Wenn auch Sprache an ihre Grenzen stößt

Von: Sarah Sillius
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Wer ist der Angreifer, wer der Geschlagene? „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“ mit Mona Creutzer und Jochen Deuticke. Foto: Loni Liebermann

Aachen. Hinter dem Salvatorberg geht gerade die Sonne unter, als sich zwei dunkle Gestalten in der Dämmerung treffen. Es sind der Dealer (Jochen Deuticke) und der Kunde (Mona Creutzer) aus Bernard-Marie Koltès‘ „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“.

Für die Inszenierung des philosophischen Einakters hat das Aachener Theater K einen ungewöhnlichen Schauplatz gewählt. Auf dem Nachbar-Hügel des Lousbergs werden die Zuschauer Zeugen einer dramatischen Begegnung. Dreimal wechseln sie ihren Standort, um den Protagonisten und ihren Redeschlachten zu folgen.

„Mein Wunsch, wenn es ihn gibt, würde Ihnen das Gesicht verbrennen, wenn ich ihn ausspräche“, sagt der Kunde. Der Dealer weiß nicht, was der Kunde will. Und der weiß nicht, was der Dealer in seinen Koffern mit sich trägt. Mit jeweils zwei langen Stöcken bewaffnet, umkreisen sie sich wie zwei Raubtiere und feilschen tänzerisch um ihre Wünsche und Bedürfnisse.

An der zweiten Station, vor der Salvatorkirche, setzt sich ihr Machtkampf in abwechselnden Monologen fort. Wer ist der Angreifer, wer der Geschlagene? Wer wird gedemütigt, wer zurückgewiesen? Die Hierarchie-Frage spiegelt sich auch im Blickwinkel der Zuschauer: Sie sind inzwischen nicht mehr auf gleicher Höhe mit den Protagonisten, sondern blicken zu ihnen hinauf.

An Station drei, in der Kirche, ist die frontale Blickrichtung völlig aufgelöst. Die Zuschauer wandern zwischen Gängen und Sitzbänken umher, um das Geschehen aus allen Blickwinkeln zu betrachten. Aufgehoben ist auch der Live-Dialog zwischen Dealer und Kunde. Die Sprache ist an ihre Grenzen gestoßen. Die Protagonisten bewegen sich nun wortlos aufeinander zu und voneinander weg – und beziehen dabei den gesamten Kirchenraum mit ein. Ihre Stimmen ertönen vom Band (Audioproduktion: Manfred Leuchter), ihre Wünsche und Ängste bebildern die Wände (Foto- und Videoinstallation: Loni Liebermann). Das Stück kehrt sich in eine multimediale Performance um.

Mit der Anzahl der Medien steigern sich auch die Deutungsebenen. Hinter der vordergründigen Aktion von Handel und Verkauf können vielerlei Gegensatzpaare stehen: Verlangen und Besitzen, Annäherung und Abweisung, Einsamkeit und Nähe, Liebe und Hass. Mona Creutzer (nicht nur Darstellerin, sondern auch Regisseurin des Stücks) zwingt dem Zuschauer keine Deutung auf. Ihre Inszenierung ist als abstrakte Annäherung an das Stück und an den neu geschaffenen Kulturraum Salvatorberg zu verstehen. Ein Experiment, auf das sich der Zuschauer einlassen muss. Das Premierenpublikum hat es gewagt – und bedankt sich mit großem Applaus.

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