigentlich mehr als nur täglich das Kreuzworträtsel aus der Tischschublade ziehen oder aus dem Fenster sehen. Ihr einzig verbliebener Lichtblick im Alltag, nachdem sich die drei Kinder schon lange nicht mehr blicken lassen: ihr Enkel Jonas, der sie fast täglich besucht.

Die rührende Beziehung zwischen Margarete, die nicht Oma genannt werden will, und dem Enkel, der als Student seinen Platz im Leben noch lange nicht gefunden hat, offenbart sich über Monologe: Margarete und Jonas erzählen wechselweise von sich und ihren Gefühlen, als die Großmutter erste Ausfallerscheinungen zeigt, Hermann - den man nicht zu Gesicht bekommt - längst an Alzheimer leidet und schließlich stirbt. Bis dahin findet Margarete den Weg in ein flüchtiges alternatives Leben im Internet über ein Laptop, den Jonas ihr schenkte: Als vorgeblich 25-jährige Bloggerin sucht sie auf diese Weise Kontakte.

Die Epochen ihres Lebens verschwimmen dabei allmählich: Margarete wähnt sich als Kind ebenso wie als junge Frau oder Großmutter - bis die gravierende Veränderung sich in Kleinigkeiten andeutet: wenn sie den Pullover in den Kühlschrank steckt, die Bilder an der Wand nicht mehr findet. Die Ebenen und Zeiten vermischen sich mit dem Maß der persönlichen Auflösung immer weiter. Schließlich erkennt sie auch Jonas nicht mehr.

Die Wirkung ist umwerfend: Renate Fuhrmann stellt den fortschreitenden Persönlichkeitsverlust der Margarete ebenso wie all die gefühlsmäßigen Wechselfälle, die ihr das Schicksal im Laufe des Lebens bereitet hat, derart glaubwürdig dar, dass man den Eindruck bekommt, hier schüttet die eigene Großmutter ihr Herz und Leiden aus. Entsprechend intensiv steigert sich das Mitgefühl am Ende fast bis zur Erschütterung. Was Demenz bedeutet, für den Betroffenen wie die Familie, hier wird es auf emotionaler Ebene bis zur Grenze deutlich. Auch dank einer einfühlsamen Regie, die das schwierige Spiel mit den verschiedenen Ebenen und Rückblicken ebenso präzise herausfräst wie die Stadien des Krankheits- und Beziehungsverlaufs.

Ohne die sensiblen Reaktionen des Enkels - auf den Tod des Opas oder die Ausfälle der Margarete - wäre „Im Stillen” nicht halb so wirksam. Patrick Dollmann spielt die Persönlichkeitsentwicklung des Jonas, die Verantwortung, die er mehr und mehr übernimmt, ebenso überzeugend heraus wie die Schwierigkeiten, die er mit seinem eigenen Leben hat. Das buchstäbliche Auseinanderbrechen der Küchenwände als Sinnbild des Verfalls wäre eigentlich gar nicht mehr nötig gewesen.

Zum Schluss erscheinen Gesichter betroffener alter Menschen aus Aachen in Großprojektion auf den Wänden - und der Satz: „Hätte ich das gewusst, hätte ich anders gelebt.” Möglicherweise ist es dazu ja noch nicht zu spät . . .

Weitere Aufführungen bis zum 18. April

„Im Stillen” von Clemens Mädge im Grenzlandtheater; in der Elisen-Galerie Aachen bis 9. April, in der Region vom 11. bis 18. April.

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